Donnerstag, 16. Dezember 2010

Kerner in Afghanistan: Guttenbergs Geschmacksverirrung

Zum ersten Mal seit langem stimme ich mit Sigmar "Siggy Pop" Gabriel überein.

Zwar nicht in einer zentralen politischen Frage, so doch in einer nicht unwichtigen Stilfrage.

Siggy Pop nämlich kritisierte am Montag, dass Verteidigungsminister zu Guttenberg seine Frau und den Fernsehmoderator Kerner mit nach Afghanistan genommen hatte. 

Mir ist es zwar egal, ob er seine Frau mitnimmt oder nicht. Und je mehr Aufmerksamkeit dem Krieg in Afghanistan zuteil wird, desto besser. Also habe ich nichts gegen eine Live-Berichterstattung aus Afghanistan oder ein Interview, dass vor Ort aufgezeichnet wird. Im Gegenteil, in den letzten Tagen habe ich mir oft überlegt, warum bislang eigentlich nicht viel intensiver direkt aus dem deutschen Lager berichtet wurde.

Zu Guttenberg hat allerdings in der Wahl Johannes B. Kerners eine Geschmacksverirrung erster Güte bewiesen. Dabei gilt er doch sonst als so stilsicher. Doch hier zeigt sich wohl, dass Stilsicherheit in Sachen Kleidung noch nicht viel über Stilsicherheit auf anderen Gebieten aussagt.

Zunächst ist Kerner kein Fachjournalist, ganz davon zu schweigen, dass er sich auf dem Gebiet der Verteidigung, der inneren Sicherheit oder der Außenpolitik in irgendeiner Art hervorgetan hätte. Wenn man ihm wohlwollend gegenüberstünde, würde man sagen, dass er alles ein bißchen kann: ein bißchen Kochshow, ein bißchen Fußball, ein bißchen Promi-Talk.

Wenn man ihn realistisch einschätzt, müsste man jedoch eher zu dem Schluss kommen, dass er nichts wirklich kann; vor allem aber, dass er von nichts wirklich Ahnung hat.

Sich Kerner als Aktenfresser vorzustellen, der sich in ein Thema einarbeitet oder sogar ehrlich interessiert fällt genauso schwer, wie ihm seinen angeblich wiederentdeckten katholischen Glauben abzukaufen, den er, wen wundert's, natürlich standesgemäß bei "Maischberger" verkündete.

Kerner ist ein Fähnlein im Quotenwind: so offensichtlich leer, so auffällig opportunistisch; so stillos eben. 



Doch diese Dinge sind ja längst bekannt. Nicht umsonst weigerte sich Harald Schmidt jahrelang, auf Veranstaltungen zu gehen, die von Kerner moderiert wurden; wenn er ihn sehe, so Schmidt, müsse er "an sich herunterkotzen". 


Es gibt, wenn man eine Person des öffentlichen Lebens ist, wohl Anlässe, bei denen man um Kerner nicht herum kommt. Dazu gehören Fernsehpreisverleihungen, Galas aller Art. Kerner hat es irgendwie geschafft, ständig überall dort zu sein, wo Menschen, die sich wichtig finden, sich gegenseitig Preise verleihen. Kerner ist der Speichellecker der Stars. So ist es wohl auch für zu Guttenberg fast unmöglich, an Kerner vorbeizukommen.


Es ist aber doch ein Unterschied, wenn man sich einen Journalisten gezielt für ein Interview aussucht. Es stellt sich unweigerlich die Frage: hätte sich nicht jemand anderes angeboten?


Es muss ja nicht gleich ein Biedermeier à la Uli Deppendorf sein. Doch die Wahl von Kerner ist so schrill, so unpassend für das Thema Afghanistan, dass man es kaum glauben mag.


Hätte es nicht Uli Wickert getan? Klaus Bednarz? Hätten nicht erfahrene Journalisten vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen einen seriöseren Eindruck gemacht? Leute, die sich auskennen, die schon oft vor Ort waren? Leute die man ernst nehmen kann?


Die Geschmacksverirrung zu Guttenbergs liegt als im Detail. Sein Versuch, Aufmerksamkeit fürs Thema zu erregen, ist kein schlechter Ansatz. Doch scheinbar hat er kein Gespür dafür, womit viele Deutsche den Namen Kerner verbinden: mit oberflächlichem Boulevardjournalismus. 


Wer sich so im Stil vergreift, darf sich nicht wundern, wenn sogar Siggy Pop mal recht hat.



































Montag, 6. Dezember 2010

Empörung, Ignoranz und Heuchelei - ein schmaler Grat

Ein Aufschrei geht durchs Land! Und eine Frage: "Machen die im Fernsehen denn mittlerweile (sic) alles der Quote zuliebe?"

Eine interessante Frage ist das, wenn auch eine rhetorische. Oder ernst gemeint? Zumindest habe ich sie seit vorgestern abend des öfteren gehört, seit ein 23-Jähriger bei "Wetten,dass..." schwer verungückte beim aberwitzigen Versuch, mit High-Tech-Stelzen über Autos zu springen und dabei noch einen Salto zu schlagen.


Also zur Ausgangsfrage, die doch recht empört daherkommt: Dazu ein kleiner Ausschnitt aus meinem Leben als aktiver Fernsehzuschauer:

Vor etwa drei Wochen lief die Sendung "Das Supertalent" auf RTL. Dabei stand ein braungebrannter, durchtrainierter Deutscher in einer enganliegenden Jeansshorts auf der Bühne und schüttete Buttermilch über seinen Körper. Vielleicht hat er dazu noch gesungen, ich weiß es nicht mehr genau, doch es spielt in diesem Zusammenhang auch keine Rolle.

Ja, das Fernsehen tut alles der Quote zuliebe. Und es wird auch weiter so sein. Ich weiß nicht ob es gut der schlecht ist. Doch es ist klar, dass alle, die jetzt empört aufschreien entweder Heuchler sind, die es eigentlich besser wissen oder aber Ignoranten, die wirklich nur einmal im Vierteljahr den Fernseher einschalten. Dann nämlich, wenn "Wetten, dass..." läuft.


Doch auch dann kann man eigentlich kaum überrascht sein, dass ein solches Unglück passiert. Denn welche Sendung, wenn nicht "Wetten,dass..." bezieht ihre Existenzberechtigung daraus, dass verrückte Menschen verrückte Dinge tun? Das war schon immer das Prinzip der Sendung: alles für die Unterhaltung, alles für die Quote. Würde also jetzt ernsthaft darüber diskutiert, ob man solche Stunts künftig nicht durchführen sollte, würde man unweigerlich gleichzeitig über die Existenzberechtigung dieser Sendung diskutieren. Und genau aus diesem Grunde wird alles beim alten bleiben, denn "the show must go on". Niemand beim ZDF würde auch nur ernsthaft erwägen, das Grundprinzip der erfolgreichsten TV-Show Europas zu erschüttern.


Der Vorfall am Samstag war also ein tragischer Zwischenfall. Aber auch nur dass. Man muss kein Zyniker sein um zu wissen, dass der junge Mann in einer Woche von den wenigsten Medien noch erwähnt wird, dass die Sicherheitsvorkehrungen (vielleicht nicht einmal zu unrecht) die selben bleiben und dass uns die barocke Goldmähne bereits in wenigen Wochen wieder aus einer anderen Mehrzweckhalle begrüßen wird.