Montag, 2. Januar 2012

Alard von Kittlitz und die Malaise der "FAS"

Oh je, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Seitdem das Blatt vor wenigen Jahren lanciert wurde, beobachte ich seine Entwicklung (aus der Distanz) mit großer Skepsis. Mir kam die FAS immer wie ein bunter, billiger Abklatsch der FAZ vor. Schwammige Themenauswahl, irrlichternde Artikel, halb philosophisch, halb Patricia Riekel Promi-heischend, irgendwie alles ein bißchen, irgendwie nichts richtig.

Und liegt es nicht im Interesse der FAZ-Herausgeber, dass ihre Leser Sonntags in die Kirche gehen? 

Das katholisch geprägte Mutterblatt räumt der Kirche doch immer mal wieder eine Seite ein und lässt Theologen und sonst sich zu moralischen Fragen Berufene gerne mal ein Statement abgeben. Und dann soll man sonntags auch noch Zeitung lesen? Das hat für mich nie zusammengepasst.
In Momenten größter Verlegenheit also, zum Beispiel sonntags an der Tankstelle,  als ich für meine sommerliche Freibadlektüre weder die Bams noch die Wams kaufen wollte, griff ich dann trotz größter Zweifel ab und an zur FAS.

Meine Bedenken (siehe oben) bestätigten sich meist. Sie kommt daher wie eine noch lightere Version der weichgewaschenen Zeit. Keine Meinungen, nur Anekdoten, Vermischtes, Belangloses. Genau das Gegenteil der FAZ eben.

Vor diesem Hintergrund hat es mich also auch nicht mehr gewundert, dass diese unsägliche "Zeitung" Jungspunde wie Alard von Kittlitz als Welterklärer via Kolumne auf die Menschheit loslässt.

Von Kittlitz, keine 30, überreisst hier in bester Günther-Jauch-Manier die großen Themen des Jahres 2011 noch einmal. Das hört sich dann so an:

"Die Probleme des vergangenen Jahres haben sich auch nicht aufgelöst, wir schleppen sie ins neue mit wie eine Grippe, die man nicht loswird. 2011 hatte etwas Erschütterndes. Wer kann sich an ein Jahr erinnern, in dem es derart Schlag auf Schlag kam, in dem so häufig Ratlosigkeit herrschte? NSU, Syrien, Libyen, Ägypten, Tunesien, Fukushima, Oslo, Guttenberg, Wulff, Sintflut in Bangkok, London im Chaos, Lampedusa, Stuttgart, Atomkraft-Moratorium, Nordkorea, Südsudan, Pakistan, Irak, Iran, Euro-Krise. Das war alles 2011."

Qualitätsjournalismus à la FAS eben. Einfach mal alles aufzählen, kann ja nicht schaden. Wo mag der vermeintliche Adelsspross dieses raffinierte, elegante Stilmittel wohl gelernt haben? In Berlin oder Paris, wo er, laut Kurzbiografie, Philosophie studierte, oder in Cambridge, wo er später ganz unbescheiden noch ein "Management"-Studium dranhängte? Cambridge-Studium und adeliger Name: weniger darf's bei der FAS aber auch nicht sein. Hauptsache, die Intellektuellen-Hülle stimmt. Wer schert sich da noch um Inhalte?

Von Kittlitz beschert uns einen Abschnitt weiter dann einen kleinen Geschichts-Exkurs:
"In Wirklichkeit sind das morbide Gedankenspiele. Sie finden Nahrung in einer unglaublich komplexen Gegenwart, aber sie sind gefährlich. Denn sie verführen dazu, den ganzen Kram hinschmeißen zu wollen, sich zurückzulehnen und dabei zuzugucken, wie diese ganze komplizierte Welt zum Teufel geht. Ernsthaft wünscht sich wohl niemand den Weltuntergang, aber der Gedanke an eine Katastrophe, nach der alles anders ist und neu, hat etwas Reizvolles. 1914 sind die Leute auch singend und feiernd in den großen Krieg gezogen, weil sie hofften, dass nach diesem Gewitter in ihren Köpfen wieder Klarheit herrschen würde, eine verloren geglaubte Einfachheit."
Meine Damen und Herren, ich präsentiere: Kriegseintrittsgründe 1914, revolutionär und noch nie dagewesen! Nicht mehr sind es Bündnisverpflichtungen und Großmachtfantasien einer kleinen, elitäre Gruppe von Monarchen und Militärstäben, die Europa zum ersten Mal an den Rand des Abgrunds führten. Dank Alard von Kittlitz wissen wir es jetzt besser: es waren die Menschen, die hofften, "dass nach diesem Gewitter in ihren Köpfen wieder Klarheit herrschen würde, eine verloren geglaubte Einfachheit." Danke, dass wusste ich nicht. Vielleicht auch deshalb, weil es gequirlte Scheiße ist?

Was folgt, ist eine - leider fehlplatzierte - Metapher:
"Wenn ein System zu kompliziert wird, muss man es zerschlagen. Wenn etwas krankt, soll man es nicht zu heilen versuchen, sondern kurzen Prozess machen. Das ist eine primitive Philosophie, die nicht nur die menschliche Fähigkeit leugnet, sich durch Nachdenken aus der Patsche helfen zu können, sondern auch so tut, als ob man die ganze Landkarte kennen muss, um zu wissen, was direkt vor der eigenen Nase liegt. Es ist die Philosophie Alexanders in der Geschichte vom Gordischen Knoten, den keiner entheddern konnte, bis er kam und mit einem einzigen Schlag seines Schwertes alle Verstrickungen durchtrennte, die für den Geist zu viel gewesen waren."
Nun ist es - zumindest der Sage nach - ja so, dass Alexander der Große, nachdem er den gordischen Knoten zerschlagen hatte, auf einen bis dato beispiellosen Siegeszug aufbrauch, in dem er halb Asien unterwarf. Eine Metapher also für den Aufbruch zu Großem. Hier sieht von Kittlitz jedoch die Gefahr: nicht der große Wurf soll den Politikern gelingen, nein: 
"Wie lockert man also die Seile? Indem man sich vor den Knoten setzt, mühselig daran rumfriemelt und versucht zu begreifen, wie die Seile laufen. Denen, die das für uns tun, muss man genau auf die Finger schauen und aufpassen, ob sie klug und mit Gefühl vorgehen."
Mit dem letzten Satz meint von Kittlitz wohl fatalerweise sich selbst. Paralysis through analysis ist sein Tipp an Europas Machthaber - nicht das Zerschlagen des gordischen Knotens. Seltsam - und ich dachte eigentlich, Angela Merkels Fehler sei die Politik der Tippelschritte, des Abwartens, des Überanalysierens. War das nicht der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle Kritiker, ungeachtet ihrer politischen Ausrichtung, einigen konnten? Niemals zuvor habe ich gelesen, man hätte zu wenig analysiert! Doch an von Kittlitz scheint diese Einsicht vorbeigerauscht zu sein.

"Geschichte wird durch Fortwursteln gemacht", so überschreibt unser Jungredakteur seinen letzten Abschnitt. Fortwursteln? Ich kenne das Wort nicht. Aber wird Geschichte nicht durch kühne Entscheidungen gemacht? 1944? 1989? Alles fortgewurstelt, Herr von Kittlitz? Alexander der Große? Hat er sich durch Vorderasien "fortgewurstelt"?

Der Artikel scheitert so kläglich, dass es einem fast schon wieder leidtut. Es sollte wohl eine Kolumne sein, die Abstand zu den täglichen Wirren der Newsticker und Katastrophenmeldungen herstellen soll. Leider ist genau das Gegenteil draus geworden - noch mehr Verwirrung, mehr Irrsinn, mehr Falsches obendrein.

Quo vadis, FAS? Quo vadis, von Kittlitz? Der Dreikäsehoch, der sich als Volontär mit einem Artikel über die angeblichen Fallstricke der Weinkritik vor über zwei Jahren schon mal ordentlich in die Nesseln gesetzt und dabei auch den renommierten Weinkritiker Gerhard Eichelmann gegen sich aufgebracht hatte, scheint dringend noch ein Aufbaustudium in Geschichte und Journalistik zu benötigen. Andererseits passt er natürlich gut zu einer Zeitung, die, wie oben bereits erwähnt, eher den Giovanni-di-Lorenzo-Weg einzuschlagen gedenkt: viel Schwammiges, wenig Fakten und ein wohlklingender Name sind demzufolge nämlich wichtiger als substantielles Material.






















Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke, habe den Artikel gerade gelesen und konnte dieses Metaphergewirr auch kaum glauben!
Schieben wir es mal wohlwollend auf sein Alter, aber so einen Quatsch sollte man eigentlich nie veröffentlichen dürfen - zumal bei einer halbwegs renommierten Zeitung.

Dreyfus hat gesagt…

Richtig. Vor allem, da FAZ und FAS in der Online-Version ja kaum zu unterscheiden sind.

Anonym hat gesagt…

Schirrmacher war auch in Cambridge. Da muss man ja wohl nur 1 und 1 zusammenzählen...

Dreyfus hat gesagt…

Ich weiß nicht, inwieweit Frank S. in die Personalpolitik eingreift. Ist aber denkbar, dass ihm das Schlüsselwort "Cambridge" ein feuchtes Höschen bereitet hat.

Anonym hat gesagt…

die Sachkritik ist völlig in Ordnung, und sogar interessant zu lesen, die Polemik ("Jungspund") ist überflüssig.