Dienstag, 20. November 2012

Andreas Altmann liest in Stuttgart aus "Gebrauchsanweisung für die Welt"

Seine Popularität war auch gestern in Stuttgart deutlich spürbar. Andreas Altmann, hauptberuflich Reisereporter, war gestern abend anlässlich der Buchwochen in Stuttgart. Im Haus der Wirtschaft las er aus seinem neuen Buch „Gebrauchsanweisung für die Welt“, einem Sammelsurium aus heiteren und traurigen, oft einfach kuriosen Geschichten, die dem Schriftsteller bei seinen Begegnungen mit Menschen rund um den Globus widerfahren sind.

Dabei rührt Altmanns Bekanntheit nicht zuletzt von seinem schonungslosen Tatsachenbericht über seine Kindheit in der Altöttinger Provinz, den er vor gut einem Jahr unter dem vielsagenden Titel „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ veröffentlicht hatte. Der 63-jährige, der noch gut als Mittvierziger durchgehen würde, rechnete darin mit katholischer Bigotterie im ländlichen Bayern, seiner verkorksten Jugend zwischen Größenwahn und Depression und den regelmäßigen Gewaltausbrüchen seines Vaters ab.

Auch gestern im aus allen Nähten platzenden Bertha-Benz-Saal (der Andrang war so groß, dass einige Gäste auf dem Fußboden Platz nahmen) sah man einige Exemplare des „Scheißleben“-Buches, und manch einer schien überrascht, dass Altmann wieder zu seinen Ursprüngen als Reisereporter zurückgekehrt ist, hatte er doch auch als Mann der bitteren Abrechnung geglänzt.

Doch auch im Reisereporter Altmann steckt viel vom rotzigen Kind aus Altötting. Denn die Stories, unter anderem aus Afghanistan, Weißrussland oder der ehemaligen DDR dienen Altmann hauptsächlich als Projektionsflächen für seine inneren Befindlichkeiten. „Magische Momente“ nennt der gebürtige Bayer diese besonderen Begegnungen, die das Leben für ihn erst spannend und lebenswert machen.

Er begegnet einem schwarzen Taxifahrer in Chicago, der Pfarrer werden will, dem die Kirche jedoch verbietet, weiter Blues zu spielen (Sünde!), und der auf Altmanns Drängen nicht umhin kann, die Gitarre aus dem Kofferraum zu holen und ein paar Klassiker anzustimmen.
Er macht die Bekanntschaft eines verarmten Afghanen, der zu stolz ist, Lebensmittelgeschenke des Roten Kreuzes anzunehmen, obwohl die 9 Kinder der Familie täglich 11 Stunden bis zur totalen Erschöpfung schuften, um die Mehlration für eine Woche sicherzustellen.
Oder er trifft einen sympathischen Weißrussen, der in beinahe perfektem Deutsch vorschlägt, man solle „Taxis fangen“, um vom Fleck zu kommen und auf die Frage, was er denn als erstes tun wolle, wenn er zu Geld käme, angibt: „meine Frau neu verkleiden.“

Altmanns Geschichten sind Aufrufe, nach dem besonderen Moment, der besonderen Begegnung Ausschau zu halten und sich nicht von der Alltagsroutine „vergiften zu lassen“, wie er sagt. Diese Suche verkörpert der junggebliebene Wahl-Pariser so authentisch wie nur vorstellbar: er liest eindringlich, ist humorvoll, oft auch bissig, spart nicht mit Seitenhieben auf alles Spießige und Satte. Jedem gefallen will dieser Reisende bestimmt nicht. Und gerade das könnte der Grund sein, warum er auch an diesem Abend so gut ankommt.

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