Dienstag, 27. November 2012

27.11.2012: Ein Jahr Volksabstimmung über Stuttgart21

Ein Jahr Volksabstimmung über Stuttgart21. 

Vor einem Jahr kam die kalte Dusche für die Wahnwitzigen, für den schreienden Mob. All die jahrelang aufgebaute Selbstgerechtigkeit zerplatzte wie eine Seifenblase. Die Maske der moralischen Überlegenheit wurde dem Protestpöbel ausgerechnet vom demokratischen Prinzip heruntergerissen, einem Prinzip, das die Protestbewegung doch eigentlich immer für sich reklamiert und den Regierenden und der Bahn (zum Teil zu Recht) abgesprochen hatte.

Kalt traf es das Wutvolk; mit keinem Erdrutschergebnis, aber doch klar genug sprachen sich die wahlberechtigten Württemberger für den Bau des neuen Hauptbahnhofs aus. Wohin mit der Wut? Wie sollte man schon angehen gegen die nackten Zahlen? Dem Wahn der Montagsdemos war damit beigekommen. Endlich konnte man sein Auto auch nach 15 Uhr in die Innenstadt bewegen, ohne stundenlang im Demo-Stau zu stehen.

Doch nicht alles hat sich verändert. Wie Landstreicher ziehen immer noch ab und an unverbesserliche Anti-Demokraten durch den Hauptbahnhof, vor allem Montags natürlich, anmaßend und selbstgerecht wie eh und je. Gelbe Aufkleber zieren ihre dreckigen Hüte, ihre großen, aufgerissenen Augen signalisieren, dass sie den Kampf nicht aufgegeben haben. Es ist die Verrücktheit der Verzweifelten. Den Protest wollen sie nicht aufgeben. Ihr neues Hobby haben sie dafür viel zu lieb gewonnen in den letzten Jahren. Mit ihnen wird weiter zu rechnen sein, in ein, zwei, vielleicht noch in zehn Jahren.

Der Schloßgarten ist steril geworden. Bäume wurden gefällt, die Wiese ist nicht zugänglich, sie ist umzäunt. Das triste Bild wird vom regnerischen Novemberwetter noch unterstrichen. Es steigen keine dicken Rauchwolken mehr auf wie in den Tagen, als sich ungewaschene Rastafaris in halblegalen Zeltstädten am Rande des Platzes breit machten und die grüne Oase Stuttgarts wie eine Zigeunersiedlung erscheinen ließen. Die Nüchternheit des Schloßgartens steht für die Nüchternheit, die glücklicherweise in der Stadt eingekehrt ist. Aus dem gefährlich aufgeblasenen Ballon des Wutbürgerprotests wurde sanft die Luft gelassen.



(c)2012










Montag, 26. November 2012

Argo und die Mode der 70er

Peter Hitchens kommentiert den hervorragenden Film Argo (von und mit Ben Affleck) über das Geiseldrama im revolutionären Iran 1979, genauer gesagt über die Flucht von 6 amerikanischen Botschaftsangehörigen unter dem Vorwand, Mitglieder einer Filmcrew eines skurrilen Science-Fiction-Films zu sein. 

Hitchens kommt dabei in einer Randbemerkung auf die Mode der Siebziger Jahre zu sprechen, zieht daraus aber eine Schlußfolgerung, die ich teile, die mir immer schon irgendwie klar war, die ich aber noch nie so einleuchtend formuliert gefunden habe.

Grundtenor: wir haben keine Ahnung davon, was wir eigentlich tun. Schon gar nicht in dem Moment und in der Zeit, in der wir es tun. Wenn überhaupt, dann nur im Nachhinein: 


"And a truly wonderful job has been done in recreating the appalling fashions of the late 1970s and early 1980s, especially in the Washington DC scenes. This era is now becoming the day before yesterday to a whole generation, who thought at the time that it was a modern era and an improvement on the past. Now, with its electric typewriters, appalling trousers, self-harming eyewear fashions, and unhinged hairstyles, it looks more like a serious wrong turning in human development, which we really ought to have pre-empted or avoided. I remember it all too well. I know roughly what I was doing when the events in this film were unfolding. A whole era is disinterred by these glimpses of proof that we really haven’t a clue what we are doing while we are doing it, and that our comical fashion victimhood applies to ideas just as much as it does to apparel. If only we could learn to see the present as clearly as we see the past we might, for instance, do something about antidepressants in time to save a lot of people from needless regret."
 
Ob sich Thomas Helmer in 20 Jahren fragt, was er sich dabei gedacht hat, als Mittvierziger seine Haare zu gelen wie ein pubertierendes Pickelgesicht oder seltsame gestreifte Sweatshirts mit aufgenähten Zahlen zu tragen, als sei er Mitglied einer Lacrosse-Mannschaft?




Idiotisches vom "Medienexperten" Joe Groebel

Der Tatort war schlecht. Das finde ich. Auch Bild Online sieht das so. Es war kein Krimi, es war langweiliger Klamauk, mit ein paar netten Landschaftsbildern und weichgespülten Banjo-Klängen angereichert. Das reicht nicht, das war eigentlich sogar ziemlich mies. Sowieso, wenn der Tatort aus Münster kommt, eigentlich ein Garant für solide, gute Krimis, und es dann auch noch ein Jubiläumstatort ist.

Man muss nicht lange analysieren, warum der Tatort ein Reinfall war. Das Drehbuch war scheiße. Es war dünn, und es war abstrus. Bild Online jedoch hat sich entschlossen, nicht nur die eigene Meinung gelten zu lassen, sondern einen Experten zu Wort kommen zu lassen. Und wen fragt man, wenn man was zum Thema "Medien" wissen will? Klar: den "Medienexperten", wahlweise "Medienpsychologen" Jo Gröbel.

Gröbel sieht man auch des öfteren bei RTL, oder SAT.1, oder anderen Medien mit akuten Niveauengpässen. Auch auf roten Teppichen ist Gröbel öfters unterwegs, bei Filmpremieren oder Empfängen. Immer im feinen Zwirn, immer gut gelaunt. Das mag bei manchem Stirnrunzeln hervorrufen. Sollte, so könnte man sich fragen, ein Medienexperte nicht eine gewisse Distanz zu seinem Untersuchungsobjekt wahren? 

Liest oder sieht man Interviews mit Gröbel, erschrickt man allenthalben ob der Belanglosigkeit seiner Aussagen. Gröbel sagt immer das, was man sowieso schon we, oder was die jeweilige Frage impliziert. Aber sehen wir uns doch einfach mal an, welches wertvolle Expertenwissen er heute mit Bild Online geteilt hat:

Ob das Fernsehen ausgedient habe, will Bild Online gleich zu Anfang ziemlich revolutionär wissen. Gröbel:

„Die Quoten sind natürlich immer nur Prozentanteile und sagen nichts über die absolute Zahl an Zuschauern aus. Allerdings kann man bei der jüngeren Generation auf jeden Fall feststellen, dass sie massiv auf Online-Angebote zurückgreifen. Die Nutzer können sich aussuchen, was sie wann sehen wollen.“

Eigentlich ist das schon ein Highlight. Quoten sind nur Prozentanteile? Wirklich? Herr Dr.Gröbel scheint Bescheid zu wissen. Die "jüngere Generation" greift auf Online-Angebote zurück? Gröbel, du alter Frühaufsteher! Das müssen brandaktuelle Ivy-League-Studien sein, die Du da zitierts! Ich hatte davon jedenfalls noch nichts gehört!

Mal im Ernst: müsste ein echter Medienexperte nicht die absoluten Zuschauerzahlen kennen, wenn er diese - richtigerweise - für relevanter hält als die Einschaltquoten (denn diese sind, wie wir ja von Dr.Gröbel wissen, "nur Prozentzahlen")? Gröbel kennt sie jedenfalls nicht. Wie aber will er dann überhaupt beurteilen, wie es um das Fernsehen 2012 steht?

Ob die aktuellen TV-Formate überholt seien, will Bild Online wissen. Gröbel:

"Bei den Formaten am Samstagabend lässt sich auf jeden Fall ein Abnutzungseffekt   feststellen. Die Zuschauer sind nach der sechsten Staffel (Supertalent), nach acht Jahren (Turmspringen) irgendwann damit durch, die Abläufe der Show und die Moderatoren sind bekannt."

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Gröbel sich seine Antworten in der Sekunde aus dem Anus zieht, in der er sie gibt. Gleichzeitig sozusagen. Da ist kein Hintergrundwissen, keine Empirie. Da ist nur Leere. Es ist sogar zu vermuten, dass Bild Online Gröbels Hauptlektüre ist, denn die Oberflächlichkeit seiner Antworten ist eigentlich schon skandalös.

Waren die "Abläufe" von "Wetten, dass...?", "Verstehen Sie Spaß", oder, um mal eine ganz andere Erfolgssendung zu nennen, "Britt", nicht auch schon jahrelang bekannt, als die Quoten noch hervorragend waren? Es liegt daher ja auf der Hand, dass es eben nicht an den bekannten Abläufen und Moderatoren liegt, sondern andere Gründe hat. Würde es an der Eingespieltheit der Abläufe liegen, hätten besagte Erfolgssendungen schon Mitte der Neunziger Jahre quotenmäßig einbrechen müssen. Also wieder Humbug von Gröbel.

Sein Dilemma scheint auch zu sein: er weiß ja gar nicht, was er eigentlich sagen will. Denn weil er keine absoluten Zuschauerzahlen kennt (siehe Frage 1), kann er natürlich auch gar nicht wissen, ob der Samstagabend bedroht ist. Denn um das zu wissen, bräuchte er eben absolute Zahlen. Blöd gelaufen, Jo Gröbel! So stochert er im Nebel.

Was müsse sich im TV ändern, will Bild Online zuletzt wissen, damit es auch für junge Zuseher attraktiv bleibe? Gröbel:

 „Die Sender müssen neuen, jungen Moderatoren eine Chance geben, nicht immer auf altbewährte zurückgreifen. 'Joko und Klaas' allein reichen da nicht.“

Ach, Gröbel. Das kann schon sein, dass dann mehr junge Zuschauer fern sehen (ich bezweifle es). Die Alten schalten dann aber weg. Die wollen Joko und Klaas nämlich bestimmt nicht sehen. Anstatt also die zu vergraulen, die sowieso vor der Glotze sitzen, die Rentner (ein Millionenpublikum), sollte das TV rein marktstrategisch eher die jungen Zuschauer abschreiben und warten, bis sie älter werden und die TV-Gewohnheiten ihrer Eltern übernehmen. Ist nur so eine Idee. 

Zum Schluss noch eine Frage, die ich mir selbst stelle: was muss eigentlich passieren, damit Jo Gröbel nicht mehr als Medienexperte wahr- bzw. ernst genommen wird? Wieviel idiotische, oberflächliche oder falsche Antworten sind ihm zuzugestehen? Antwort: man muss ihm nur einmal zugehört, seine Antworten nur ein einziges mal gelesen haben, um das nie wieder zu tun.   











 






Mittwoch, 21. November 2012

ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod": Warum denn das schon wieder?

Es ist November, und es ist kalt. Die Sonne zeigt sich nur, wenn sie gerade Lust hat, und oft ist das in dieser Jahreszeit nicht. Die Menschen schauen mißmutig, stapfen im Stechschritt von Haustür zu U-Bahn, husten und schneuzen in ihre Taschentücher.

Ist es da nicht toll, dass wir uns wenigstens am "Lagerfeuer des 21.Jahrhunderts" entspannen können, und uns die fehlende Wärme beim Fernsehen abholen können? Und wo könnte uns das besser gelingen als bei der ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" mit den Schwerpunkten "wie wir umgehen mit dem Tod", "wie wir sterben wollen" sowie "was am Ende bleibt"? Verspricht dieses Programm nicht eine Woche lang gute Laune nonstop?

Ganz nach altem Sowjetstrickmuster verordnen die ARD-Intendanten einen knallharten Ein-Wochen-Plan mit Sterben und Tod: alle müssen spuren. Ob Jauch oder Beckmann, "Morgenmagazin" oder Anne Will - aus dem Jenseitsdiktat gibt es zumindest für diese sieben Tage kein Entkommen. 

Das wäre ja auch nochmal schöner. Schließlich muss das "Tabu-Thema" Tod endlich mal enttabuisiert werden. So zumindest sieht das die ARD. Wie sie dabei darauf kommt, dass Tod und Sterben Tabuthemen seien, ist mir jedoch ein Rätsel. Seit ich denken kann, flimmern bedrückende Palliativ-Endzeitreportagen über die Mattscheiben öffentlich-rechtlicher Regionalprogramme, und das Thema Sterbehilfe allein wurde in den letzten Jahren so oft durchgekaut, dass ich mit dem Zählen irgendwann gar nicht mehr nachgekommen bin.

Die ARD-Sowjets bleiben aber hartnäckig. November ist Depression, und November ist Tod, da gibt es keine Diskussion.


Es ist ja auch nicht so, dass man dem 5-köpfigen Talkshow-Team um Jauch, Beckmann, Maischberger, Plasberg und Will in der Vergangenheit vorgeworfen hätte, sie würden sich thematisch, in der Gästeauswahl und so ganz allgemein im Design der Sendung zu sehr ähneln. Hilfreich ist es angesichts dessen auch sicherlich, die Sendungen thematisch einfach vollständig gleichzuschalten.   

So freuen wir uns auf eine Woche voller schwarzer Anzüge und Krawatten, voller Urnen und Bestattungsunternehmer. Eine Woche voller Palliativstationen und beklemmenden Stimmen aus dem Off; eine Woche voller Auftritte von Margot Käßmann, die ihre ganze in langen Jahren einstudierte Demut zur Geltung bringen kann und "den Menschen" dabei noch Hoffnung schenkt.
  
Ach, war es schön, als der Tod noch ein Tabuthema war. Eine Privatsache. Als man nicht belästigt wurde von rührseligen, aufdringlichen Stories von Kinderhospizen und geläuterten Pastorinnen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Zumindest für diese Woche. 



  







Dienstag, 20. November 2012

Andreas Altmann liest in Stuttgart aus "Gebrauchsanweisung für die Welt"

Seine Popularität war auch gestern in Stuttgart deutlich spürbar. Andreas Altmann, hauptberuflich Reisereporter, war gestern abend anlässlich der Buchwochen in Stuttgart. Im Haus der Wirtschaft las er aus seinem neuen Buch „Gebrauchsanweisung für die Welt“, einem Sammelsurium aus heiteren und traurigen, oft einfach kuriosen Geschichten, die dem Schriftsteller bei seinen Begegnungen mit Menschen rund um den Globus widerfahren sind.

Dabei rührt Altmanns Bekanntheit nicht zuletzt von seinem schonungslosen Tatsachenbericht über seine Kindheit in der Altöttinger Provinz, den er vor gut einem Jahr unter dem vielsagenden Titel „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ veröffentlicht hatte. Der 63-jährige, der noch gut als Mittvierziger durchgehen würde, rechnete darin mit katholischer Bigotterie im ländlichen Bayern, seiner verkorksten Jugend zwischen Größenwahn und Depression und den regelmäßigen Gewaltausbrüchen seines Vaters ab.

Auch gestern im aus allen Nähten platzenden Bertha-Benz-Saal (der Andrang war so groß, dass einige Gäste auf dem Fußboden Platz nahmen) sah man einige Exemplare des „Scheißleben“-Buches, und manch einer schien überrascht, dass Altmann wieder zu seinen Ursprüngen als Reisereporter zurückgekehrt ist, hatte er doch auch als Mann der bitteren Abrechnung geglänzt.

Doch auch im Reisereporter Altmann steckt viel vom rotzigen Kind aus Altötting. Denn die Stories, unter anderem aus Afghanistan, Weißrussland oder der ehemaligen DDR dienen Altmann hauptsächlich als Projektionsflächen für seine inneren Befindlichkeiten. „Magische Momente“ nennt der gebürtige Bayer diese besonderen Begegnungen, die das Leben für ihn erst spannend und lebenswert machen.

Er begegnet einem schwarzen Taxifahrer in Chicago, der Pfarrer werden will, dem die Kirche jedoch verbietet, weiter Blues zu spielen (Sünde!), und der auf Altmanns Drängen nicht umhin kann, die Gitarre aus dem Kofferraum zu holen und ein paar Klassiker anzustimmen.
Er macht die Bekanntschaft eines verarmten Afghanen, der zu stolz ist, Lebensmittelgeschenke des Roten Kreuzes anzunehmen, obwohl die 9 Kinder der Familie täglich 11 Stunden bis zur totalen Erschöpfung schuften, um die Mehlration für eine Woche sicherzustellen.
Oder er trifft einen sympathischen Weißrussen, der in beinahe perfektem Deutsch vorschlägt, man solle „Taxis fangen“, um vom Fleck zu kommen und auf die Frage, was er denn als erstes tun wolle, wenn er zu Geld käme, angibt: „meine Frau neu verkleiden.“

Altmanns Geschichten sind Aufrufe, nach dem besonderen Moment, der besonderen Begegnung Ausschau zu halten und sich nicht von der Alltagsroutine „vergiften zu lassen“, wie er sagt. Diese Suche verkörpert der junggebliebene Wahl-Pariser so authentisch wie nur vorstellbar: er liest eindringlich, ist humorvoll, oft auch bissig, spart nicht mit Seitenhieben auf alles Spießige und Satte. Jedem gefallen will dieser Reisende bestimmt nicht. Und gerade das könnte der Grund sein, warum er auch an diesem Abend so gut ankommt.

Montag, 12. November 2012

Journalismus auf Silke-Burmester-Niveau: Grasnarbe

Warum nicht mal wieder Spiegel Online lesen, dachte ich mir vor ein paar Minuten. Hatte ich irgendwie schon länger nicht mehr gemacht.

Schnell fiel mir aber auch wieder ein, was der Grund war. Die niveaulosen Kolumnisten. Zum Beispiel Silke Burmester, "freie Journalistin und Dozentin (sic!) aus Hamburg", wie man bei "SPON" über sie lesen kann.

In ihrer neuesten Kolumne versucht sich die Blondine an einem Lobgesang auf Stefan Raab und seine neue politische Talksendung (siehe dieser Blog). Sie beginnt folgendermaßen:

Oh, Stefan Raab!
Du bist der König im Affenstall, der größte Klettermax! Springst ohne Hast von Ast zu Ast, das ist für Rampensäue ein Klacks!

Wie wir am Morgen danach wissen, ist Stefan Raab ja kläglichst gescheitert mit seinem Format. Das nur nebenbei. Warum aber müssen sich Journalisten so schamlos an TV-Macher anbiedern? Und seit wann? Und: müssen sie wirklich? 

Vielleicht liege ich auch falsch, aber ich dachte immer, Aufgabe von Journalisten sei es, Dinge kritisch zu hinterfragen. Fans hat Raab ja sowieso genug.

Aber, höre ich jetzt einige sagen, Burmester schreibt doch eine Kolumne! Und die sind ja nicht ganz ernst gemeint! Sondern eher so ein bißchen ironisch! 

Ach so. Blödsinn. Burmester ist Fan, und ihr ironischer Unterton kann daran auch nichts ändern. Wer zum Teufel hat ihr eine Kolumne verschafft?

Mitri Sirin ist schon oft geblitzt worden

Mitri Sirin ist schon oft geblitzt worden.

Woher ich das weiß? Nein, nicht aus einem Boulevardmagazin, und nicht von bild.de. Sondern von ihm. Er hat es gerade erzählt. Als Moderator des "Morgenmagazins" hat er sich um 6:17 Uhr am Montagmorgen berufen gefühlt, mal wieder Belangloses aus seinem Privatleben preiszugeben.

Ist es nicht ein Grund sich zu schämen, wenn man zu schnell fährt, sich also nicht an geltendes Recht hält, andere Verkehrsteilnehmer gefährdet? Ich würde mich dafür schämen. Naja: zumindest wäre ich nicht stolz darauf, so wie Mitri Sirin.

Wie lange will uns das ZDF diesen Kindergarten noch zumuten?

Sonntag, 11. November 2012

Stefan Raabs "Absolute Mehrheit": Verstörend

"01379-3636-05"

"SMS an 40400"

Wenn ich Jan van Aken gut finde, kann ich anrufen oder eine SMS senden. Kostenpflichtig. Am Ende gibt es eine Liste mit den 5 Kandidaten von "Absolute Mehrheit", Stefan Raabs Versuch einer politischen Talkshow.
Raab versucht, provokante Fragen zu stellen. Er unterbricht die Gäste permanent, niemand kann einen Gedanken zu Ende bringen. Alles ist auf Lacher programmiert. Raab kratzt sich den Handrücken mit den Moderationskarten, er ist sichtlich nervös. Kein Wunder. Die Show ist konfus. Er steht auf, schon wieder: "Wir wollen ja noch andere Themen diskutieren heute abend."
Peter Limbourg steht an einem Pult vor der Zuschauertribüne. Er brabbelt zusammenhangloses Zeug. Wieder wird die Rangliste mit den Prozentzahlen präsentiert. Frau Delius ist jetzt an Position drei, die vorher van Aken innehatte. Er ist jetzt auf Platz 2 vorgerückt. Es führt Wolfgang Kubicki, das Großmaul der FDP und die größte Schande seiner Partei. Es passt zur Sendung, dass Kubicki führt. 
Oppermann (SPD) ist vierter, Michael Fuchs Letzter. Er schaut etwas traurig, als das Ergebnis verkündet wird. Er tut mir leid. Der Kampf der Geltungssüchtigen ist für ihn beendet. Er ist "raus".
Jetzt wird die Energiewende debattiert. Der Einspielfilm ist verstörend schlecht, soll ironisch sein, ist hauptsächlich verwirrend. Alles wird lächerlich gemacht, wie man es von Raab-Sendungen kennt. "Ein sehr komplexes Thema", meint der Mann mit den vielen Zähnen. Er ist in die Runde zurückgekehrt.
Fuchs versucht es mit einer ernsthaften Aussage zum Thema. Raab unterbricht. Fuchs will mit Zahlen argumentieren, das passt Raab nicht, wieder fuchtelt er nervös dazwischen, leitet zu Kubicki über. Dieser grinst süffisant. Es kommt ein halbwegs vernünftiges Gespräch zustande - für etwa eineinhalb Minuten. Dann prescht Raab dazwischen, mit einem schlechten Witz. Raab kratzt sich die Backen. Die armen Moderationskarten.
Van Aken hat jetzt seinen Auftritt. Er redet zum Publikum gewandt, setzt zum Rundumschlag aus, gegen Eon und andere Energieriesen. Er bekommt Applaus - voraussehbar.
Verena Delius findet, Stromverschwendung sei noch gesellschaftsfähig. Sie apelliert an die Eigenverantwortung der Wähler. Applaus. Raab springt auf, dackelt schon wieder zu Limbourg am Pult, der nächste Trend steht an. Es ist wie bei einem Live-Event bei Sport1.
Delius ist Dritte. Die anderen Plätze werden erstmal nicht verraten. Die Telefonnummern werden eingeblendet, es geht in die Werbung. Vorher aber der vorläufige Tiefpunkt der Sendung: man kann ein Auto gewinnen. Das Thema "Internet und Facebook" wird angekündigt, "bleiben Sie dran", sagt Raab.
Ich bleibe nicht dran. Ich habe genug gesehen. Ich sehne mich nach Günter Jauch. Nicht, dass seine Sendung irgendwie gut wäre. Aber es gibt kein Gewinnspiel, keine Rangliste, keinen Peter Limbourg. Es gibt Gäste, die sich - meistens - zivilisiert unterhalten.
Bei Raab gibt es das nicht. Es geht um Effekte, um Meinung, nicht um Fakten, nicht um Zusammenhänge. Es gibt gar kein Konzept, nichts jedenfalls, was den Namen "Konzept" verdient hat. 
Kubicki wird gewinnen, das spricht Bände. Er kann sich verkaufen. Wollen die Zuschauer wirklich für dumm verkauft werden?     

Mittwoch, 7. November 2012

Hype

Obama hat gewonnen. 
Mehrere Millionen Amerikaner waren dumm genug zur Wahl zu gehen, und zwischen zwei Alternativen zu wählen, die keine sind.
Obama wird ein schlechter Politiker bleiben, ein guter Redner zwar, mehr jedoch nicht. Seine gespielte Bescheidenheit und sein Pathos können jedem vernünftigen Menschen nur noch auf die Nerven gehen. Seine öffentlichen Liebeserklärungen an seine Frau sind so peinlich, dass ich den Radiosender wechseln muss, wenn sie gespielt werden.

A propos Radio, und à propos Liebeserklärung. Wenn selbst Moderatorinnen des SWR2, eines durchaus anspruchsvollen Kultursenders, davon schwärmen, dass sie bei besagter Liebeserklärung Obamas Gänsehaut bekommen (wie heute geschehen), wird einem klar, wie gut die Obama'sche (und generell amerikanische) Propagandamaschinerie geölt ist. Es ist beängstigend.

Es ist jämmerlich, wie oft Obamas Tweet zitiert wurde, der da lautete: "Four more years" und offenbar der meist-rückgetweetete Tweet (!) aller Zeiten war. So what? Wen interessiert das? Antwort: die deutschen Medien. Die fanden es ganz toll. Menschen, die sich als Journalisten bezeichnen, werden hysterisch und berichten mit bebender Stimme, wie beeindruckend sie einen Tweet Obamas finden. Es ist die Hölle.

Ich bin wahrlich kein Romney-Fan. Doch die kaum verhohlene Anhimmelung Obamas durch deutsche Journalisten ist das widerwärtigste, was ich seit langem erlebt habe. Unkritisch, schwärmerisch, weibisch. Es ist ein Fan-Kult, der selbst seriöse Nachrichtensendungen erfasst hat. Inhalte habe ich wenige vernommen in den Radiosendungen, die ich heute beim Arbeiten gehört habe (es waren viele).

Es ist besser, dass Obama gewonnen hat als Romney. Viel ändern aber wird es nicht. Die Amerikaner sind ein kulturloses, kaputtes Volk (ich vermeide bewusst die Vokabeln "zerrissen" und "gespalten"). Sie sind ein verrücktes Volk ohne Maß, dass an den eigenen Lastern zu Grunde gehen wird.

E pluribus unum ist ein lächerlicher Mythos, genau wie der des amerikanischen Traums, der sowieso seit 20 Jahren im Sterben liegt. Obama hat die Illusion nochmal kurzzeitig aufleben lassen, doch die Luft ist aus dem Reifen. Von nun an geht es schnell abwärts.