Dienstag, 26. Februar 2013

Radiofeature à la Boulevard: Johannes Nichelmanns Versuch, die Bodenseeregion zu bepinkeln

Wie freue ich mich immer auf die SWR2-Radiofeatures! Um 10.05 Uhr werden sie wochentags ausgestrahlt, ich glaube täglich. Dabei wird eine knappe halbe Stunde ein gesellschaftspolitisches Thema aufgegriffen, dokumentiert, manchmal auch kommentiert. Niemals jedoch wird dem Hörer eine Meinung vorgesetzt. Die Stücke sind fast immer, wie man so schön sagt, "atmosphärisch dicht" und regen dazu an, sich eigene Gedanke über ein Thema zu machen, über das man vorher vielleicht noch nicht allzu viel wusste.

Dass nicht jedes Radiofeature gut ist, musste ich heute erfahren. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Unter dem Titel "Hightech im Garten Eden" versuchte Johannes Nichelmann sich am Porträt der Bodenseeregion. Dabei war seine Absicht, einen Kontrast darzustellen. Einerseits die heile Naturwelt Bodensee, das "Rentnerparadies" mit Vollbeschäftigung. Andererseits EADS, einer der weltweit führenden Rüstungshersteller, der nicht nur vielen Menschen in der Region Arbeit verschafft, sondern sich auch als "Erziehungshelfer" in Schulen andient.

Daraus hätte man durchaus etwas machen können. Zum Beispiel einen Exkurs ins Thema Rüstungsindustrie. Ist es moralisch verwerflich, Waffen zu exportieren? Das wäre eine interessante Frage gewesen, die man am Beispiel Bodensse/EADS hätte erörtern können. Nichelmann ließ die Chance ungenutzt.

Ihm ging es von vornherein darum, den Menschen in der Region ans Bein zu pinkeln. Sein Urteil stand von vornherein fest: mit diesen Leuten stimmt etwas nicht. Sie werden zum Schweigen gebracht, sie sind völlig vereinnahmt vom großen, bösen Rüstungskonzern. Dies war die Stimmung, die der Jungautor bereits in der Eingangssequenz vermittelte, und mit dieser vagen, mißliebigen Stimmung ging der Beitrag auch zu Ende. Dazwischen erlebte man eine seltsame Mischung aus Szenen einer WG-Küche (die nichts mit alledem zu tun hatten und seltsam isoliert standen), wenig Stoff und wenig Argumenten.

Einmal näherte sich Nichelmann dabei dem Eingangstor des Konzerns. Dabei wurde er von einem Wachmann freundlich gefragt, was er denn da mache. "Tonaufnahmen", so Nichelmann. Später kam die Polizei. Zwischen den Zeilen hörte man Nichelmann förmlich um einen Skandal flehen. Seine Story, das war nach wenigen Minuten klar, war so dünn und nichtig, dass er sie mit langweiligen Randgeschichten aufblähen musste. Z.B. ließ er sich von irgendwem (wer war das?) die Entstehungsgeschichte der Maultasche erklären. Warum? Was sollte das? 

Einen ansatzweise interessanten Aspekt fand Nichelmann doch: der Konzern mischt sich in die Schulpolitik ein. Das war's. Weder fand der Autor belastendes Material hinsichtlich der Motive des Konzerns. Noch wurde klar, wie genau in den Unterricht eingegriffen wird - und ob das überhaupt geschieht. 

Am Ende fragte man sich: was war der Sinn dieser Geschichte? Was wollte uns der Autor damit sagen? Ja, der Bodensee ist eine friedliche, harmonische Region. Ja, es gibt dort eine enorme Industrie, auch die Rüstungsindustrie spielt dabei eine Rolle. That's it? Daraus ein Radiofeature zu machen, ist wirklich mutig. Leider ging es voll in die Hose. Während der Recherchen hätte sich Nichelmann eingestehen müssen, dass seine Story irgendwo im Nirgendwo versandet ist. Man hätte dafür ein gutes Feature aus der Konserve spielen können. Oder ein Haydn-Konzert. 

So bleibt ein schaler Beigeschmack zurück. Ein politisch korrekter Jungautor kommt selbstgerecht und voreingenommen in den Süden, wirft das Wort "Rüstungskonzern" in den Raum und denkt, damit sei die Sache gelaufen. Von wegen. Und: gähn... 

      


Montag, 25. Februar 2013

Italia brutta: das hässliche Gesicht einer europäischen Bananenrepublik

Und da fragen sich manche noch ernsthaft, wo die Skepsis gegenüber der EU herkommt? 

Was ist los in Italien?

Italien ist eine Bananenrepublik. Das ist nicht wirklich neu; doch nie war es so augenscheinlich wie heute. Das sich abzeichnende Wahlergebnis der Wahlen zum italienischen Unterhaus und zum Senat lässt nordeuropäische Wähler mit offenen Mündern und großen Augen zurück.

Ein sexbesessener Mittsiebziger, der das Land 17 Jahre lang in den Dreck zog, kommt wieder, aller Vorraussicht nach, auf weit über 25% der Stimmen. Silvio Berlusconi ist wieder zurück. Der Mann, der seine Amtszeit laut dem tschechischen Politiker Schwarzenberg "verfickte", hat ein Comeback geschafft, das er wohl nur selbst für möglich gehalten hat. Es ist wahrscheinlich, dass er an der neuen Regierung beteiligt wird, denn Bersani und sein Mitte-Links-Bündnis haben einen nur knappen Vorsprung.

Komiker und Psychopathen: Warum sind Italiens Wähler so dumm?

Berlusconi jedoch ist nicht das einzige Phänomen, das in gefestigten Demokratien ungläubiges Kopfschütteln erzeugen sollte. Auch dass Beppe Grillo, seineszeichens Komiker, wohl auch deutlich über 20% der Stimmen auf seine Partei "Cinque Estelle" vereinigen konnte, lässt die Frage offen, mit welcher Einstellung italienische Wähler eigentlich zur Wahl gehen.

Eine Bananenrepublik und ihr Einfluss auf Europa

Lebten wir 1970 oder 1980, zu Zeiten gefestigter Nationalstaaten und lange vor den Verirrungen der Währungsunion, könnte uns dies alles egal sein. Man könnte über die Italiener lachen. Sollen sie doch machen, was sie wollen, könnte man sagen, schließlich sind sie ein souveränes Volk. 

Doch so einfach ist es leider nicht mehr. Denn Helmut Kohl, Francois Mitterand und eine endlose Reihe von größenwahnsinnigen Politikern vor ihnen brachten nun einmal ein Projekt ins Rollen, dessen Entwicklung gespenstisch schnell voranschreitet und früher oder später in einem europäischen Superstaat münden wird. In solch einem Superstaat aber werden achtzig Millionen Deutsche eine gleichwertige Stimme haben wie die 50 Millionen Italiener, die sich gestern und heute an den Wahlurnen blamiert haben. Nord- und Westeuropäer kann es also nicht egal sein, was sich in Italien zusammenbraut.

Die Alternativen waren da

Dabei hätte man mit Monti und Bersani doch zwei einigermaßen vernünftige Männer wählen können; es ist ja nicht so, dass es keine Alternativen gegeben hätte.

Heute wird auch sichtbar, dass eben Berlusconi nicht der allein schuldige ist. "The man who screwed a whole country" ("The Economist") wurde eben immer wieder demokratisch gewählt. Auch in diesem Jahr, nach all den Skandalen, dem wirtschaftlichen Niedergang, der Offenlegung der perversen Persönlichkeit dieses wahren Komikers, hat das italienische Volk immer noch nicht genug vom Soziopathen aus der Lombardei.

Wer will eine politische Union mit diesem Land?

Wenn es also jemals ein schlagendes Argument gegen eine politische Vereinigung Europas gegeben hat, dann heute. Niemals kann es im deutschen Interesse liegen, eine politische Union einzugehen mit einem Staat, dessen Volk wieder und wieder seinen Untergang, seinen Weg in die Korruption bewusst gewählt hat und damit nach und nach sein eigenes Grab schaufelt.

Es ist ja auch nicht so, dass dies alles sich am Rande der EU, im Land eines Beitrittskandidaten, abspielt. Wir reden nicht über Makedonien oder Albanien, nicht über die Türkei (was ist die Türkei für ein mustergültiger Staat im Vergleich zu Italien) und nicht über Serbien. Nein, wir reden über ein Gründungsmitglied der Europäischen Union. Das ist das Schreckliche an dieser Geschichte.

Verachtung und Mitleid

Man kann nur Verachtung empfinden für Berlusconi und die, die ihn gewählt haben. Ihnen scheint nichts an ihrem Land zu liegen; es müssen Kleptokraten sein, Günstlinge oder schlicht Idioten. Leid müssen einem die tun, die Bersani und Monti gewählt haben und sich nun dem Horror gegenübersehen, sich wieder mit einem verschwunden geglaubten, psychopathischen Monstrum auseinandersetzen zu müssen; vermutlich wieder über viele Jahre hinweg.

          

Sonntag, 24. Februar 2013

Anlässlich der Oscars: Anmerkungen zu "Argo", "Lincoln" und "Django Unchained"

Ich will mich anlässlich der heutigen Verleihung der Oscars kurz zu drei Filmen äußern, die heute Nacht in der einen oder anderen Kategorie für die wichtigsten Filmpreise der Welt nominert sind: "Argo", "Lincoln", und "Django Unchained".

Argo: Kino wie es sein soll

Zunächst finde ich, dass "Argo" unbedingt den Oscar für den besten Film des Jahres erhalten sollte. Der Film ist unglaublich spannend, unprätentiös, ohne versteckte politische Botschaft und braucht nicht, wie leider so viele andere Filme, zwei Stunden um in die Gänge zu kommen. "Argo" erzählt die Geschichte der Befreiung einer handvoll amerikanischer Geiseln, die sich im Zuge der iranischen Revolution und der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran versteckt hielten.

Spielbergs Lincoln ist so patriotisch wie blutleer

Leider ist "Lincoln" all das nicht. Lincoln verzettelt sich, ist politisch schrecklich korrekt (Peter Hitchens hat in seinem Blog unlängst hervorragend ausgeführt, was Abraham Lincoln wirklich von Schwarzen hielt), rührselig, Feelgood-Kino à la Spielberg. Es ist mir unerklärlich, wie die Kritik so ignorant sein und dieses Machwerk in den Himmel loben konnte. Daniel Day-Lewis mag ein talentierter Schauspieler sein, der Abraham Lincoln gut verkörpert. Wie realistisch er den berühmtesten aller amerikanischen Präsidenten verkörpert, kann keiner sagen. Wenn Lincoln aber wirklich so war, wie Day-Lewis ihn spielt, dann war er ein langweiliger, langsamer, verzagter Mann mit einem Altherrenhumor, der Rainer Brüderle oder Manfred Lütz wie spritzige Stand-Up-Comedians erscheinen lässt.

Wenn Day-Lewis einen verzagten Langweiler spielt

"Lincoln" ist ein effektives Schlafmittel. Die historischen Debatten wirken gestelzt, das ganze Ambiente des Films steif, steril und verstaubt. Es gibt im Übrigen keine Szenen aus dem Bürgerkrieg. Alles spielt sich in oder ums Weiße Haus ab, und Spielberg konzentriert die gesamte dramaturgische Energie auf die Verabschiedung des 13.Verfassungszusatzes, der die Abschaffung der Sklaverei festlegt. Das mag seinen Sinn haben. Nach 2 1/2 Stunden jedoch ertappt man sich dabei, wie man vor sich hinmurmelt: "Verabschiede doch endlich diesen Scheißartikel und lass mich heim."

Tarantino stößt an die Grenzen seiner Kreativität

Auch "Django Unchained" ist leider, von Christoph Waltz' wieder einmal kaum zu übertreffenden Darbietung, eine einzige Enttäuschung. Ein schlechtes, weil wirres Drehbuch, eine müde Leistung von Jamie Foxx als "Django" (verzieht keine Miene), ein auf drei Stunden aufgeblähter Murks, dessen Gewaltorgien bei Tarantino leider obligatorisch sind. Der Film macht keinen Sinn, und deshalb macht er keinen Spass. Wie gesagt: Waltz hätte seinen Oscar trotzdem verdient, er ist der einzige Lichtblick in drei Stunden voller Idiotie. 

 

Kuhn und Massenmörder Mao - hat der kleine Allgäuer gar nichts gelernt?

Spätestens seit letzter Woche bereue ich meine Entscheidung zutiefst, Fritz Kuhn meine Stimme bei der Wahl zum Stuttgarter Oberbürgermeister gegeben zu haben. Letzte Woche nämlich zitierte Kuhn aus der "Mao-Bibel", als er SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück bei dessen Besuch im Stuttgarter Rathaus ein paar "Ratschläge" für den Wahlkampf mit auf den Weg geben wollte.
  
„Fest entschlossen sein, keine Opfer scheuen und alle Schwierigkeiten überwinden, um den Sieg zu erringen“, zitierte der Allgäuer da lustig vor sich hin und fand sich dabei sichtbar amüsant. Es ist eigentlich unfassbar, dass der kleine Kuhn, ein Mann, der eine so lange (bundes-)politische Erfahrung vorzuweisen hat, in ein solches Fettnäpfchen tritt und es nicht einmal zu merken scheint. Noch schlimmer: die Öffentlichkeit scheint es nicht zu stören.

So weit ist es gekommen in Stuttgart: ein Grüner Politiker zitiert unter anhaltendem Gelächter der opportunistischen Schleimer im Publikum aus der Kampfschrift eines der grausamsten Massenmörder des 20.Jahrhunderts, Mao Tsetung, und keiner findet es nur im Geringsten Anstößig. 

Hätte Kuhn dagegen aus einer anderen Streitschrift zitiert, zum Beispiel der eines schnauzbärtigen Oberösterreichers, wie wären die Reaktionen wohl ausgefallen? Sein Amt hätte er vermutlich nicht lange behalten.

Bei der Wahl im letzten Jahr habe ich Kuhn gewählt, um den vollkommen drögen Werbefachmann zu verhindern, dessen Name mir bereits wieder entfallen ist. Das war keine Alternative. Er war kein Politiker, langweilig, technokratisch. Hätte ich ihn lieber mal gewählt. Einen so erbärmlichen Auftritt wie den von Kuhn, bar jeden Fingerspitzengefühls, krawallig, verschwitzt, wie zu schlimmsten 68er Zeiten, das hätte man bei Sebastian Turner nicht erlebt. 

Hier wird auch der Unterschied deutlich zwischen dem konservativen Grünen Kretschmann, der seine linksradikale Zeit in den 70er Jahren als "Verirrungen" verurteilt und dem immer noch linken Kuhn, der im Jahr 2013 im Stuttgarter Rathaus freimütig aus dem Pamphlet eines Massenmörders zitiert, in Anwesenheit und bei offenkundiger Goutierung durch den Kanzlerkandidaten der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Der "Filz" der CDU in Stuttgart ist dabei, sich aufzulösen. Die Alternative, die Landtag und Rathaus jetzt beansprucht, ist mehr als beunruhigend.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Zwitscher Zwitscher, Christopher Lauer

In staatstragendem Bekenntnis-Duktus verfasstest du am 20.2. in der FAZ Deinen persönlichen Abgesang auf „Twitter“. Es gehe dabei ja so viel Zeit drauf, heultest Du, „mindestens eine Stunde“ am Tag. Twittern führe zu sozialem Stress, man müsse sich oft Beleidigungen anhören oder „doofe Kommentare“.

Zudem, so erkanntest du blitzgescheit, erreichten große Tageszeitungen eine Auflage von „mehr als 350.000 Exemplaren“, während du als höchstwichtiger Vorsitzender der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ja nur auf 22.500 „Follower“ zählen könntest – somit sei Twitter also auch vollkommen ernüchternd und ineffektiv. 

Menschen twitterten über ihre Depressionen, twitterten im Affekt, twitterten „Unkluges, Dinge, die ich nicht lesen möchte.“ Sei es nicht zu viel verlangt, so fragtest Du, wenn sich alle vor ihrer Twitterei drei Fragen stellten, nämlich: „Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: welcher Mehrwehrt entsteht denn durch diese permanente Nabelschau auf Twitter konkret und für wen?“

Nun ja, Lauer: diese Fragen sind ja gar nicht so dumm. Wobei es uns Nicht-Twitterer schon etwas wundert, gerade von Dir von diesem kostbaren Moment der Selbstreflexion zu erfahren!

Lass' uns Dir bei diesen Fragen doch auf die Sprünge helfen: Nein, es muss, vor allem von Dir, nichts gesagt werden, nicht jetzt, nicht gestern und nicht morgen! Sei ganz beruhigt! Ganz besonders deine persönliche, permanent in aller Öffentlichkeit ausgetragene Nabelschau unter dem Vorwand der Transparenz, Deine einschläfernden Meinungen zu Finanzierungsmodellen des Berliner Nahverkehrs oder deine ADHS-Erkrankung, mit der du seit Jahren hausieren gehst: nein nein, niemand braucht das!

Aber, Lauer: warum eigentlich nur nicht mehr twittern? Führe Deine Fragestunde doch bitte fort: „Muss ich auch zukünftig belanglose, selbstverliebte Artikel in der F.A.Z. schreiben? Muss ich meine großbürgerliche Klugscheißerattitüde einem Millionenpublikum im TV zumuten? Und: muss ich wirklich Pullunder mit Rautendruck unterm Jackett tragen?“

Falls Du dabei nicht weiterkommst, kein Problem. Für die Antworten auf alle Deine Fragen kontaktiere einfach den hier bloggenden Blogger.

Warum zeigt das ZDF Schalke statt Bayern?

Manchmal wüsste ich doch zu gern, wer beim ZDF Entscheidungen trifft und wie diese zustande kommen.

Schalke den Bayern vorgezogen

Im Champions-League-Achtelfinale diese Woche gibt es zwei Paarungen mit deutscher Beteiligung: Schalke trifft heute in Istanbul auf Galatasaray. Und Bayern ging gestern Abend mit Arsenal gassi - in einer schier unverschämten Demonstration der Stärke.

Münchner Gala verpasst

Nun konnte man ja nicht wissen, dass Bayern Arsenal derart an die Wand spielt. Ganz unwahrscheinlich war es jedoch auch nicht.

Wie nun kommt es, dass man sich dafür entschieden hat, Schalke zu zeigen, einen Club, der sich in der Liga auf strammer Talfahrt befindet und gegen einen türkischen Club antritt, der zwar im Heimatland eine Größe ist, aber auf internationalem Parkett nie wirklich eine Rolle gespielt hat?

Entscheidung ohne Worte

Es ist schlicht nicht zu erklären, warum TV-Zuschauer auf verratzte, ranzige Eckkneipen angewiesen waren, um die spektakuläre Deklassierung eines einstigen europäischen Spitzenklubs durch Don Jupps Eleven zu bezeugen.

Die Mär über Arsene Wenger

Randnotiz: Arsène Wenger ist als Trainer überbewertet und war es schon immer. Sein ruhiger Pädagogenhabitus und sein Ruf als intellektueller, polyglotter Elder Statesman täuschen darüber hinweg, dass er in seinen 16 Jahren in London nur zwei Meisterschaften einfuhr und seit 2004 keinen Titel mehr nach Highbury holte.     

Dienstag, 12. Februar 2013

Vietnam - eine kurze Geschichte

Die "Arte"-Sendung "Mit offenen Karten" versorgt geopolitisch und kulturhistorisch Interessierte bereits seit weit über zehn Jahren mit einem hochinteressanten, niveauvollen, vor allem jedoch aufs Wesentliche reduzierten, minimalistischen Programm.

Die Sendung besteht aus drei Teilen: einer kurzen, straffen thematischen Einführung ins Thema von Moderator Jean-Christophe Victor, dem langen Mittelteil, der lediglich die Karte der besprochenen Region zeigt, deren Entwicklung eine Stimme aus dem Off kommentiert, sowie dem wiederum von Victor moderierten, zusammenfassenden Schlussteil. Nach meist gut zehn Minuten ist man umfassend informiert. Ein meisterliches Konzept!

Da man in Deutschland leider wenig über Vietnam weiß und von diesem faszinierenden Land am Rande Südostasiens tristerweise nur dann erfährt, wenn dumpfe hessische Integrationsminister sich rassistischer Ausfälle schuldig machen, ist es um so schöner, dass es Sendungen wie diese gibt.

Vietnam erstreckt sich auf über eintausend Kilometern von Nord nach Süd entlang der annamitischen Kortelliere, eines Gebirgszugs, der die natürliche Grenze des Landes nach Westen hin bildet. Im Süden prägt das Delta des Mekong die Landschaft, der 4000 Kilometer aufwärts im Hochland von Tibet seinen Ursprung hat. Auch im Norden Vietnams ist die Landschaft durch ein Flussdelta, das des Roten Flusses, geprägt, der in den Golf von Tonkin mündet.

Das vom Monsun geprägte Klima ermöglichte es den Einwohnern des heutigen Vietnam schon immer, Reis in diesen Regionen anzubauen. Die Fruchtbarkeit der Regionen führte auch dazu, dass sich ein Großteil der vietnamesischen Bevölkerung in diesen beiden Delta-Regionen niederließ. Diese Nord-Süd-Anordnung zeigt sich auch an Vietnams größten Städten, Ho-Chi-Minh-City (ehemals Saigon) im Süden und Hanoi im Norden.

Kulturhistorisch interessant ist vor allem die kulturelle Zweiteilung Vietnams, die wir heute eigentlich eher im Zusammenhang des Vietnamkriegs sehen, nämlich einem kommunistischen Norden sowie einem kapitalistischen, prowestlichen Süden. Doch bereits in früheren Zeiten war Vietnam kein homogenes Kulturvolk. Der Norden war stark von China beeinflusst, war gar lange Zeit Teil Chinas. Der Süden hingegen stand unter dem Einfluss Indiens. Das nördliche Königreich der Dai Viet war dabei bis ins 10.Jahrhundert China eingegliedert, bevor es seine Unabhängigkeit erreichte. Später dann eroberte Dai Viet das in Südvietnam ansässige Volk der Champa. Im 15.Jahrhundert umfasste das Königreich Dai Viet bereits fast die Fläche des gesamten heutigen Vietnam. Trotz zahlreicher innerer Konflikte und einer erneuten zwischenzeitlichen Abhängigkeit von China (Quing-Dynastie) wurde die Einheit des Landes konserviert und Vietnam strahlte Mitte des 19.Jahrhunderts als wohlhabendes und vereintes Land.

1859 dann trat Frankreich in Person von Kaiser Napoleon III. auf den Plan, der sieben Jahre zuvor das zweite französische Kaiserreich ausgerufen hatte. Er griff Saigon an, eroberte Vietnam und viele angrenzende Staaten, unter anderem Kambodscha und Laos. Der Kolonialismus hatte Vietnam von nun an fest in seinen Klauen. Die Franzosen beuteten das Land erbarmungslos aus: Tee, Kautschuk, Kohle, Reis und Pfeffer sorgten für eine blühende Exportwirtschaft, die vor allem in der französischen Heimat oder auf dem riesigen chinesischen Markt ihre Abnehmer fand. Das von nun an so genannte "Indochina" galt den Franzosen als Schmuckstück ihres Kolonialreiches, das auch nach Napoleons Abdankung in der Dritten Republik fortgesetzt wurde.

Die Ungerechtigkeit und Ausbeutung des Kolonialsystems erfuhr zunächst Anfang der 1930er Jahre ersten Widerstand, als Bauernaufstände unter der Führung von Ho-Chi-Minh, einer wichtigen Figur des internationalen Kommunismus und Antikolonialismus sowie der kommunistischen Partei Indochinas, dem französischen Machtanspruch tiefe Kratzer versetzte. Innenpolitisch durch Hitlers Überfall im Sommer 1940 sowie durch die Besetzung Vietnams durch Japan erheblich geschwächt, hatte es Frankreich ab 1941 zusätzlich noch mit der ebenfalls von Ho-Chi-Minh gegründeten "Liga für die Unabhängigkeit Vietnams", der Vietmin, zu tun. Dieser war es dann auch, der im September 1945 die Unabhängigkeit Vietnams von Frankreich ausrief.

Da sich die beiden Nationen zu keinen Kompromissen am Verhandlungstisch bereit sahen, kam es im Dezember 1946 zum Ausbruch des Indochinakriegs: hierbei wurde Vietnam massiv vom kommunistischen China unterstützt, während Frankreich auf die USA zählen konnte, das ja ohnehin einer Ausbreitung des Kommunismus in Asien einen Riegel vorschieben wollte. Der Krieg war damit Kolonialkrieg, Bürgerkrieg und Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West in einem.

Die zwar materiell weit überlegenen Franzosen mussten jedoch wie später die Amerikaner feststellen, dass sie den natürlichen und klimatischen Bedingungen sowie der Zähigkeit des vietnamesischen Gegners und seiner Guerilla-Strategie nicht gewachsen waren. 1954 wurde auf der Genfer Indochinakonferenz die Unabhängigkeit des Landes offiziell anerkannt, allerdings in zwei Teilen. Dabei kam es zum Streit um die Grenzziehung (14. oder 17. Breitengrad?), der auch das zukünftige vietnamesische Konfliktfeld zwischen kommunistischem Norden und kapitalistischem Süden einläutete.

Im daraufhin ausbrechenden Bürgerkrieg griffen nun die Amerikaner aus bereits genannten und jedermann bekannten Gründen ein. Was folgte, war das größte Trauma der Amerikaner bis zum 11.September, fast 10 Jahre erbitterten Kampfes mit hohen Verlusten auf beiden Seiten, schreckliche Kriegsverbrechen und ein Ökozid, der vor allem durch den Einsatz von Agent Orange und Napalm seitens der Amerikaner verursacht wurde. Tausende vietnamesischer Dörfer wurden zerstört. Über zwei Millionen Kriegstote, dramatische Langzeitfolgen wie Fehlbildungen und Krebs resultierten. Millionen vietnamesischer Flüchtlinge strömten in den Folgejahren nach Frankreich und in die USA (auch in die BRD). 

Das Land wurde 1975 dann gewaltsam durch den sozialistischen Norden wiedervereinigt. Diese Einheit unter einer kommunistischen Diktatur hält bis heute. Interessanterweise entwickelte sich das über hundert Jahre besetzte Vietnam 1978 selbst zur Besatzungsmacht, als vietnamesische Truppen Phnom Penh eroberten, die Roten Khmer entmachteten und nach einer zehnjährigen Besatzung eine pro-vietnamesische Marionettenregierung installierten, die bis heute Bestand hat. 




























Sonntag, 10. Februar 2013

"Time wounds all heels": John Lennon bei "arte"

John Lennon auf "arte".
Gestern abend zeigte "arte" eine sehenswerte Dokumentation über John Lennons Leben nach Auflösung der "Beatles", vor allem aber über die Zeit der kurzzeitigen Trennung von Yoko Ono, Heroin- und Alkoholprobleme und sein gerichtlicher Kampf um eine Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten Staaten.

Berufsjugendliche und spätpubertierende Alkoholiker aufgepasst: "Californication" ist zurück!

Der alkoholkranke, berufsjugendliche Gossenschriftsteller Hank Moody alias David Duchovny ist zurück. Die sechste Staffel von "Californication" ist in den USA angelaufen. Wer die Serie mag, darf sich freuen: es hat sich nichts verändert!

Wer, wie ich, bereits in der letzten Staffel zunehmend beklagenswert fand, dass sich die Story weitestgehend im Kreis dreht und die Geschichte des dauerbetrunkenen Schwerenöters Moody eigentlich nach (spätestens) drei Staffeln auserzählt war, wird ebenfalls bestätigt.

Denn Hank Moody ist ganz der alte: sexistisch, rücksichtslos, ab und an witzig, vor allem aber immer anzüglich und betrunken. Ein fünfzigjähriger Zellhaufen, der schreiben kann, sein Talent aber in Scotch und Gin Tonic ertränkt und seine Familie und Freunde hängen lässt.

Diese aber geben Hank wundersamerweise nicht auf. Zugegeben: das können sie natürlich auch nicht, denn die gesamte Serie basiert ja darauf, dass Hank sich jede Unverschämtheit, jede Taktlosigkeit und jeden Rausch erlaubt, ohne dabei wirkliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen. So vergeben sowohl seine (natürlich) hübsche Frau Karen als auch seine schwierige Teenager-Tochter Becca dem Charles Bukowski für Arme jede Sünde: das ständige Fremdgehen, die Trunksucht und alles, was damit zusammenhängt und daraus folgt.

So beginnt die sechste Staffel also in gewohnter Unordnung: eines von unzähligen Groupies des Schreiberlings erträgt nicht, dass es von ihm abgewiesen wird, und versucht Hank daraufhin mit einem Cocktail aus Alkohol und Schlaftabletten umzubringen. Doch der Plan geht nicht auf: sie selbst endet im Koma, während Hanks Konstitution sich als erstaunlich robust erweist und er nach ein paar Tagen zu sich kommt. Nachdem klar ist, dass seine Ex-Geliebte wohl nie mehr zu sich kommt, scheint es zunächst, als mache sich der Trinker mit der losen Zunge tatsächlich tiefe, ernsthafte Gedanken - doch weit gefehlt.

Weiter geht es im Takt: die Ohrfeigen verflossener Frauen fliegen, die Scotches rutschen über die Bar, Moody pöbelt und vögelt: Eingefleischte "Californication-Fans" kommen hier ganz auf ihre Kosten, Feministinnen eher weniger.

Denn wohin man sieht, überall wird Moody in seinem Verhalten bestätigt: von seinem besten Freund Charlie, wie immer eindimensional und amateurhaft gegeben von Evan Handler (dessen Verkörperung von Lloyd Blankfein im Film "Too Big To Fail" eine der schlechtesten Darbietungen war, die ich wohl jemals gesehen habe), von seiner weichen, schutzbedürftigen Tochter Rebecca, die ihren Vater nicht verlieren will, von seiner immer treudoof lächelnden Frau Karen, und von Charlies Ex-Frau Marcy, die eigentlich auch Pamela heißen könnte, da sie von Pamela Adlon gespielt wird, die, genau wie Handler, nur eine Rolle kann: Pamela Adlon.

Die gerade genannten also, Hank Moodys Umfeld, intervenieren zusammen beim frivolen Frauentyp und verlangen, er solle doch eine Entziehungskur machen, um wieder der "functional alcoholic" zu werden, den man von früher kenne.

So halbherzig diese "Intervention" ist, so halbherzig ist auch der Versuch des Drehbuchautors Tom Kapinos, zum x-ten Mal eine Besserung (sprich: Ausnüchterung) Moodys anzudeuten. Dass diese nicht eintreten wird, zeigt sich schon im Preview auf die zweite Episode, in der Moody - oh, Überraschung - mit attraktiven Rehab-Genossinnen ins Bett steigt.

Wer also Anfang zwanzig ist und sich die Illusion erhalten möchte, er könne endlos viele Frauen haben, jeden Tag Whiskey trinken und dabei nebenher noch Erfolgsromane schreiben oder sonstwie reich werden, für den ist "Californication" genau das Richtige.

All die, denen das Konzept nach ein paar amüsanten Staffeln dann doch einen Tick zu unterkomplex ist, sollten sich lieber mit "Homeland" beschäftigen. Nicht nur das Drehbuch, sondern auch die Schauspieler spielen dort nämlich in einer ganz anderen Preisklasse.


Es war einmal ein Nachrichtenmagazin: Der "Spiegel" im Niveau-Ghetto

Oh je, "Spiegel"!

In deiner morgen erscheinenden Ausgabe packst Du mal wieder ein ganz heißes Eisen an:

"Dick durch Stress - wie Überlastung zu Übergewicht führt". Das verspricht mal wieder eine knallharte Investigativ-Story zu werden, wie man es eben gewohnt ist aus dem Spiegel Verlag, nachdem der blasse Müller Blumencron und der ebenso farblose Georg Mascolo die Herrschaft im einst ernstzunehmenden Nachrichtenmagazin übernahmen.

Mittlerweile jedoch wanzt man sich thematisch und stilistisch immer mehr an öde, irrelevante Lifestyle- und Gesundheitsthemen heran, wie schon vor ein paar Wochen geschehen mit der erbärmlichen Story über die angebliche "Volksdroge" Zucker. Politische Titelstories sind mittlerweile Mangelware beim selbsternannten "Nachrichtenmagazin". Man orientiert sich thematisch und inhaltlich eher am "Stern" und seiner Mischung aus Pseudo-Gesundheitsvorsorge und möglichst viel nackter Haut. In diese Tradition fügt sich nun eben auch der "Spiegel" nahtlos ein, indem er eine gutaussehende, zweifellos nicht übergewichtige Frau auf den Titel hievt. Die Frau blickt ein bißchen missmutig drein, was wohl die "Überlastung" andeuten soll, und knabbert an einem Heidelbeerdonut. Seltsam: wenn Überlastung zu Übergewicht führt, warum dann eine Normalgewichtige auf dem Cover?

Man will eben auch nicht die "Spiegel"-Leser vergraulen, die sich eben nicht für politische Themen interessieren oder sich dafür nie interessiert haben. Ganz im Gegenteil: die Marketing-Strategie der nebulösen Chefredakteure aus Hamburg lautet wohl eher, Leser zu gewinnen, die nach Feierabend und vor Fitnessstudio noch was "fürs Auge" brauchen, die aber den Anschein erwecken wollen, ein seriöses Magazin zu kaufen. Sprich: man will "Stern"-Leser abwerben.

Ich werden mir den Spiegel nicht kaufen, weil ich es aus Prinzip nicht mehr tue. Der inhaltliche Verfall des Magazins, der vor zehn Jahren eingesetzt hat, jedoch seit dem Weggang von Stefan Aust im Jahr 2008 unüberschaubare Ausmaße angenommen hat, verbietet dies. Man kann sich ja schon denken, was einen morgen erwartet: ein unheilvolles Gebräu aus Pseudo-Wissenschaft, conventional wisdom und Panikmache: "Oh nein, ich bin schon überlastet - werde ich jetzt auch noch dick?"

Doch die gängige Zeitgeistreligion ist eben übermächtig. Man muss Marathon laufen, Yoga praktizieren, sich nicht von Kohlenhydraten ernähren und immer erreichbar sein. Das verlangt die Marktwirtschaft, und der "Spiegel" dient sich als Steigbügelhalter an, als Megafon für die perverse Marktreligion und ihre heiligen Sakramente der Team- und Belastungsfähigkeit, der Flexibilität und der Anpassungsbereitschaft. 

So ist es beim "Spiegel" im Jahr 2013. Man ist nicht mehr kritisch; man ist marktkonform. Man beschäftigt sich nicht mit Gesellschaftskritik, sondern warnt vor Übergewicht durch Stress und Donuts. Wie weit sind wir gekommen?

    





Freitag, 8. Februar 2013

Misunderstood: der arme Nichtrassist Jörg-Uwe Hahn, der nur "eine Debatte entfachen" wollte

"Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren."

Dieses Zitat stammt ja bekanntlich vom hessischen Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn und wurde heute im Radio bereits eifrig zerredet. Noch am Morgen stand für mich fest, dass Jörg-Uwe Hahn ein waschechter Vollblutrassist ist, der offenbar auch keine Hemmungen hat, dies öffentlich und klar zu bekennen.

Gegen Mittag dann, nachdem einige FDP-Politiker, allen voran Wolfgang Kubicki und Lasse Becker, Vorsitzender der Jungliberalen, beteuert hatten, es handele sich bestimmt in keiner Weise um eine rassistische Äußerung, denn sie kennten Hahn ja persönlich, und er sei ganz bestimmt und sowas von sicher kein Rassist, bekam ich schon Zweifel an meinem morgendlichen Urteil.

Konnte es wirklich sein, dass ein so glasklarer Satz eine andere Bedeutung hat? Konnte 2+2 manchmal doch 5 ergeben?

Meine Verwirrung hält an. Es ist wohl tatsächlich möglich, dass selbst Politiker, die ein Landesministerium führen, derart unbedarfte Sätze von sich geben. Es ist ja nicht so, dass gerade als Integrationsminister ein besonderes Fingerspitzengefühl beim lustigen Daherreden über das "asiatische" Aussehen gewisser Menschen nötig wäre...

Ich stellte mir unter anderem die folgende Frage: ist einer ein Dieb, wenn er etwas stiehlt, dann aber selbst beteuert und von anderen versichern lässt, er sei kein Dieb? Ist jemand ein Sexist, der täglich Frauen begrapscht, vor Mikrofonen und Kameras dann aber beteuert, er sei alles, aber bestimmt kein Sexist? Und wenn einer einen Satz sagt wie den oben zitierten: wer soll dann noch dem glauben, der behauptet, er sei kein Rassist? Frei nach dem Motto: "Ich bin alles andere als ein Rassist, aber die Neger kommen mir nicht ins Haus (bzw. die Schlitzaugen)!" Wer so viel kognitive Dissonanz aushalten kann, der gehört wirklich entweder in therapeutische Behandlung oder in die Spitzenpolitik.

Zum Zitat sei auch folgendes gesagt: erstens haben "die Deutschen" gar nicht zu bestimmen, wer Vizekanzler wird. Sie wählen, wie J. U. Hahn hoffentlich weiß (man darf berechtigte Zweifel daran haben), eine Partei, die einen Spitzenkandidaten stellt, und nicht einen Vizekanzler. Hahn will vielleicht schon präventiv klarstellen dass, sollte die FDP im September an den fünf Prozent scheitern, dies am "asiatischen Aussehen" ihres Vorsitzenden, nicht aber am Totalversagen seiner Partei in den letzten 3 1/2 Jahren gelegen hat. Diese Überlegung ist vor allem falsch, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass die schlechtesten Umfragewerte der Partei vor Mai 2011 erzielt wurden, also vor Röslers Übernahme des Parteivorsitzes von Guido Westerwelle.

Aber nehmen wir mal an, viele Deutsche lehnten tatsächlich einen Politiker asiatischer Abstammung für höhere politische Ämter ab. Sollte ein Mann eines Kalibers von Jörg-Uwe Hahn dann nicht eher sagen: "wenn diese und jene Wähler so denken, dann wollen wir sie auch bestimmt nicht haben. Das haben wir nicht nötig"?

Lasse Becker zufolge trägt es sich ab und an zu, dass Wähler in der Fußgängerzone Dinge sagen wie: "Wir würden euch ja eigentlich wählen, wenn der Chinese da nicht wäre." Auch Lasse Becker versäumte es im Deutschlandfunk-Interview am Morgen, ein klares Statement gegen eine solche potentielle Wählerschaft abzugeben. Das färbt auf ihn ab. Und auf seine Partei. Wer nämlich, Lasse Becker, ist das Problem? Der "Chinese" oder der Wähler, der ihn aufgrund seiner Herkunft nicht wählen "kann"? Erschreckenderweise kann man immer noch nicht wissen, welche Antwort Becker auf diese Frage geben würde, so windelweich gewaschen war sein rechtfertigendes Gestammel im morgendlichen Äther.

Jetzt wird es einmal lustig, und irgendwie auch beschämend. Becker und andere nämlich wollten den Radiohörern tatsächlich weißmachen, Hahn habe eine "Debatte über Alltagsrassismus" lostreten wollen. Diese Deutung des Satzes und der Intention Hahns ist nun so unglaublich im wahrsten Sinn des Wortes, so jenseits von gut und böse, dass man froh ist, das Interview noch einmal nachhören zu können. Sonst könnte man noch meinen, man habe sich diesen Unsinn auch noch selbst eingebildet!

Aber auch hier durfte ich etwas lernen: wenn man eine Debatte über Rassismus entfachen will, muss man etwas Rassistisches sagen. Das ist neu! Das ist genial! Warum nur Reiner Brüderle nichts von dieser Strategie wußte? Oder war nur seine PR danach mißglückt? Hat er die "Stern"-Journalistin etwa ein Jahr lang nur deshalb belästigt: um eine Debatte über Sexismus zu entfachen? Dieser Mann ist ein Genie. Mit allen Wassern gewaschen.

Nein, wer die Tatsachen so drehen kann, ist entweder ein Scharlatan, ein Bundespolitiker, oder beides. Denn was Jörg-Uwe Hahn gesagt hat, ist nicht zweideutig. Es ist ein rassistischer Satz, wie er eigentlich bis gestern nur einem NPD-Mann zuzutrauen war, zumindest in der Öffentlichkeit. Selbst, wenn ihm der Satz nur herausgerutscht ist, bleibt er rassistisch im Kern.

Hahn sollte sich entschuldigen. Vielleicht zurücktreten. Er und seine Kollegen sollten uns aber bitte mit den Lügen über eine "Rassismusdebatte" in Ruhe lassen. Ein solcher Quark nämlich müsste selbst die Intelligenz Jörg-Uwe Hahns aufs tiefste beleidigen.











   

Mittwoch, 6. Februar 2013

Mehmet Scholl hat jeden Tag Kommunion...

...zumindest, wenn man seine Garderobe betrachtet, mit der er sich im Fernsehen präsentiert.

Weißes Hemd, grauer Pulli. Manchmal auch mal: weißes Hemd, schwarzer Pulli. Mehr Variation aber gönnt uns der Dreikäsehoch aus Karlsruhe leider nicht.

Was ist los? Die Jahre in der Münchner Schickeria sollten Schollis Händchen für Mode doch geschult haben? Und Geld sollte auch kein Thema sein. Ist Scholli nebenberuflich im Priesterseminar und setzt auf Keuschheit und asketisches Flair?

Gut, man könnte sagen: immer noch besser als Kahn, der seine Jacketts drei Größen zu groß trägt oder Effe, der hoffungslos und ewiglich in der Camp-David-Ed-Hardy-Geschmackshölle brät. Aber, Jesus, Scholli, Du hast doch mehr Format! Selbst Loddar kleidet sich besser als Du! Das muss Dir doch zu denken geben! Welchem Geistlichen willst Du gefallen, welchem Imam imponieren? Die protestantische Prüderie ist nichts für einen fröhlichen Springinsfeld wie dich!

Bring mal Farbe ins Spiel, leg Dir mal einen Cardigan über, oder probier's doch mal mit Schal, wie Jogi! Da hast Du noch viel Luft nach oben, da kannst Du noch "ne Schippe drauflegen"! Mehr Mut zum Mode-Dribbling, Scholli, nicht immer die biederen Alibi-Pässe ins graue V-Pulli-Abseits! 

Die Hoffnung stirbt zuletzt! Beim nächsten Quali-Spiel will ich Buntes sehen! Bis dann...