Mittwoch, 19. Oktober 2011

The Grand Old Party und Ronald Reagans Jünger

Natürlich werden die Republikaner nächstes Jahr nicht Herman Cain als Kandidaten ins Rennen ums Weiße Haus schicken. Zwar zieht der Self-Made-Millionär, der den Krebs besiegt hat, momentan an den anderen Kandidaten in Umfragen vorbei. Doch so weit wird's ja gerade noch kommen, dass eine ultra-rechte, christliche Partei einen Schwarzen zum Präsidentschaftskandidaten küren.
Mal ehrlich: alles darf man den Republikanern auch nicht zumuten. Da müssen sie schon Obama seit zweieinhalb Jahren ertragen, einen Schwarzen, oder zumindest einen Halbschwarzen (interessanterweise hat Obama ja eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater, wird aber immer als "Afro-American president" bezeichnet - ist er aber nicht gleichermaßen ein "white president", wenn ein Elternteil weiß ist?). So masochistisch sind Amerikas Rechte einfach nicht. Cain kommt ihnen aber wohl gerade recht: zum einen haben sie jetzt ein Gegenargument gegen den von Linksprogressiven oftmals geäußerten Vorwurf, eigentlich im Kern rassistisch zu sein. Zum anderen ist Cain unterhaltsam, hat einfache Formeln für die simple-minded Republicans wie seinen 9-9-9-Plan zur Wiederherstellung Amerikas wirtschaftlicher Potenz und bringt etwas Wind in die fade Kandidatenrunde. Cain, wäre er weiß, wäre der perfekte loudmouth-Kandidat der Rechten, er ist mit Abstand der interessanteste Kandidat im Rennen. Aus genannten Gründen wird er jedoch nicht gegen Obama ins Rennen gehen, schon allein die Wähler, die mit der Tea Party sympathisieren und glauben, dass die Arche Noah wahrhaftig existiert hat, werden dafür sorgen.
Spannend ist die Frage, ob die Republikaner tatsächlich für den aalglatten Langweiler und Mormonen Mitt Romney entscheiden. Romney sieht gut aus, hat "Erfahrung in der Wirtschaft" (Kernkompetenz seiner Firma war die effektive Restrukturierung von Unternehmen, sprich: er feuerte Leute und machte damit sein Vermögen), was bei Amerikanern ja generell Massenerektionen auslöst und wettert routiniert gegen das establishment in Washington. Romney hat allerdings viele Probleme: er gilt als zu glatt, der Funken will nicht so recht aufs Volk überspringen. Seine Religion wird von vielen Amerikanern nicht akzeptiert und als Kult eingeschätzt (und wenn Amerikaner schon Religionen ablehnen, muss es schon sehr weit gekommen sein). Außerdem setzte Romney in seiner Zeit als Gouverneur von Massachussetts eine Gesundheitsreform durch, die Obama als Modell für Obamacare diente, was bei Hardcore-Republikanern, die gesetzliche Krankenversicherungen grundsätzlich ablehnen, ein totales No-Go ist.
Zu radikal erscheint vielen Wählern jedoch der texanische Gouverneur Rick Perry, der den mit "Niggerhead" beschrifteten Stein am Eingang der Farm seines Vaters nur halbherzig übertünchte und deshalb von politisch Korrekten in Beschuss genommen wurde. Es ist anzunehmen, dass viele Republikaner den Namen insgeheim eigentlich ganz formidabel finden und Perry Pluspunkte verbuchen konnte. Perry wirkt intellektuell unbeweglich, auch dies nicht zwingend ein Nachteil im Wettbewerb.
Michelle Bachmann ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man es ohne ein Übermaß an Hirnzellen, aber mit einer gehörigen Portion Sarah Palin, schicken Oberteilen, dem devoten Bekenntnis zum Ehemenn (Bachmann zufolge entschied sie sich fürs Jurastudium, nachdem ihr Mann sie dazu aufgefordert hatte) und hohlen Phrasen ("create more jobs [jaaabs] for Americans") doch recht weit schaffen kann. In Umfragen ist Bachmann ins Hintertreffen geraten. Ob dies an ihrem heuchlerischen Umgang mit Homosexuellen liegt (die sie in der Vergangenheit offen ablehnte und diese Tatsache nun abstreitet) sei dahingestellt. Phänomene wie Palin und Bachmann führen uns Deutschen vor allem immer wieder vor Augen, wie tief die kulturellen Gräben zwischen uns und dem average American dann eben doch oft sind. 
Was prägt das Denke der Amerikaner? Was ist ihnen wichtig? Auf diese Fragen gibt es viele Antworten. Meine Antwort ist folgende: Seit 1913, seit nicht einmal 100 Jahren, gibt es eine in der amerikanischen Verfassung festgeschriebene Einkommenssteuer (im sechzehnten Verfassungszusatz festgeschrieben). Das erklärt Vieles. Auch die weit verbreitete generelle Ablehnung von big government, die Auffassung, der Staat sei in den meisten Belangen weniger kompetent als Unternehmer, der Glaube, der Markt müsse alles regeln (auch im Gesundheitssystem). Die "Freiheitsliebe", die prinzipiell ehrbar ist, wird derzeit jedoch pervertiert. 
Obwohl die amerikanische Wirtschaft und die blauäugige Deregulierung der Finanzmärkte zur katastrophalen Krise von 2008 führte, halten vor allem die Republikaner am Mantra fest, dass die unsichtbare Hand des Marktes alles im Gleichgewicht halte. Dabei wird natürlich übersehen, dass diese These seit mindestens drei Jahren widerlegt ist. Und obwohl die meisten Kandidaten der Republikaner für das Rennen ums Weiße Haus vor drei Jahren dem massiven Eingriff der Regierung Bush/Paulson in die Wirtschaft zustimmten, werfen sie genau diese Eingriffe nun Obama vor, indem sie ihn für sein Stimulusprogramm von 787 Milliarden Dollar kritisieren. 
Steuern senken, Zinsen senken, Staatsausgaben senken. Mantren, beim Klang derer jeder Keynesianer Pickel bekommt, sind immer noch en vogue im rechten Lager Amerikas, und man betrachtet mit Schaudern und Belustigung, wie sich diese einstige Weltmacht selbst zerfleischt und ihr Schicksal in die Hand von geistig Kranken, Sonderschülern und Zampanos gibt. Für die vernünftigen, progressiven Amerikaner kann man nur hoffen, dass Obama weiter im Sattel bleibt und die Republikaner in vier Jahren einen Schritt nach links, Richtung Vernunft, Fortschritt, weg von Dogmen und Mantren machen und im 21.Jahrhundert ankommen.




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