Samstag, 21. Januar 2012

Henschel über Diekmann

" [...] Der Kellner tat wie geheißen. Schirrmacher philosophierte solange über die revolutionäre neue Achse aus Geist und Blut, aus FAZ und Bild, aus Weltliteratur und Boulevardjournalismus.

Bei diesem Stichwort kam Diekmann die Galle hoch. Er stieß den Kellner weg. "Hör mir auf mit Boulevard!" rief er aus, während ihm Rinnsale warmer Butter übers Gesicht liefen. "Boulevard, Boulevard, ich kann's langsam selbst nicht mehr hören! Boulevard, der echte Boulevard, das ist Simone Signoret, die im Quartier Latin auf einer Parkbank von Picasso gefickt wird! Oder Boris Vian beim Café au lait im Streitgespräch mit Jean Gabin, und am Nebentisch sitzen Aznavour, Dali und Sartre und hecken ein Drehbuch aus! Für Jean Cocteau, n'est-ce pas! Das ist Boulevard, mon copain! Aber doch nicht mein Geschmadder rund um Uschi Glas und Küblböck und Kaiser Franz und Olli Kahn und irgendwelche Halbprominentenflittchen! Das ist kein Boulevard, das ist Gosse. Das ist Pißrinne![...]"

aus: Gerhard Henschel, "Des Führers Osternest", Titanic 5/2004, S. 44-46.

 

Keine Kommentare: