Donnerstag, 29. September 2011

GUTTENBERG WIRD SEINEM TALENT GERECHT

Karl-Theodor zu Guttenberg wird "distinguished statesman" am "Center For Strategic and International Studies" (CSIS) in den USA.
Der scheinbar unbezahlte Job wird wohl genauso hohl sein wie der Arbeitgeber klingt. 
Über das CSIS sagte Bill Maher vor einigen Jahren: "I know it sounds like a bullshit organisation, but they say [George Bush] is drinking again."
Worauf Talkshowgast Christopher Hitchens antwortete: "It is a bullshit organisation."
Guttenberg bestätigt damit all die Kritiker, die ihn schon immer für einen Schaumschläger, einen Süßholzraspler gehalten haben. Das CSIS klingt hochtrabend, irgendwie global, irgendwie kosmopolitisch, und halt irgendwie nach gar nichts. Folgerichtig ist auch die Definition seiner künftigen Tätigkeitsfelder: sie sind nicht weiter bekannt. Es wird sie wohl auch nicht geben.
Das einzig interessante ist eigentlich die Tatsache, dass der Job unbezahlt sein wird. Vorträge im feinen Zwirn für viel Geld zu halten - wie Unternehmensberater und Politiker - das ist doch eigentlich Guttenbergs Metier. Dass er nun mit einem honorarlosen Job Vorlieb nimmt, spricht nicht gerade für eine zurückeroberte Reputation.
Bei einem ererbten Familienvermögen von rund 400 Millonen Euro sollte das dem Adelssprössling aber keinen Zacken aus der Freiherrenkrone brechen.



 

Dienstag, 27. September 2011

RAINER HOLZSCHUH, DER "SCHEINWERFER" UND DIE DEUTSCHE SPRACHE

Rainer Holzschuh, "kicker"-Herausgeber und Vollblutjournalist, hat sich in der Montagsausgabe des Sportmagazins einmal mehr selbst übertroffen. 
Kurzer Vorlauf dazu: Holzschuh dreht nun seit geraumer Zeit den "Scheinwerfer" im "kicker", was praktisch das Edelste ist, was man beim "kicker" machen kann. Der Herausgeber "dreht" traditionell den "Scheinwerfer". Das war nun aber gefühlte 290 Jahre Karl-Heinz Heimann.
Als Heimann von 1912 bis 2008 den "Scheinwerfer" drehte, erschien oben in der Rubrik immer ein Bild von ihm. Beim Anblick des Fotos stellte ich mir immer die gleiche Frage: Ist das Heimann auf dem Sterbebett? Heimann hatte die Augen kaum geöffnet, nur einen kleinen Spalt weit, wenn überhaupt. Sein Mund dagegen war weit offen, wie bei einem Rentner, der qua Schnappatmung versucht, noch die letzten Züge Sauerstoff in seine Lungen runterzuziehen, bevor er die Kurve entgültig kratzt.
Jahrelang jedoch drehte Heimann weiter, offensichtlich aus der Unterwelt. Schrieb jemand die Kolumnen für ihn? Ein Ghostwriter beim "kicker"? Unvorstellbar! Oder doch nicht? Hatten etwa Jean-Julien Beer, Oliver Birkner, Thomas Hennecke oder gar der verbitterte Klaus Smentek ihre Finger im Spiel? Oder dreht - kaum vorstellbar - Rainer Holzschuh bereits weitaus länger am "Scheinwerfer", als es die offiziellen "kicker"-Annalen ausweisen? 
Nein - all das ist tatsächlich undenkbar. Der "kicker" ist das seriöseste, ernsthafteste, humorfreiste Fachblatt der Bundesrepublik - niemals würde man jemanden unter falschem Namen schreiben lassen, nicht mal für die Legende Heimann. Dazu ist man beim Olympia-Verlag in Nürnberg zu rechtsversessen, dazu ist die "kicker"-Redaktion zu preußisch und zu pietistisch.
Heimann also drehte fröhlich bis ins 117.Lebensjahr hinein den Scheinwerfer, schrieb über die Bayern, schrieb über Schalke, frotzelte über Neuerungen beim DFB, lästerte über den schwulen Jogi und Frauenfußball und frohlockte angesichts der deutschen Überlegenheit im Weltfußball Anfang der 90er Jahre, eine Zeit, die wohl zu den gloriosesten auch beim "kicker" gehörte (damals nämlich war der Innenteil noch komplett in Schwarzweiß gehalten und nicht so modern bunt wie heute. Viele der heutigen Neuerungen hätte Heimann wohl auch mit großem Argwohn betrachtet).
Nun gut, die Zeiten ändern sich. Heimann ist unter der Erde, und Holzschuh, der jahrzehntelang den eifrigen Heimann-Jünger gegeben hatte und ganz unruhig wurde, weil der Alte einfach nicht abdanken wollte, ist nun endlich nachgerückt. Der verbitterte Smentek durfte Chefredakteur werden oder wie die Schweizer sagen, "Chefredaktor", und alles scheint gut ausgegangen zu sein. Alles?
Nein, denn Holzschuhs Kampf mit der deutschen Sprache ging gestern in eine neue Runde.
"Die Jagd nach Erfolg erzeugt Druck" titelt Holzschuh in bedeutungsschwangerem Drittklässlerdeutsch. Ein Titel, so spannend wie der neueste Roman von Jussi Adler Olsen - gar nicht!
Nach allerlei Plattitüden zur Person Ralf Rangnicks nähert sich Holzschuh dann langsam dem zweiten Absatz, der furios mit folgender atemberaubender Metapher beginnt:
Das Burn-out-Syndrom greift seit einiger Zeit in einem Kreis um sich, dem man zutraute, eine Mauer aus mentaler Stärke um sich zu richten. Einst vereinzelte Fälle wie bei Branco Zebec, in denen Stars der Branche zum Alkohol griffen, wurden schnell abgehakt.

Aber Rainer, mal ganz langsam. Bist Du dir sicher, dass du im Zusammenhang mit "mentaler Stärke" die Metapher mit der Mauer wählen willst? Ist es nicht eher so, dass Menschen, die Mauern um sich errichten dazu neigen, sich zu isolieren, abzukapseln, soziale Bindungen einzureißen?
(siehe "Titan") Und ist mentale Stärke eigentlich nicht das Gegenteil, nämlich die Fähigkeit, Konflikte anzugehen und auszutragen, auf andere zuzugehen, kollegial zu sein, Druck auszuhalten? Und wie genau, Rainer, passt das eine jetzt zum anderen?

Eine "Mauer aus mentaler Stärke". Irgendwas passt da doch nicht. 
"Er hat eine Mauer um sich aufgebaut, keiner kam mehr zu ihm durch." Sowas hört man doch eher öfter mal dann, wenn sich einer am Apfelbaum hinter der Dorfkirche aufgeknöpft hat. Aber hört man es auch bei "mental starken" Charakteren? Z.B. "Manuel ist echt charakterstark. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen. Er hat nämlich eine richtig große Mauer mentaler Stärke um sich errichtet." Nein, das klappt doch nicht, Rainer.
Aber die Redaktionssitzung war vermutlich lang, und danach hat man sich wohl noch mit Moissidis und Smentek über Redaktionsinterna ausgetauscht. Da bleibt die eine oder andere Metapher halt auf der Strecke.
Gleiches gilt natürlich für die herrlich sinnlose Konstruktion "Einst vereinzelte Fälle wie bei Branco Zebec[...] hat man schnell abgehakt".  
Was meint der gute Rainer damit? Waren diese Fälle "einst vereinzelt", sind also mittlerweile die Normalität, an der Tagesordnung? Oder meint Rainer, dass die Fälle mentaler Schwäche, die "einst" bekannt wurden, damals schnell abgehakt und als "Einzelfall" eingeordnet wurden? Großes Rätselraten natürlich auch um seine Deutung "wurden schnell abgehakt". Von wem? Vom "kicker"? Den Medien? Den Offiziellen im Klub? Fand da etwa eine Tabuisierung statt? Mit diesen Fragen lässt mich Holzschuh leider im Stich.
Doch das gehört ja auch zum "kicker" dazu: Fachlich Premium-Pils, stilistisch zu saures Radler. Wenn's andersrum wäre, wäre ich beunruhigt. Deshalb: Weiter so, "kicker"! Weiter so, Rainer Holzschuh! Bleibt, wie ihr seid: Bieder, ernsthaft, fachlich kompetent! Oder wie es früher auf der Titelseite immer hieß (leider ist auch dieser Slogan  verschwunden): "AKTUELL - FACHLICH - KRITISCH".