Dienstag, 12. Februar 2013

Vietnam - eine kurze Geschichte

Die "Arte"-Sendung "Mit offenen Karten" versorgt geopolitisch und kulturhistorisch Interessierte bereits seit weit über zehn Jahren mit einem hochinteressanten, niveauvollen, vor allem jedoch aufs Wesentliche reduzierten, minimalistischen Programm.

Die Sendung besteht aus drei Teilen: einer kurzen, straffen thematischen Einführung ins Thema von Moderator Jean-Christophe Victor, dem langen Mittelteil, der lediglich die Karte der besprochenen Region zeigt, deren Entwicklung eine Stimme aus dem Off kommentiert, sowie dem wiederum von Victor moderierten, zusammenfassenden Schlussteil. Nach meist gut zehn Minuten ist man umfassend informiert. Ein meisterliches Konzept!

Da man in Deutschland leider wenig über Vietnam weiß und von diesem faszinierenden Land am Rande Südostasiens tristerweise nur dann erfährt, wenn dumpfe hessische Integrationsminister sich rassistischer Ausfälle schuldig machen, ist es um so schöner, dass es Sendungen wie diese gibt.

Vietnam erstreckt sich auf über eintausend Kilometern von Nord nach Süd entlang der annamitischen Kortelliere, eines Gebirgszugs, der die natürliche Grenze des Landes nach Westen hin bildet. Im Süden prägt das Delta des Mekong die Landschaft, der 4000 Kilometer aufwärts im Hochland von Tibet seinen Ursprung hat. Auch im Norden Vietnams ist die Landschaft durch ein Flussdelta, das des Roten Flusses, geprägt, der in den Golf von Tonkin mündet.

Das vom Monsun geprägte Klima ermöglichte es den Einwohnern des heutigen Vietnam schon immer, Reis in diesen Regionen anzubauen. Die Fruchtbarkeit der Regionen führte auch dazu, dass sich ein Großteil der vietnamesischen Bevölkerung in diesen beiden Delta-Regionen niederließ. Diese Nord-Süd-Anordnung zeigt sich auch an Vietnams größten Städten, Ho-Chi-Minh-City (ehemals Saigon) im Süden und Hanoi im Norden.

Kulturhistorisch interessant ist vor allem die kulturelle Zweiteilung Vietnams, die wir heute eigentlich eher im Zusammenhang des Vietnamkriegs sehen, nämlich einem kommunistischen Norden sowie einem kapitalistischen, prowestlichen Süden. Doch bereits in früheren Zeiten war Vietnam kein homogenes Kulturvolk. Der Norden war stark von China beeinflusst, war gar lange Zeit Teil Chinas. Der Süden hingegen stand unter dem Einfluss Indiens. Das nördliche Königreich der Dai Viet war dabei bis ins 10.Jahrhundert China eingegliedert, bevor es seine Unabhängigkeit erreichte. Später dann eroberte Dai Viet das in Südvietnam ansässige Volk der Champa. Im 15.Jahrhundert umfasste das Königreich Dai Viet bereits fast die Fläche des gesamten heutigen Vietnam. Trotz zahlreicher innerer Konflikte und einer erneuten zwischenzeitlichen Abhängigkeit von China (Quing-Dynastie) wurde die Einheit des Landes konserviert und Vietnam strahlte Mitte des 19.Jahrhunderts als wohlhabendes und vereintes Land.

1859 dann trat Frankreich in Person von Kaiser Napoleon III. auf den Plan, der sieben Jahre zuvor das zweite französische Kaiserreich ausgerufen hatte. Er griff Saigon an, eroberte Vietnam und viele angrenzende Staaten, unter anderem Kambodscha und Laos. Der Kolonialismus hatte Vietnam von nun an fest in seinen Klauen. Die Franzosen beuteten das Land erbarmungslos aus: Tee, Kautschuk, Kohle, Reis und Pfeffer sorgten für eine blühende Exportwirtschaft, die vor allem in der französischen Heimat oder auf dem riesigen chinesischen Markt ihre Abnehmer fand. Das von nun an so genannte "Indochina" galt den Franzosen als Schmuckstück ihres Kolonialreiches, das auch nach Napoleons Abdankung in der Dritten Republik fortgesetzt wurde.

Die Ungerechtigkeit und Ausbeutung des Kolonialsystems erfuhr zunächst Anfang der 1930er Jahre ersten Widerstand, als Bauernaufstände unter der Führung von Ho-Chi-Minh, einer wichtigen Figur des internationalen Kommunismus und Antikolonialismus sowie der kommunistischen Partei Indochinas, dem französischen Machtanspruch tiefe Kratzer versetzte. Innenpolitisch durch Hitlers Überfall im Sommer 1940 sowie durch die Besetzung Vietnams durch Japan erheblich geschwächt, hatte es Frankreich ab 1941 zusätzlich noch mit der ebenfalls von Ho-Chi-Minh gegründeten "Liga für die Unabhängigkeit Vietnams", der Vietmin, zu tun. Dieser war es dann auch, der im September 1945 die Unabhängigkeit Vietnams von Frankreich ausrief.

Da sich die beiden Nationen zu keinen Kompromissen am Verhandlungstisch bereit sahen, kam es im Dezember 1946 zum Ausbruch des Indochinakriegs: hierbei wurde Vietnam massiv vom kommunistischen China unterstützt, während Frankreich auf die USA zählen konnte, das ja ohnehin einer Ausbreitung des Kommunismus in Asien einen Riegel vorschieben wollte. Der Krieg war damit Kolonialkrieg, Bürgerkrieg und Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West in einem.

Die zwar materiell weit überlegenen Franzosen mussten jedoch wie später die Amerikaner feststellen, dass sie den natürlichen und klimatischen Bedingungen sowie der Zähigkeit des vietnamesischen Gegners und seiner Guerilla-Strategie nicht gewachsen waren. 1954 wurde auf der Genfer Indochinakonferenz die Unabhängigkeit des Landes offiziell anerkannt, allerdings in zwei Teilen. Dabei kam es zum Streit um die Grenzziehung (14. oder 17. Breitengrad?), der auch das zukünftige vietnamesische Konfliktfeld zwischen kommunistischem Norden und kapitalistischem Süden einläutete.

Im daraufhin ausbrechenden Bürgerkrieg griffen nun die Amerikaner aus bereits genannten und jedermann bekannten Gründen ein. Was folgte, war das größte Trauma der Amerikaner bis zum 11.September, fast 10 Jahre erbitterten Kampfes mit hohen Verlusten auf beiden Seiten, schreckliche Kriegsverbrechen und ein Ökozid, der vor allem durch den Einsatz von Agent Orange und Napalm seitens der Amerikaner verursacht wurde. Tausende vietnamesischer Dörfer wurden zerstört. Über zwei Millionen Kriegstote, dramatische Langzeitfolgen wie Fehlbildungen und Krebs resultierten. Millionen vietnamesischer Flüchtlinge strömten in den Folgejahren nach Frankreich und in die USA (auch in die BRD). 

Das Land wurde 1975 dann gewaltsam durch den sozialistischen Norden wiedervereinigt. Diese Einheit unter einer kommunistischen Diktatur hält bis heute. Interessanterweise entwickelte sich das über hundert Jahre besetzte Vietnam 1978 selbst zur Besatzungsmacht, als vietnamesische Truppen Phnom Penh eroberten, die Roten Khmer entmachteten und nach einer zehnjährigen Besatzung eine pro-vietnamesische Marionettenregierung installierten, die bis heute Bestand hat. 




























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