Sonntag, 9. Juni 2013

Armin Petras kommt als neuer Intendant ins "beschauliche" Stuttgart

Da in der kommenden Theaterspielzeit (2013/14) mit Armin Petras ein neuer Intendant ans Schauspiel in Stuttgart kommt, habe ich mir zwei Interviews mit ihm zu Gemüte geführt. Eines im Deutschlandradio Kultur:
  
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/buehne/2136802/

Das andere auf der Online-Präsenz der Stuttgarter Zeitung:

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.interview-mit-armin-petras-glueck-heisst-sich-zu-verausgaben.8fcb8259-6610-4d30-91b6-d056fdb3f6ca.html

Ich bin gespannt auf diesen neuen Impulsgeber. Petras ist gebürtiger Sauerländer und kommt aus Berlin nach Stuttgart, wo er zuletzt Intendant des Maxim-Gorki-Theaters war. Manche Berliner sehen auf Schwaben und Stuttgarter herab - beziehungsweise: Schwaben sind ihnen suspekt. Nicht so Petras. Sehr angenehm fiel mir gleich zu Beginn des Interviews im Deutschlandradio zum Beispiel auf, wie er den Versuch eines moderaten Stuttgart-Bashings durch die Moderatorin Susanne Burkhard gekonnt parierte. Ob ihm der Wechsel vom "lebendigen" Berlin ins "beschauliche" Stuttgart denn Bauchschmerzen bereite, wollte sie wissen. Denn, so legte die scheinbar doch recht ignorante Radiofrau nach, es fehlten doch die sozialen Reibungspunkte im Vergleich zu Berlin. Ach, wirklich, Frau Burkhard? In welcher Blase leben sie denn gleich? Die Frage nämlich, welche deutsche Stadt im letzten halben Jahrzehnt die politisch und sozial aufgeladenste und mit großem Abstand interessanteste war, kann eigentlich für einen aufgeklärten Bürger nur eine rhetorische sein. Für Susanne Burkhard persönlich will ich aber die Antwort noch einmal ganz klar geben: Stuttgart! Und nicht das langweilige, unschöne Berlin, ständig pleite, und angeblich so unglaublich "pulsierend". Das einzige was in Berlin meiner Meinung nach mittlerweile noch pulsiert, sind Ü60-Schwaben in Pension, die mal so richtig was erleben wollen, nur um dann in pseudo-verruchten Kneipen auf anderen Ü60-Schwaben zu treffen, die auf der Suche nach dem großen Rentenabenteur dann doch nur ihresgleichen vorfinden. 

Aber zurück zum Thema: Schon die Überschrift des Interviews im Deutschlandradio "Vom wilden ins Beschauliche" ist typisch für die kleinkarierte Unwissenheit und völlig klischeebehaftete Wahrnehmung einer der interessantesten Städte Deutschlands. Armin Petras jedenfalls konterte meisterhaft und entlarvte Burkhards in journalistische Rhetorik gekleidete Frage als das, was sie tatsächlich war: Ein nervtötendes Vorurteil. 

Beunruhigend wiederum finde ich die Äußerung Petras' in der Stuttgarter Zeitung zum Stück "Das Spiel ist aus" von Sartre, das er lobte. Ich war letzten März (2012) im Schauspiel. Vielleicht war es ein Fehler, das Stück Sartres vorher zu lesen, und vielleicht wäre ich ohne diese Lektüre zufriedener aus dem Theater gegangen. Keine der Personen, am wenigsten aber Eve und Pierre, sind hier nur ansatzweise getroffen. Die Inszenierung enthielt zwar einige vielversprechende schauspielerische Ansätze, war insgesamt jedoch eine ziemlich herbe Enttäuschung. Vor allem Till Wonka, dessen Talent unbestritten ist, enttäuschte als Pierre, den er zum triebgesteuerten Zappelphilipp degradierte und nicht als den kühlen Plotter gab, der er in Sartres Stück ganz zweifelsfrei ist. Das Ganze war also alles in allem ein großes Kasperltheater und Sartres nicht würdig, aber sei's drum. 

Petras startet mit 32 Inszenierungen und will viel "experimentieren". Das kann gut sein, muss es aber nicht. Die Spannung steigt deshalb umso mehr.





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