Samstag, 12. Januar 2013

Die koreanische Schlichtheit der neuen Stuttgarter Stadtbibliothek

Ein grauer Kasten ist sie, die neue Stuttgarter Stadtbibliothek am Mailänder Platz, die ich heute zum ersten Mal besucht habe.

Von weitem, genauer gesagt von der Heilbronner Straße, aus dem Auto heraus, hatte ich sie öfters schon bewundert. Wie ein Monolith ragt sie aus dem umstrittensten Bauareal der deutschen Nachkriegsgeschichte heraus und strahlt bei Dunkelheit blau von innen; nicht ganz so blau wie die Allianz-Arena in München-Fröttmanning zwar, allerdings ist ihr auch die Schlauchbootform erspart geblieben. Wie gesagt: ein Kasten. Aber warum nicht? Es ist ein Understatement, deutet Schlichtheit an. 

Für internationales Flair sorgt ja schon das "Europaviertel" und der "Mailänder Platz", der wegen der Baustelle jedoch noch gar keiner ist. Eingraviert in den grauen Stein oben links am Gebäude ist in Druckbuchstaben das englische Wort für Bibliothek, "Library", das in verschiedenen Sprachen auf allen Seiten des Gebäudes prangt.

Eung Young Yi heißt der koreanische Architekt, der verantwortlich zeichnet für den grauen Quader inmitten der riesigen Baustelle. Ob er auch für die Glasbausteine persönlich eingetreten ist? Diese entpuppen sich bei näherem Hinsehen nämlich als Reinfall. Steht man direkt vorm Gebäude, fühlt man sich in die DDR der Sechziger Jahre zurückversetzt, obwohl ich diese Zeit zum Glück gar nicht kenne. So jedoch stelle ich es mir vor: kalt, unpersönlich, sparsam, zweckmäßig. Hässlich, könnte man auch sagen. So schnell hatte sich der erhabene Monolith also zerstoben; sah er etwa nur so anmutig aus, weil er aus der S21-Baustelle herausragte wie die einzig übriggebliebene Bausubstanz aus einem futuristischen Weltkrieg?

Sparsam war das Stichwort - gut, wir sind in Stuttgart, und unter Schwaben. Sparsam muss aber nicht hässlich heißen. Beweis dafür ist zum Glück das Innere der Bibliothek, das zwar ebenfalls sparsam daherkommt, diesmal aber ganz und gar im positiven Sinne: schlicht, weiß, fast schick, dann aber doch nicht. Die richtige Schattierung zwischen bürgerfreundlicher Dienstleistungszweckmäßigkeit und elegantem Minimalismus macht den Rundgang zu einem erfreulichen Erlebnis.

Alles ist aufs Wesentliche reduziert. Ein kleiner Brunnen im Zentrum des Erdgeschosses, um ihn herum nichts. Keine Stühle, keine Tische, keine Bilder an den Wänden. 

Im achten Stock, den man nur mit dem Aufzug erreicht, befindet sich das von der Caritas betriebene Café, dessen Preise dem ersten Eindruck nach mehr als vertretbar sind (zwei Euro für eine große Flasche Mineralwasser, 4,50 für ein Paar Saiten mit Kartoffelsalat). Hier, im Café, hat man auch Zutritt zur Dachterasse, die einen phänomenalen Ausblick auf die Stadt bietet.

Die Stadtbibliothek ist gut, sie ist ein klares Bekenntnis zu Schlichtheit und eleganter Sparsamkeit. Wer das nicht mag, der wird diesen Bau auch nicht mögen, so einfach ist das. Man kann dem Architekten aber sicher keine Verzagtheit vorwerfen. Hier weiß man sofort, woran man ist. Ein weichgewaschener Kompromiss jedenfalls sieht anders aus. 

Man darf jetzt gespannt sein, welche Nachbarschaft sich neben der Bibliothek in den nächsten Jahren erheben wird aus den Trümmerfeldern der streitbaren Baustelle. Transparente Glasfassaden der internationalen Finanz, wie sie schon einen Steinwurf entfernt von der LBBW vorgemacht werden? Es steht zu vermuten. Oder vielleicht doch ein wenig heimeliger? Dem koreanischen Quader würde eine moderne Umgebung gut zu Gesicht stehen; allerdings wäre es doch schade, wenn das neue Viertel ein reiner Gewerbepark werden würde.

   
      

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