Freitag, 26. April 2013

Sind Lehrer überbezahlt? Ein kleiner Abriss über eine vielgescholtene Berufsgruppe

Lehrer sein ist kein einfaches Schicksal. Es gibt wahrscheinlich keine Berufsgruppe in Deutschland, die verpönter ist als die der Herren im angestaubten Kordjackett. Was müssen sich Lehrer nur alles gefallen lassen? Sie seien faul, überbezahlt, ihre Ausbildung sei zu lang und theoretisch, sie seien meist menschlich inkompetent und hätten das Lehramt aus Verlegenheit, mangels anderweitigem Talent gewählt oder weil ihnen der nötige Biss fehlt, sich im Wirtschaftsleben durchzusetzen. Sie hätten mehr als doppelt so viele Ferien wie normale Arbeitnehmer, müssen sie sich anhören. Zudem, so der landläufige Affront, stünden sie außen vor und hätten keine Ahnung von der freien Wirtschaft.

Das mag alles irgendwie stimmen, ist mir aber doch zu einfach. Zur Überbezahlung will ich zwei Dinge anmerken. Erstens sollte einem klar sein, dass Lehrer zwar ein solides Einstiegsgehalt erhalten, sich dieses aber nicht mehr verändert. Es sei denn, sie werden Rektor der Schule, was mit Mehraufgaben verbunden ist. Ihr Gehalt bleibt gleich, Aufstiegschancen, Prämien oder Zulagen können Lehrer nicht verbuchen. Zum Zweiten betrachte ich einen Großteil des Gehalts eines Lehrers als Schmerzensgeld: ob bewusst oder unbewusst, Lehrer haben sich den undankbarsten Beruf ausgesucht, den es gibt. Denn das Unterrichten von prä-Pubertierenden oder mitten in der Pubertät befindlichen Schülern bietet zugleich ein Höchstmaß an Monotonie und ein ebenso hohes Maß an Stress.

Ständig sabotiert irgendein Hanswurst mit Oberlippenflaum den Unterricht. Das Schlimme: einer reicht ja schon. Da können gerne 29 brave Schüler in der Klasse sitzen. Hat man dagegen einen einzigen ADHS-erkrankten Zappelphilipp herumsitzen, kann das einen Lehrer durchaus in den Wahnsinn treiben. Das kann sich dann über Wochen, Monate - eventuell über Jahre ziehen, so man diesen Teufelsbraten nicht einem anderen Lehrer zuschieben kann. Nicht von ungefähr gehören Lehrer zur am meisten von Burnout gefährdeten Berufsgruppe mit horrenden Quoten der Berufsunfähigkeit.

Lehrer können nie eine ruhige Kugel schieben, was ja einer der größten Vorteile eines "normalen" Bürojobs ist. Dort kann man mal ein bißchen surfen und ein bißchen seine Gedanken schweifen lassen. Jedenfalls hat man meistens seine Ruhe, unterhält sich mit erwachsenen Kollegen und macht sein Ding. Nicht so als Lehrer. Man hat sozusagen eine permanente Teambesprechung, um mal eine Metapher aus der eigentlichen Berufswelt zu verwenden. Wie man aus Erfahrung weiß, gibt es aber bei Tagungen und Besprechungen eigentlich immer nur eine Art Mensch, die mit Elan dabei ist: geltungssüchtige Profilneurotiker. Jetzt muss man sich also vorstellen, dass Lehrer diese Teambesprechung, dieses Meeting jeden Tag haben, in Form von Unterricht. Eine absolute Horrorvorstellung, denn jeden Tag sind sie die Hauptperson. Viele Lehrer machen sich dies erst klar, wenn sie schon sieben Jahre studiert haben und es kein Zurück mehr gibt. Es ist den Lehrern also eigentlich hoch anzurechnen, dass sie diesen Stress jeden Tag durchstehen (zumindest bis zu dem Tag, wo nichts mehr geht).

Eine interessante Frage ist, finde ich, außerdem: wie viel Prozent der Lehrer sind eigentlich echte Pädagogen, das heißt Pädagogen mit Leib und Seele, und wie viele sind tatsächlich einfach im Lehrerberuf gelandet? Darüber kann man natürlich keine seriösen Angaben machen. Ich vermute, das Verhältnis liegt etwa bei 30-70%, optimistisch geschätzt. 70% sind also Lehrer, die ihre Tätigkeit als Job sehen und nicht als Berufung. Genau hier liegt aber der Hund begraben. Denn wenn der Beruf des Lehrers eines nicht ist, dann ein normaler Job, den man absitzen kann. Aus diesem Grund scheitern auch so viele Lehrer, oder werden verbohrt, träge, lebensmüde. Sie sind der pädagogischen Situation emotional nicht gewachsen, fangen an zu trinken oder verlieren sich in verquasten Hobbies, die sie von ihren Aufgaben ablenken. Deshalb hatte ich auf dem Gymnasium vermutlich auch immer so viele Lehrer, die seltsam waren, irgendwie anders als andere Erwachsene, anders als Eltern von Freunden, die Ärzte, Hausmeister, Steuerberater oder Schichtarbeiter waren. Viele Lehrer lebten damals, das verstehe ich im Nachhinein, in ihrer eigenen Welt, schlürften die Gänge entlang als Solitäre, abgekämpft, desillusioniert, innerlich verzweifelt, schon längst die Waffen gestreckt. Eine triste Einsicht, aber wichtig. Denn so leicht werde ich nicht mehr über den Lehrerberuf urteilen, wie ich es früher tat.

Lehrer haben das Leben wahrlich schwer genug. Diese in Zeit und Raum verlorenen Don Quixotes kämpfen gegen Windmühlen in Form von schnöseligen Jungspunden und Verhaltensauffälligen, gegen überambitionierte Eltern, die die tatsächliche Intelligenz ihres kleinen Jan-Hendrik oder ihrer süßen Anna-Lena naturgemäß völlig überschätzen. Sie kämpfen gegen verquere Anforderungen der Gesellschaft und, wie eingangs erwähnt, gegen Vorurteile, die so zahlreich sind wie die Schweizer Konten von Uli Hoeneß. Wir sollten uns also alle freuen, dass es Menschen gibt, die diesen Beruf überhaupt ergriffen haben, sei es freiwillig oder unfreiwillig. 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

manno-man! A13 Besoldung monatliche abkassieren bei späteren 71,5% Pension vom letzen Gehalt und das bei insgesamt 18 Wochen echter Auszeit im Jahr - hört endlich auf mit dem Gejammer!

T.Baur hat gesagt…

Alles richtig. Allerdings ist dieses Gehalt als Schmerzensgeld für die Monotonie und die erbärmliche Reputation des Berufs zu betrachten.
Zumal Gehaltserhöhungen nicht zur Debatte stehen. Ich bin übrigens zum Glück kein Lehrer.

Anonym hat gesagt…

Sorry, dass ich erst jetzt zur Antwort komme. Bin Hochschullehrer und kann da natürlich auf mehr Freiräume (ca. 22 Wochen vorlesungsfreie Zeit mit absolut freier Zeiteinteilung!) bei akzeptabler Besoldung und absoluter fachlicher Autonomie blicken. (Für mich gibt es übrigens keinen schöneren Beruf - auch wenn in der Privatwirtschaft sicherlich höhere Verdienste möglich sind.)
Allerdings habe ich in meinem persönlichen Umfeld einige Gymnasiallehrer, die tatsächlich eine Menge der geschilderten Probleme in den Griff bekommen müssen. Dennoch: das sind alles Sorgen auf relativ hohem Niveau! Wer einmal in der Privatwirtschaft gearbeitet hat, kann da nur den Kopf schütteln. Gruß vom "glücklichen Professor"