Mittwoch, 6. Februar 2013

Der Marine, die Kopfwäsche und die blonde Agentin: "Homeland" macht süchtig

„Turned“.

Dieses Wort ist entscheidend. „Turned“ - umgedreht. Wurde der Marine, der gerade aus acht Jahren Gefangenschaft und Folter im Irak befreit worden ist, umgedreht, einer Kopfwäsche unterzogen? Arbeitet er nun gegen die US-Regierung und für Al-Kaida, während er zurück in der Heimat den mustergültigen Patrioten gibt?

All das sind die Fragen, die sich Carrie Mathison (Claire Danes) so intensiv wie kein anderer in der CIA-Zentrale in Langley, Virginia stellt. Was heißt da Fragen stellen? Sie ist mehr als überzeugt davon, dass Nicholas Brody (Damian Lewis), besagter Sergeant der Marines, ein doppelköpfiges Spiel spielt und unter der mit zahllosen Abzeichen behangenen Militäruniform ein Herz sitzt, das jetzt für das internationale Terrornetzwerk schlägt. Zwar hat Mathison dafür keine Beweise. Auch ihr Vorgesetzter Saul Berenson (Mandy Patinkin) sowie dessen Chef David Estes machen kein Hehl daraus, dass sie nichts von Carries Spinnereien halten. Dennoch erhält sie die Erlaubnis, Brodys Haus mit Wanzen und versteckten Kameras auszustatten, um verdächtige Aktivitäten zu beobachten und Beweise für seinen Sinneswandel sicherzustellen.

Doch es findet sich nichts. Ist Brody doch kein Terrorist? Die Agentin schöpft bald neuen Verdacht. Nachdem ein Terrorist festgenommen und Brody zu dessen Befragung hinzugezogen wird, identifiziert dieser ihn als seinen Folterknecht, der ihn mit einer Keule aus Stacheldraht gepeinigt und auf ihn uriniert hatte. Nachdem sich der Marine bei Estes „Face-Time“ mit seinem Peiniger auserbeten hat, kommt es zur handfesten Auseinandersetzung zwischen den beiden. Kurz darauf ist der Terrorist tot: er hat sich mit einer Rasierklinge die Halsschlagader aufgeschnitten. Hat Brody ihm die Klinge in einem fingierten Kampf zukommen lassen, damit dieser nicht über die Hintermänner auspackt? Claire ist sich sicher.

Wer hat dem Folterknecht die Rasierklinge zugesteckt? Plötzlich sind alle verdächtig, auch die Geheimdienstmitarbeiter selbst. Ein Lügendetektortest muss her. Zum Schluss ist Brody an der Reihe. Als er auf die Frage nach der Klinge verneint, zeigt er keine Regung, und der Lügendetektor schlägt nicht aus. Mathison ist außer sich. Doch sie hat noch ein As im Ärmel: denn tags zuvor ist sie eine pikante Affäre eingegangen und hatte Sex mit dem Mann, den sie ausspioniert, mit Brody. Ob aus kaltem Kalkül oder aus tatsächlicher Attraktion, bleibt unklar. Jetzt spielt sie das As aus: ob er seiner Frau jemals untreu gewesen sei, will sie wissen. Nein, erklärt Brody. Wieder tut sich nichts. Brody kann also lügen, ohne dass der Detektor anschlägt. Wieder eine Niederlage für Mathison.

Die Affäre der beiden weitet sich aus, als sie einen Ausflug zum Ferienhaus von Mathisons Eltern machen. Am zweiten Tag verrät sich die Agentin, nachdem sie leichtfertig Brodys Lieblingstee in Spiel bringt. Jetzt weiß Brody, was gespielt wird. Claire arbeitet nicht nur für die CIA, sondern ist auf ihn angesetzt. Auch sie lässt jetzt den Rest ihrer Maskerade fallen: ja, sie glaubt, dass er gedreht wurde, dass er für Al-Kaida arbeitet. Absurd, meint Brody. Sie solle ihn alles fragen, was sie wissen will. Ja, er sei zum Islam konvertiert und bete jeden Tag. Ja, er habe auch Abu Nazir getroffen, einen Top-Mann von Al-Kaida, dies aber nicht erzählt, weil er sich schäme. Er habe sich wohlgefühlt in seiner Gesellschaft: „He was the only one who was kind to me.“ Warum er überlebt habe, sein Kamerad Thomas Walker aber nicht, will Mathison wissen. Weil er ihn getötet habe, gesteht der rothaarige Marine.

Als Brody sich enttäuscht und entsetzt ob der Verdächtigungen umdreht und zum Auto läuft, erhält Mathison einen Anruf von Saul. Dieser hat die amerikanische Frau eines vor kurzem ermordeten Terroristen verhört und herausbekommen, dass Brody nicht der gesuchte Mann ist. Sondern Thomas Walker. Der ist nämlich nicht tot, sondern quicklebendig. Und er ist „turned“. Und auf bestem Wege, einen Anschlag durchzuführen, als Sniper von einem Hausdach aus. Die blonde Agentin traut ihren Ohren nicht. Sie hat den falschen Mann verdächtigt, sich in ihn verliebt. Doch ihre Erklärungsversuche treffen auf taube Ohren. „Fuck you“, schmettert Brody ihr entgegen und fährt weg, nachdem sie ihm ihre Gefühle eingesteht und um Entschuldigung bittet.

Doch warum erzählt Brody, er habe Walker erschlagen, wenn dieser doch am Leben ist? Wer lügt? Und wenn Brody lügt: warum tut er es so furchtbar authentisch? Spielt er doch ein doppeltes Spiel? Weiß er überhaupt selbst, auf welcher Seite er steht? Oder steht er zwischen den Stühlen und muss sich erst noch entscheiden?

„Homeland“, die ersten sieben Folgen. Vielschichtige Charaktere, Wendungen, die aus dem Nichts kommen. Verdächtigungen, Ahnungen. Eine Agentin mit bipolarer Persönlichkeitsstörung. Ein vernarbter Marine, der viel zu abgeklärt ist für acht Jahre Folterhaft. Eine zerrüttete Familie. Eine Supermacht, die einen Vorzeigehelden braucht, um ihrer verheerenden Außenpolitik ein dickes Make-Up zu verpassen.

Wie geht es weiter? Wer spielt mit wem? Und wer spielt foul? „Homeland“ macht süchtig. Und schon in Folge 8 kann alles ganz anders aussehen...

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