Dienstag, 26. Februar 2013

Radiofeature à la Boulevard: Johannes Nichelmanns Versuch, die Bodenseeregion zu bepinkeln

Wie freue ich mich immer auf die SWR2-Radiofeatures! Um 10.05 Uhr werden sie wochentags ausgestrahlt, ich glaube täglich. Dabei wird eine knappe halbe Stunde ein gesellschaftspolitisches Thema aufgegriffen, dokumentiert, manchmal auch kommentiert. Niemals jedoch wird dem Hörer eine Meinung vorgesetzt. Die Stücke sind fast immer, wie man so schön sagt, "atmosphärisch dicht" und regen dazu an, sich eigene Gedanke über ein Thema zu machen, über das man vorher vielleicht noch nicht allzu viel wusste.

Dass nicht jedes Radiofeature gut ist, musste ich heute erfahren. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Unter dem Titel "Hightech im Garten Eden" versuchte Johannes Nichelmann sich am Porträt der Bodenseeregion. Dabei war seine Absicht, einen Kontrast darzustellen. Einerseits die heile Naturwelt Bodensee, das "Rentnerparadies" mit Vollbeschäftigung. Andererseits EADS, einer der weltweit führenden Rüstungshersteller, der nicht nur vielen Menschen in der Region Arbeit verschafft, sondern sich auch als "Erziehungshelfer" in Schulen andient.

Daraus hätte man durchaus etwas machen können. Zum Beispiel einen Exkurs ins Thema Rüstungsindustrie. Ist es moralisch verwerflich, Waffen zu exportieren? Das wäre eine interessante Frage gewesen, die man am Beispiel Bodensse/EADS hätte erörtern können. Nichelmann ließ die Chance ungenutzt.

Ihm ging es von vornherein darum, den Menschen in der Region ans Bein zu pinkeln. Sein Urteil stand von vornherein fest: mit diesen Leuten stimmt etwas nicht. Sie werden zum Schweigen gebracht, sie sind völlig vereinnahmt vom großen, bösen Rüstungskonzern. Dies war die Stimmung, die der Jungautor bereits in der Eingangssequenz vermittelte, und mit dieser vagen, mißliebigen Stimmung ging der Beitrag auch zu Ende. Dazwischen erlebte man eine seltsame Mischung aus Szenen einer WG-Küche (die nichts mit alledem zu tun hatten und seltsam isoliert standen), wenig Stoff und wenig Argumenten.

Einmal näherte sich Nichelmann dabei dem Eingangstor des Konzerns. Dabei wurde er von einem Wachmann freundlich gefragt, was er denn da mache. "Tonaufnahmen", so Nichelmann. Später kam die Polizei. Zwischen den Zeilen hörte man Nichelmann förmlich um einen Skandal flehen. Seine Story, das war nach wenigen Minuten klar, war so dünn und nichtig, dass er sie mit langweiligen Randgeschichten aufblähen musste. Z.B. ließ er sich von irgendwem (wer war das?) die Entstehungsgeschichte der Maultasche erklären. Warum? Was sollte das? 

Einen ansatzweise interessanten Aspekt fand Nichelmann doch: der Konzern mischt sich in die Schulpolitik ein. Das war's. Weder fand der Autor belastendes Material hinsichtlich der Motive des Konzerns. Noch wurde klar, wie genau in den Unterricht eingegriffen wird - und ob das überhaupt geschieht. 

Am Ende fragte man sich: was war der Sinn dieser Geschichte? Was wollte uns der Autor damit sagen? Ja, der Bodensee ist eine friedliche, harmonische Region. Ja, es gibt dort eine enorme Industrie, auch die Rüstungsindustrie spielt dabei eine Rolle. That's it? Daraus ein Radiofeature zu machen, ist wirklich mutig. Leider ging es voll in die Hose. Während der Recherchen hätte sich Nichelmann eingestehen müssen, dass seine Story irgendwo im Nirgendwo versandet ist. Man hätte dafür ein gutes Feature aus der Konserve spielen können. Oder ein Haydn-Konzert. 

So bleibt ein schaler Beigeschmack zurück. Ein politisch korrekter Jungautor kommt selbstgerecht und voreingenommen in den Süden, wirft das Wort "Rüstungskonzern" in den Raum und denkt, damit sei die Sache gelaufen. Von wegen. Und: gähn... 

      


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