Montag, 14. Februar 2011

Der dicke Maurice, Manuela Schwesig und die falschen Fragen

Anne Will bediente sich gestern abend eines ganz schön beknackten Tricks: sie schob einen dicken 13-jährigen vor, um den beiden rumdrucksenden Politikerinnen Schwesig und von der Leyen klare Statements zum Thema Regelsätze bei Hartz IV abzuringen.
Der dicke Junge namens Maurice wurde gezeigt, wie er in einem Jugendzentrum mit gleichaltrigen Tischtennis spielt. Sein Vater arbeitet als Leiharbeiter auf dem Bau und kann seine 8 Kinder scheinbar nur schwer über die Runden bringen.

Maurice, mit ARD-Mikrofon ausgestattet, wurde also angeleitet, folgenden Satz in die Kamera zu plärren: „Frau von der Leyen, Frau Schwesig. Eine will 11 Euro mehr, eine will 5 Euro mehr. Könnt Ihr aufhören euch zu streiten und euch einfach in der Mitte treffen bei 8 Euro?“
Logischerweise taten die beiden Damen ganz gerührt, und fanden Maurice ach so anrührend. Ich fragte mich allerdings, warum Maurice denn so dick ist, wenn er doch scheinbar so wenig Geld hat und gar noch sieben Geschwister. Müsste er nicht dünn sein, wenn er wenig zu essen hat? Und wenn Maurice dick ist, sind dann etwa seine Geschwister spindeldürr, weil Maurice ihnen alles wegisst?

Ich habe das dumpfe Gefühl, dass auch die Brüder und Schwestern von Maurice fettleibig sind. Und dafür können sie natürlich nichts, denn sie sind ja Kinder. „Kinder“ war bei Anne Will sowieso das Zauberwort, vor allem für die genannten Damen. Denn klingt nicht jeder fade und trockene Politikersatz nicht gleich ganz geschmeidig, wenn man dabei an die Kinder denkt? Anwalt der Kinder ist doch jeder Politikern gern.

Schade nur, dass dabei die Ehrlichkeit auf der Strecke bleibt. Anstatt sich bei Maurice einzuschleimen, hätte man doch mal seinen Vater fragen können: warum genau wolltest du doch gleich acht Kinder zeugen? Und wenn du es nicht wolltest, warum ist es dann passiert? Wenn du nicht hochqualifiziert bist und deine Frau nicht arbeitet, wäre es dann denkbar, erstmal nur zwei Kinder zu zeugen?

Aber diese Fragen sind natürlich nicht zu erwarten, nicht mal von den Herren Spreng und Augstein, die ihre Chance verpassten, den Finger einfach mal in die Wunde zu legen. Vor allem Augstein machte sich zum Anwalt der Kinderproduktionsschicht, ohne ein kritisches Wort, ohne eine Silbe zum Sinn und Unsinn von acht Kindern.

Der Erkenntnisgewinn war wie zu erwarten also gleich null bei Anne Will. Obwohl: die SPD scheint wirklich vollkommen vor die Hunde zu gehen. Waren früher noch halbwegs seriöse Gestalten in Talkrunden zu sehen (Steinbrück, Struck, Müntefering), so präsentiert sich das Personal heuer geradezu gespenstisch inhaltslos.

Manuela Schwesig könnte ich mir gut in einer Eckkneipe vorstellen, mit einer Kippe im Mundwinkel und einer Flasche Jever in der Hand, wie sie mit ein paar Arbeitslosen über das böse Establishment lästert. Aber hat die SPD ernsthaft nichts besseres zu bieten als diese Rosa Luxemburg für Arme? Ich mache mir langsam ernsthaft Sorgen um diese Partei.

Zum Glück gibt es die Mediathek, wo man Äußerungen mehrmals anhören kann. Ohne diese hätte ich meinen Ohren nicht getraut, als Schwesig Herbert Grönemeyer mit seinem Lied „Kinder an die Macht“ zitierte und sagte, Maurice und die Kinder hätten die Probleme mit Hartz IV schon längst gelöst. Ja, richtig. Auf so einem Niveau bewegen sich deutsche Politiker im Jahr 2011.

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