Sonntag, 10. Februar 2013

Es war einmal ein Nachrichtenmagazin: Der "Spiegel" im Niveau-Ghetto

Oh je, "Spiegel"!

In deiner morgen erscheinenden Ausgabe packst Du mal wieder ein ganz heißes Eisen an:

"Dick durch Stress - wie Überlastung zu Übergewicht führt". Das verspricht mal wieder eine knallharte Investigativ-Story zu werden, wie man es eben gewohnt ist aus dem Spiegel Verlag, nachdem der blasse Müller Blumencron und der ebenso farblose Georg Mascolo die Herrschaft im einst ernstzunehmenden Nachrichtenmagazin übernahmen.

Mittlerweile jedoch wanzt man sich thematisch und stilistisch immer mehr an öde, irrelevante Lifestyle- und Gesundheitsthemen heran, wie schon vor ein paar Wochen geschehen mit der erbärmlichen Story über die angebliche "Volksdroge" Zucker. Politische Titelstories sind mittlerweile Mangelware beim selbsternannten "Nachrichtenmagazin". Man orientiert sich thematisch und inhaltlich eher am "Stern" und seiner Mischung aus Pseudo-Gesundheitsvorsorge und möglichst viel nackter Haut. In diese Tradition fügt sich nun eben auch der "Spiegel" nahtlos ein, indem er eine gutaussehende, zweifellos nicht übergewichtige Frau auf den Titel hievt. Die Frau blickt ein bißchen missmutig drein, was wohl die "Überlastung" andeuten soll, und knabbert an einem Heidelbeerdonut. Seltsam: wenn Überlastung zu Übergewicht führt, warum dann eine Normalgewichtige auf dem Cover?

Man will eben auch nicht die "Spiegel"-Leser vergraulen, die sich eben nicht für politische Themen interessieren oder sich dafür nie interessiert haben. Ganz im Gegenteil: die Marketing-Strategie der nebulösen Chefredakteure aus Hamburg lautet wohl eher, Leser zu gewinnen, die nach Feierabend und vor Fitnessstudio noch was "fürs Auge" brauchen, die aber den Anschein erwecken wollen, ein seriöses Magazin zu kaufen. Sprich: man will "Stern"-Leser abwerben.

Ich werden mir den Spiegel nicht kaufen, weil ich es aus Prinzip nicht mehr tue. Der inhaltliche Verfall des Magazins, der vor zehn Jahren eingesetzt hat, jedoch seit dem Weggang von Stefan Aust im Jahr 2008 unüberschaubare Ausmaße angenommen hat, verbietet dies. Man kann sich ja schon denken, was einen morgen erwartet: ein unheilvolles Gebräu aus Pseudo-Wissenschaft, conventional wisdom und Panikmache: "Oh nein, ich bin schon überlastet - werde ich jetzt auch noch dick?"

Doch die gängige Zeitgeistreligion ist eben übermächtig. Man muss Marathon laufen, Yoga praktizieren, sich nicht von Kohlenhydraten ernähren und immer erreichbar sein. Das verlangt die Marktwirtschaft, und der "Spiegel" dient sich als Steigbügelhalter an, als Megafon für die perverse Marktreligion und ihre heiligen Sakramente der Team- und Belastungsfähigkeit, der Flexibilität und der Anpassungsbereitschaft. 

So ist es beim "Spiegel" im Jahr 2013. Man ist nicht mehr kritisch; man ist marktkonform. Man beschäftigt sich nicht mit Gesellschaftskritik, sondern warnt vor Übergewicht durch Stress und Donuts. Wie weit sind wir gekommen?

    





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