Montag, 2. Januar 2012

Sebastian Haffners seltsames Urteil über Mao (anno 1978)

Sebastian Haffner gilt als ganz Großer. Zu recht. Vor ungefähr einem Jahr las ich sein Buch "Von Bismarck zu Hitler", eine Abhandlung über die deutsche Reichsgeschichte von der Gründung 1871 bis zum Untergang 1945. Haffners Talent, in einer klaren, geradlinigen und trotzdem schönen Sprache (die nicht wissenschaftlich spröde klingt) geschichtliche Zusammenhänge prägnant verständlich zu machen, ohne dabei auf wesentliche Details zu verzichten, ist enorm. Das Buch verschlang ich, und schon lange spielte ich mit dem Gedanken, mir auch sein legendäres Werk "Anmerkungen zu Hitler" zu kaufen, das ja neben der Biografie von Joachim Fest und dem zweibändigen Monumentalwerk Ian Kershaws zu den absoluten Klassikern in Sachen Hitler gezählt wird.

Ein guter Freund hat mir zu Weihnachten nun das Buch geschenkt. Es liest sich wie erwartet unglaublich gut - Haffners Stil ist unnachahmlich.

Auf Seite 12 sind mir allerdings fast die Augäpfel aufs Papier gepurzelt, so baff war ich ob des Geschriebenen. Hier stellt Haffner eine Behauptung auf, die ich mehr als seltsam finde. Besser gesagt: er nimmt eine Bewertung vor.

Haffner schreibt, es gebe vier Personen in der Geschichte, mit denen Hitler einen Vergleich herausfordere, den er allerdings nicht aushalte: Napoleon, Lenin, Bismarck und Mao. Des weiteren erläutert Haffner, warum er glaubt, dass keiner der vier Verglichenen so "furchtbar gescheitert" seien wie Hitler. Unterschiede lägen in der Bildung (alle außer Hitler seien hochgebildet gewesen), in beruflichem Erfolg (alle waren nicht nur Politiker, so wie Hitler, sondern hatten bereits vor ihrer Politikerkarriere Erfolg gehabt); alle vier seien verheiratet gewesen (Lenin als einziger wie Hitler kinderlos). Und: alle hätten "die große Liebe gekannt". Haffner weiter:

Das macht diese großen Männer menschlich; und ohne ihre volle Menschlichkeit würde ihrer Größe etwas fehlen. Hitler fehlt es.

Mao "groß"? Mao "menschlich"?

Wusste Haffner 1978, im Erscheinungsjahr des Bandes, noch nichts über Maos Verbrechen, die, wie man weiß, in absoluten Zahlen denen Hitlers in nichts nachstehen, sie sogar nach vielen Statistiken weit übertreffen? Mao war ein Verbrecher. Darüber gibt es heute keine Zweifel mehr.

Interessant ist Haffners Weltbild: hochgebildete, verheiratete, beruflich Erfolgreiche Menschen sind "menschlich". Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese These haltbar ist. Josef Fritzl zum Beispiel war Ingenieur, also hoch gebildet. Er war verheiratet und hatte Kinder. War er menschlich? Viele Fürsprecher wird diese These nicht finden.

Wie kommt Haffner also zu der Überzeugung, Mao sei menschlich gewesen? Und was versteht er unter "menschlich"? Haffner-Bücher: das ist der Nachteil. Er definiert nicht. "Menschlich" ist so schwammig wie "gesunder Menschenverstand". Es kann alles bedeuten. Mao hatte wenig Kontakt zu westlichen Politikern. Kissinger hat ihn ein paar mal getroffen. Das waren diplomatische Treffen. Hat sich Mao von seiner wahren, menschlichen Seite gezeigt? Keiner konnte eigentlich wissen, wie Mao "wirklich war". Fest steht, dass er, wie Hitler, über Leichen gegangen ist. Fest steht auch, dass er ein System geschaffen hat, das China zwar (nach etlichen Reformen nach kapitalistischem Vorbild, die Mao selbst nie gutgeheißen hätte) zu einer aufstrebenden Industrienation gemacht hat, das aber immer noch ein Polizeistaat ohne individuelle Freiheiten ist.

Mao "groß", Mao "menschlich"? Heute würde Haffner es anders sehen, da bin ich mir sicher.








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