Sonntag, 2. November 2014

Gauck - maßgeschneidert fürs Establishment

Was mag Joachim Gauck? Joachim Gauch mag Krieg. Was gefällt Joachim Gauck? Joachim Gauck gefallen entfesselte Märkte. Was mißfällt Joachim Gauck? Joachim Gauck mißfallen die Linken.

Der fromme Ex-Pastor mischt sich wieder ein. Er kann es nicht lassen. Wieder steckt er seine Nase in Angelegenheiten, die nicht seine sind. Er beklagt das Ergebnis der Landtagswahl in Thüringen. Dort zeichnet sich eine Regierungsbildung ab, an deren Spitze zum ersten Mal ein Ministerpräsident der Partei "Die Linke", Bodo Ramelow, stehen könnte.

Diese Entwicklung ist jedem Neoliberalen ein Dorn im Auge. Somit auch dem Protestanten Gauck. Das hat er gesagt. Verpackt in blumige Floskeln. Als Bundespräsident muss er neutral sein. Das ist er aber nicht. Gauck verurteilt eine demokratische Entscheidung und zeigt einmal mehr, aus welchem Holz er geschnitzt ist.

Die Berliner Republik verfällt zusehends dem Größenwahn. Über diese besorgniserregende Entwicklung hält Joachim Gauck hält seine schützenden Pastorenhände. Väterlich ruft er das Volk auf, sich an Kriegen zu beteiligen. "Verantwortung übernehmen" heißt das im Gauck-Sprech. Säuselnd und sanftmütig redet er seit jeher einem ungezügelten Liberalismus das Wort.

"Freiheit" ist der Begriff, den er für diesen verbalen Feldzug immer wieder in Geiselhaft nimmt. Die FDP wäre glücklich über Mitstreiter wie Gauck. Er versteht sich gut darauf, asoziale, marktliberale Grundsätze so kundzutun, als spräche er das Wort zum Sonntag.

Die Linke kann ihn dabei nur stören. In einem Land, dessen Meinungsmacher stromlinienförmig das Mantra des "Exportweltmeisters" herunterbeten und tagein tagaus verkünden, "uns allen" gehe es doch so gut und immer besser, ist sie eines der wenigen Gegengewichte. Ein bitter notwendiges Sprachrohr der Gegenöffentlichkeit.

Inhaltlich muss sich Pastor Gauck nicht mit der "Linken" auseinandersetzen. Er schwingt kräftig die Keule mit der Aufschrift "SED" und hat den gröhlenden Stammtisch auf seiner Seite. Keulen sind immer effektiv in Deutschland, das ist bekannt. Die SED-Keule ist eine der schärfsten Waffen im Arsenal der bundesrepublikanischen Blockparteien. Zum großen Verdruss Gaucks verfehlte sie in Thüringen trotz größter Anstrengungen ihr Ziel.

Die Verteufelung der SED gehört zur Grundausstattung eines jeden Abgeordneten der Blockparteien. Man spricht darüber, wie schlimm es früher war und lenkt damit von den eigenen Problemen ab. Das ist ein altes Spiel und funktioniert noch immer gut. Für die neoliberalen Sesselfurzer im Bundestag sind DDR und SED ein Segen. Für Linke ein Fluch.

Joachim Gauck ist ein Präsident, der der Bundesrepublik gut zu Gesichte steht. Die konformistische, angepasste Duckmäuserrepublik hat im Pastor aus dem Osten Sprachrohr und zeitweiligen Propagandaminister in einem gefunden. Darüber freuen sich Industrie, Arbeitgeber und Muttis Koalition. Joachim Gauck ist ein für das Establishment maßgeschneiderter Bundespräsident.



Dienstag, 30. September 2014

Daniel Bahr bereichert sich

Im Januar diesen Jahres wurde bekannt, dass Ronald Pofalla in den Vorstand der Bahn wechseln solle. Ein neues Ressort sollte für ihn geschaffen werden. Das Getöse war groß. Damals habe ich hier im Blog geschrieben:

"Es ist zwar richtig und angemessen, das große Geschrei um den Wechsel von Ronald Pofalla vom Bundeskanzleramt in den Vorstand der Deutschen Bahn. Wundern kann es allerdings niemanden ernsthaft. Pofalla, in seiner ganzen fürchterlichen Mittelmäßigkeit, verkörpert den Niedergang des deutschen Parlamentarismus exemplarisch und steht in einer trostlosen Reihe mit hölzernen, blutleeren Marionetten à la Steffen Kampeter, Volker Kauder oder Olav Gutting."

Gestern wurde bekannt, dass Daniel Bahr in den Vorstand der Allianz wechselt. Wieder ist das Getöse groß. Wieder wird nichts passieren. Was sollte denn auch passieren? Schließlich bricht der nette Bahr ja auch kein Gesetz. Von "Karenzzeiten" wird allenthalben gesprochen. Eine Karenzzeit ist nichts als ein Feigenblatt. Sie verdeckt nur die Sünde. Die Sünde heißt in diesem Fall Korruption. Zeitverzögert zwar, "nachgelagert" (Anton Hofreiter), aber doch Korruption. Leben wir also in einer Kleptokratie? Zumindest ist zu konstatieren, dass offenbar viele Politiker der Union kein Problem mit einem solchen Vorgang haben (die FDP, die Partei Bahrs, erwähne ich in diesem Zusammenhang gar nicht, da ich sie als Interessenvertretung der Oberschicht und nicht als Partei ansehe). Pofalla war ja schließlich auch "Christdemokrat". Das Argument, dass ein Nettogehalt von 9000 Euro im Monat und eine saftige Beamtenpension ausreichend sein könnten, habe ich in diesem Zusammenhang noch nicht gehört. Diese Tatsache allein sagt eigentlich schon viel darüber aus, wie in Deutschland - zumal vom politischen Führungspersonal - gedacht wird. "Wirtschaftsnah" nennen die Herren von der CDU das wohl und sind vermutlich noch stolz auf sich. Denn diese Abgeordneten sähen sich ohnehin am liebsten in den Chefsesseln der Großbanken oder am Steuer eines mächtigen Industrieunternehmens. Als "Machertypen" wollen sie sich sehen, dabei sind sie doch nur überbezahlte Sesselfurzer, die Europa zugrunde richten.

Von Mutti hört man freilich in dieser Sache nichts. Sie faltet die Raute im Schoß, reicht ihren Rockzipfel und singt ein Schlaflied. Die Unionsfraktion versammelt sich um ihren Schaukelstuhl und schläft ein. Wie immer. Es wäre aber auch ein wenig vermessen, den Hosenanzug als moralische Instanz anzurufen. Oder überhaupt irgendeinen Politiker. 

Diese, diplomatisch ausgedrückt, "enge Verzahnung" zwischen Politik und Wirtschaft ist unerträglich. Gerade, weil sie so selbstverständlich zu sein scheint. Politiker sind per definitionem immer noch Volksvertreter. Sie wollen, dass die von ihnen gewählten Repräsentanten das durchsetzen, was sie im Wahlkampf versprochen haben. Schaffen sie das nicht oder versagen sie in ihrer Funktion (wie etwa die FDP und Daniel Bahr) werden sie abgewählt. So funktioniert Demokratie. Nach einer Abwahl, so sollte man meinen, könnte ein Politiker demütig sein, in sich gehen. In seinen erlernten Beruf wechseln, soweit möglich. Daniel Bahr aber steigt auf. Das hat kein Gschmäckle - es stinkt widerwärtig. Er durfte 4 Jahre ein Amt ausfüllen, in dem er versagt hat. Er hat Kontakte geknüpft und wird jetzt dafür belohnt. Daniel Bahr hat das clever gemacht. Dass er dabei dem Wahlvolk ins Gesicht pinkelt, wird ihm egal sein. 



Montag, 29. September 2014

Deutschland, die Amerikaner und die Kriegssehnsucht

Warum schickt die Bundeswehr doch gleich Waffen nach Kurdistan? Da habe ich die Gründe doch glatt vergessen. Oder liegt meine Teil-Amnäsie vielleicht daran, dass es keine triftigen Gründe gibt? Flinten-Uschi von der Leyen jedenfalls findet es ganz famos, die "richtigen" mit deutschem Geschütz auszustatten. Tatkräftig wie immer steigt sie von einem Jet in den nächsten und schüttelt mysogynen Muslimen zwischen Mekka und Mesopotamien die Hand. Pech nur, dass die Ausrüstung der Bundeswehr einem Schrotthaufen gleichkommt. Das Schicksal scheint es nicht gut zu finden, dass Deutschland sich in einen Konflikt einmischt, in dem es nichts zu suchen hat. Da, finde ich, hat das Schicksal diesmal recht.

Wenn jemand sich überhaupt im Nahen Osten einmischen sollte, sind es die Amerikaner. Wir rekapitulieren: Im Jahr 1953 stürzten die Amis den demokratisch gewählten Rechtsanwalt Mossadeq im Iran, weil dieser das eigene Volk am Ölreichtum partizipieren lassen wollte. Der Schah wurde installiert, das Öl floss wieder nach Kentucky. 1979 stürzte dann aber Ajatollah Chomeini den Schah und jagte die Amerikaner außer Landes. Als Saddam Hussein im folgenden Jahr (1980) in den Iran einmarschierte, kam den Amerikanern das gerade recht. Saddam wurde mit Waffen unterstützt. Gleichzeitig, irrsinnig aber wahr, unterstützten die Amerikaner aber auch den Iran mit Waffen (Iran-Contra-Affäre), um mit dem Geld aus diesen Geschäften die konterrevolutionären Contras in Nicaragua zu unterstützen). Als Saddam 1991 in Kuweit einmarschierte, griffen die Amerikaner wieder ein, diesmal gegen Saddam. Schließlich war auch Kuweit ein verlässlicher Öllieferant, der, genau wie Saudi-Arabien, trotz innerstaatlicher Repression immer auf amerikanische Hilfe zählen konnte. 1979 passierte aber noch etwas anderes. Die Sowjets marschierten in Afghanistan ein. Die Amerikaner, nie um einen Stellvertreterkrieg verlegen, belieferten nun die Taliban und Osama Bin Laden mit Waffen, damit diese die Russen vertreiben konnten. Das taten sie dann auch. Nach dem 11.September 2001 begriff man in Washington nach und nach, dass es vielleicht doch keine ganz so brilliante Idee gewesen war, die Taliban hochzurüsten. Nach dem Anschlag aufs World Trade Center folgten der doofe und sinnlose Krieg in Afghanistan, der schon lange verloren ging, und der noch viel dümmere Irak-Krieg gegen den früheren Verbündeten Saddam Hussein. Spätestens seit dem Juni diesen Jahres und dem vehementen Aufkommen des Islamischen Staates (IS) ist jedem klar geworden, welches Desaster die Kriegspräsidenten George W. Bush und Barack Obama im Irak hinterlassen haben.

Die Politik der Amerikaner (und Briten) im Nahen Osten seit dem Sykes-Picauld-Abkommen nach dem Ersten Weltkrieg war eine Politik der Ausbeutung und des Krieges. Wenn westliche Nationen eine Verantwortung für das Ausmaß der aktuellen katastrophalen Zustände tragen, dann diese beiden. Trotzdem ist es fatal, dass sie schon wieder eingreifen wollen. Denn sie sind planlos. Sie haben keinen Masterplan. Sie wissen nicht, was sie in der Region wollen und wie diese aussehen soll. Sie verschlimmern mit ihrem jetzigen Eingreifen die Situation noch um ein Vielfaches. Sie wiederholen die Fehler, die sie bereits so oft begangen haben.

Deutschland hat im Nahen Osten zwar eine relativ weiße Weste. Doch das wird sich ändern. Zwischen Kriegshetzer Gauck, den uckermärkischen Hosenanzug, Flinten-Uschi und den neoliberalen Wirtschaftsminister Gabriel passt kein Blatt Papier, was die zukünftige Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands anbelangt: Aufrüsten, aufrüsten, aufrüsten lautet hier das Motto. Vor allem der im sanften Christengewand daherkommende DDR-Pastor mit dem mildtätigen Habitus ist hier als besonders gefährlich einzuschätzen. Da die Altparteien wie ein Block hinter dem Kriegsbündnis NATO stehen und somit die Hegemonie der USA in der Welt anerkennen, steht Schlimmes zu befürchten. Es werden weitere Kriege folgen.

Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der innenpolitischen Verhältnisse in den USA sowie in Europa angsteinflößend. Die USA sind eine Gesellschaft, deren Fundamente bröckeln, die sichtbar zerbricht. Vieles deutet darauf hin. Zum Beispiel die weitgehende Lähmung der politischen Führung sowie die Radikalisierung der republikanischen Partei. Das Land ist nicht mehr als polarisiert zu bezeichnen, es ist vollkommen gespalten. Rassismus scheint an der Tagesordnung zu sein, Schwarze werden häufiger von Polizisten erschossen und landen überproportional häufig im Gefängnis. Die Mittelschicht ist dünn, die Unterschicht wächst (1/5 der Amerikaner leben unter der Armutsgrenze).

Auf Europa kommen ähnliche Verhältnisse zu. Langsam macht sich Deutschlands verheerende Wirtschaftspolitik bemerkbar, die mit der Agenda 2010 im Jahr 2003 eingesetzt hat. Damals hat man sich zum bewussten wirtschaftspolitischen Betrug entschieden. Durch Lohndumping wurde Deutschland künstlich wettbewerbsfähig gemacht. In Bildung und Forschung wurde fast nichts investiert, dafür wurden die Reichen entlastet. Die Medien feierten die Exportweltmeisterschaft und Kurz- und Zeitarbeit wurde für Millionen von Arbeitnehmern zum Normalzustand. Die Reallöhne sind stetig gesunken, ebenso wie - folgerichtig - die Binnennachfrage. Resteuropa machte das deutsche Lohndumping nicht mit, verlor Wettbewerbsfähigkeit und steckt seit spätestens 2008 in einer tiefen Krise, die sich Jahr für Jahr verschlimmert. Eine fehlkonstruierte Einheitswährung tut ihr übriges, muss aber aus Propagandazwecken ("Stirbt der Euro, stirbt Europa") aufrechterhalten werden. Parteien vom rechten Rand bekommen immer mehr Zulauf, die Eliten schalten auf Durchzug. Das ist der Zustand Europas im September 2014.

Vor diesem Hintergrund kommen Kriege und Konflikte in anderen Regionen wie gerufen. Denn sie lenken vom Schlamassel ab, der sich zu Hause abspielt. Dies ist ein altes Spiel. Außenpolitisch wird ein Gegner aufgebläht (Isis, Putin, China usw.), innenpolitisch hat man Ruhe. Da sich nicht abzeichnet, dass deutsche oder europäische Politiker Lösungen für die Krise auf dem Kontinent anbieten können, werden außenpolitische Abenteuer immer wahrscheinlicher. Denn so komplex diese auch sind, wie etwa die Lage in Syrien oder im Irak, sie sind immer noch einfacher und plastischer als das Problem eines zum Scheitern verurteilten politischen Großprojekts namens EU. Flinten-Uschi ist somit eigentlich nur die dumme Puppe, die der Aussitz-Kanzlerin gerade recht kommt mit ihrem Aktivismus und ihrem Hurra-Patriotismus.

  












Mittwoch, 17. September 2014

Neues von der AfD

Die AfD ist erfolgreich. So erfolgreich, wie ich es ihr nicht zugetraut hätte. Sie ist in drei Landtagen vertreten. Mit fulminanten Wahlergebnissen, zweimal zweistellig, in Brandenburg sogar mit 12%.

Die Medien nehmen die Partei langsam ernst. Es gibt mehr Interviews. Die Fragen sind immer noch stark suggestiv und provokant, aber nicht mehr so scharf wie noch vor ein paar Monaten. Man merkt den Journalisten ihren Ekel an. Noch immer scheinen sie den Kontakt mit Vertretern der AfD als ihrer unwürdig zu empfinden. Dennoch können sie nicht mehr umhin. Sie müssen sich nun mit der Partei auseinandersetzen. Ignorieren ist keine Option mehr - dafür sind die Ergebnisse zu deutlich.

Selbst die CDU wird unruhig. Obwohl Mutti noch immer am liebsten ihren Rockzipfel reichen und ein Wiegenlied anstimmen würde und obwohl Volker "Hefeweizen" Kauder seinen lächerlichen Talkshow-Boykott aufrechterhält, wird die Taktik nicht aufgehen. Das hastig vorgelegte Thesenpapier der Herren Bosbach & Co. ist ein nervöser Reflex, der offenbart, wie verunsichert die letzte Volkspartei Deutschlands ob des Aufstiegs der "Alternative" in Wahrheit ist.

Dass die AfD mittlerweile nach rechts "umgekippt" ist, halte ich leider für eine Tatsache. Fleisch gewordener Beweis ist Björn Höcke, Vorsitzender der thüringischen AfD und Triumphator am Wahlsonntag. Auf seine rassistischen Bemerkungen habe ich in diesem Blog bereits hingewiesen. Da der Bundesvorstand ihn dulden, muss man davon ausgehen, dass seine Positionen zumindest nicht für indiskutabel gehalten werden.

Außerdem entwickelt sich die AfD zu einer Partei, in der sich neoliberales Gedankengut durchzusetzen scheint. Erst gestern hat Lucke persönlich im EP dem Assoziierungsabkommen mit der Ukraine zugestimmt. Äußerungen seinerseits zu Merkels Sparkdiktat kenne ich nicht. Man muss aber davon ausgehen, dass er dieser fehlgeleiteten Politik im Großen und Ganzen zustimmt. Die preußische Spardoktrin, die Europa im Schwitzkasten hält, wird von der AfD nicht offen kritisiert.

Ob ich die AfD nochmal wählen werde? Von Monat zu Monat wird dies unwahrscheinlicher. Die Gründe dafür habe ich gerade aufgeführt. Hätte sich die AfD zu einer Partei entwickelt, die Fremdenhass in ihren Reihen kategorisch sanktioniert, die wirtschaftspolitisch zumindest ordoliberal, wenn nicht gar gaullistisch orientiert ist, wäre das anders. Gerade die Tatsache aber, dass der Ex-BDI-Präsident Henkel mit an der Spitze der Partei wirkt, deutet eher auf einen strengen neoliberalen Kurs hin. Bei aller berechtigten Kritik am Euro ist dieser Kurs für mich indiskutabel.  












Freitag, 1. August 2014

Ist die AfD doch rechts?

Im September habe ich die AfD gewählt. Ich hielt und halte die Partei immer noch für einen absolut notwendigen und wichtigen Stachel im Fleisch der alten Parteien, die sich inhaltlich mehr und mehr angleichen. Vor allem habe ich die AfD gewählt, weil ich die Analyse Dr.Bernd Luckes im Hinblick auf den Euro und seine verheerenden Wirkungen auf die Staaten in Südeuropa teile. Der Euro führt zu einer Wettbewerbsverzerrung zugunsten deutscher Konzerne. Er ist, gemessen an der Wirtschaftskraft, zu schwach für Deutschland. Diese Unterbewertung der Währung führt dazu, dass deutsche Unternehmen ihre Produkte sehr billig – allerdings auch weit unter wert – ins Ausland exportieren können. Diese Wettbewerbsverzerrung wird noch verstärkt durch den florierenden, menschenunwürdigen Mindestlohnsektor in Deutschland. Würde der Euro beseitigt, entstünden zwei positive Effekte: die wieder eingeführte D-Mark würde aufgewertet und entspräche der tatsächlichen Wirtschaftskraft Deutschlands. Und zweitens: die wieder eingeführten Währungen der Länder in der südlichen Eurozone würden fallen, was die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder erhöhen würde.
Immer wieder wurde die AfD während des letzten Jahres infam und haltlos in die rechte Ecke gestellt. Beweise für diese Unterstellungen gab es kaum. Vereinzelt gab es ein paar Spinner und Ewiggestrige, wie sie in jeder Partei vorkommen (schließlich ist Thilo Sarrazin SPD-Mitglied). Bernd Lucke hat bislang immer glaubhaft versichtert, die AfD sei nicht rechts. Leider gibt es jetzt etwas, was seine Aussage widerlegt, nämlich einen “Artikel” des Spitzenkandidaten der AfD für Thüringen, Björn Höcke, der auf der Webseite der AfD veröffentlicht wurde. Dieser Artikel fängt wie folgt an:

“Im vergangenen Jahr haben Nicht-EU-Ausländer mehr als fünf Milliarden Euro an Hartz-IV-Bezügen erhalten. Die meisten davon waren Türken, Iraker und Russen.”

Getarnt als sachliche Aussage, werden hier also gleich im ersten Absatz ein paar Feindbilder aufgezeigt: Türken, Iraner und Russen. Der Artikel geht weiter in diesem Ton. Tenor: Milliarden für Nicht-EU-Ausländer, das geht gar nicht! Begründet wird diese Meinung nicht. Weder geht Höcke auf eventuelle Schicksale hinter diesen Menschen ein (Vertreibung, Armut z.B.), noch auf die Tatsache, dass diese Menschen einen rechtlichen Anspruch auf ALG II haben. Wenn also Kritik angebracht wäre, dann an der Gesetzgebung, nicht aber an den Menschen, die von dieser Gesetzgebung “profitieren” (ein unangebrachtes Wort hinsichtlich des Hungergeldes, das Hartz IV bedeutet).
Prof. Bernd Lucke jedenfalls muss sich langsam schon die Frage stellen lassen, inwieweit sein Wort noch gilt. Denn die Kinderkrankheiten sollte die AfD langsam hinter sich gelassen haben – diese Ausrede kann nicht mehr gelten. Ein Landesvorsitzender, der so plump gegen Ausländer Stimmung macht, ist eigentlich untragbar – zumindest für eine Partei, die nicht rechts sein will. Der Artikel Höckes, veröffentlicht auf der offiziellen AfD-Webseite und nicht auf irgendeinem spiritistischen Spinner-Blog, ist nichts als ausländerfeindliche Propaganda, schlecht geschrieben und argumentativ jämmerlich.
Ich bin froh, die AfD nur auf Bundesebene gewählt zu haben, denn hier scheinen mir die vernünftigen Eurokritiker zu sitzen. Auf regionaler und kommunaler Ebene sind spätestens seit der Entgleisung Höckes Zweifel angebracht. Die AfD hat lange Zeit zu recht beklagt, unbegründet in die rechte Ecke gestellt zu werden. Jetzt wird den Kritikern eine Steilvorlage gegeben mit einem idiotischen Artikel eines Mitglieds mit nicht unwichtiger Stellung in der Partei. Was man davon halten soll, weiß ich im Moment auch nicht mehr.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Biertest #1: “Herrenpils” von Stuttgarter Hofbräu

Im Jahr 1883, so entnehme ich dem rückseitigen Etikett des Herren-Pilses von Stuttgarter Hofbräu, adelte König Karl von Württemberg sein Lieblingsbier, indem er ihm den Status “Königlicher Hoflieferant” verlieh. Ob dies ein lange gereifter Entschluss war? Eine Überzeugung, ein Bauchgefühl? Oder ob die Entscheidung einer Bierlaune im wahrsten Sinn des Wortes entsprang, die der allseits beliebte König nach einer durchzechten Nacht mit seinem amerikanischen Toyboy traf?
Es ist egal. Das Herren-Pils, so viel steht fest, ist edel. Sein mit weißem Papier umhüllter Kronkorken verleiht dem Pils ein reines, puristisches Profil. Das Etikett ist einfach: Der Stuttgarter Gaul richtet sich im Hintergrund auf, oberhalb des in altdeutscher Typografie gehaltenen Schriftzugs prangt stolz, aber bescheiden das alte Württemberger Wappen (“furchtlos und treu”).
Geschmacklich ist das Bier solide. Schön herb, wie ein Pils sein sollte, dabei aber auch schön perlend im Mund und nicht zu trocken. Das Bier lügt dem Trinker nichts in die Tasche, es ist so, wie es ist. Das Herrenpils ist kein Aufschneider, kein Süßholzraspler der Biere. Es überzeugt durch Ehrlichkeit. Es ist, wie das Königreich Württemberg war: solide, arbeitsam und grundehrlich. Württemberg kam zur Monarchie wie die Jungfrau zum Kinde: Durch einen Handstreich Napoleons. Das Herrenpils schmeckt nicht nach Dekadenz, Palast oder Puderquaste. Es schmeckt nach Ackergaul, Draisine und Dieselmotor. Seine brutale Schlichtheit ist überwältigend und macht beklommen.
Natürlich ist das Herrenpils kein Duvel. Mit diesem Vergleich täte man ihm Unrecht. Schließlich würde man Stuttgart auch nicht mit Paris vergleichen. Doch wird es die Konkurrenz schwer haben, ihm in der Kategorie “grundehrliches Pils mit stilvollem Äußeren” das Wasser, bzw. den Gerstensaft zu reichen. Das Herrenpils ist entwaffnend einfach. Es ist ein Bier zum Trinken, nicht zum Schwenken, riechen und “nachschmecken”. Es ist kein Bier für schrullige Biersommerliers. Es ist ein Bier wie du und ich. Es ist ein Herrenpils, und es ist gut.

Mittwoch, 11. Juni 2014

Kriegshetzer Gauck und Bundes-Uschi

Es kann einem ganz anders werden. Kriegshetze ist in Deutschland salonfähig. Es darf gehetzt werden. Nicht von Wortführern am rechten Rand. Von höchster Stelle, von Joachim “Jesus” Gauck. Immer wieder weist er auf die Notwendigkeit hin, dass Deutschland sich stärker militärisch engagieren solle. Warum? Ich weiß es nicht. Man müsste mit Hammer und Meißel das Oberstübchen des Ex-Pfarrers öffnen, um hinter das Geheimnis zu kommen.
Doch er ist nicht der einzige. Ursula von der Leyen ist ebenso emsig, wenn es darum geht, Bundeswehr-Soldaten los zu schicken. Wenn ich mich recht entsinne, wollte sie auch schon in Mali mitmischen. Dort hatten ja Islamisten wieder ihr Unwesen getrieben. Mittlerweile ist dieser Konflikt natürlich in Vergessenheit geraten. Hollande wollte damals von seiner jämmerlichen Innenpolitik ablenken und den großen Mann markieren. Uschi wollte mitziehen. Ihr Geltungsbedürfnis ist genau so groß wie unheimlich.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Deutschlands widerliche Hegemonie in Europa

Deutschland ist zurück in seiner alten Rolle. Deutschland kann nicht anders. Es liegt in seiner Natur, Europa zu dominieren. Ob es will oder nicht. Niemand, der der politischen Elite angehört, will es eingestehen, dabei ist es mittlerweile allen klar: Deutschland ist Europa. Deutschland macht Europa. Alle wichtigen Entscheidungen, Europa betreffend, werden nicht in Brüssel getroffen, sondern in Berlin, in Muttis Erbsensuppen-Waschmaschine, auch Kanzleramt genannt.
Deutschland hat seit seiner Gründung 1870 fortwährend Europa dominiert. Erst zweimal durch Waffen, 1914 und 1939. Danach, seit 1949, und vor allem seit der Wiedervereinigung 1990, durch seine Exportwirtschaft, verstärkt durch den Euro, diesen Währungsteufel, der viel zu schwach ist für die deutsche Wirtschaft, deshalb aber die deutschen Produkte billiger macht.
In Frankreich will man das Problem nicht sehen. Dort denkt man immer noch mehrheitlich, die Deutschen seien “Partner” oder gar “Freunde”. Genau wie die Bundesregierung im Bezug auf ihre angeblichen amerikanischen “Freunde” sind die Franzosen blind: Sie sehen die Wahrheit nicht. Sie denken, Deutschland und Frankreich bildeten ein Tandem. Dabei zerstört Deutschland Europa durch seine blindwütige Wirtschaftskraft, die nur auf den Export von Waren ausgerichtet ist.
In der Diskussion um ein Freihandelsabkommen mit den USA wird, wie meistens, vergessen, dass die EU aus 28 Staaten besteht. Es wird nicht gefragt: Welche Vorteile bringt das Abkommen für die EU? Sondern: Was bringt es für Deutschland? Deutschland wird still und heimlich mit der EU gleichgesetzt. Ein Freihandelsabkommen mit den USA macht für alle 27 Staaten der EU außer Deutschland keinen Sinn: Sie haben keine Exportgüter, die für den amerikanischen Markt interessant wären. Im Gegensatz werden sie aber wohl oder übel von amerikanischen Waren überschwemmt, die von unterbezahlten Arbeitnehmern hergestellt wurden und womöglich sowieso zur Hälfte aus chinesischen Vorleistungen bestehen.
Emmanuel Todd, französischer Demograph, hat das Problem klar erkannt und nennt es beim Namen: Deutschland. Deutschland ist der Untergang für Europa. Deutschlands tragische Rolle des 20.Jahrhunderts wiederholt sich ironischerweise gerade jetzt, massiv verstärkt durch die Fehlkonstruktion des Euro. Doch die Spesenritter in Berlin sind so ignorant und unreflektiert wie ehedem die kriegstreiberischen preußischen Junker à la Moltke und Bismarck. Das Sichtfeld ist eingeschränkt, der eigene Tellerrand bildet den Horizont dieser Menschen. Sie sagen, sie seien Europäer. Dabei sind ihnen griechische und spanische Arbeitslose egal. Sie brüsten sich mit der angeblichen Attraktivität der deutschen Wirtschaft und heften sich Scheinerfolge ans Revers, wie zum Beispiel die Tatsache, dass immer mehr Spanier nach Deutschland kommen, um zu arbeiten. Natürlich sehen sie überhaupt nicht, welches Drama dahintersteckt.
Der Hass auf Deutschland wird steigen. Die politischen Eliten in Berlin, Holzköpfe wie sie sind, werden diesen Hass nie verstehen. Sie werden sich empören: Warum hasst man uns nur? Wir wollen doch nur helfen! Völlig blind für die eigene destruktive Wirtschaftspolitik werden sie die Schuld bei anderen suchen, wie sie es auch jetzt schon tun. Europa ist jetzt schon gespalten, und die Verantwortung trägt das hässlichste Gesicht der Republik, die im größenwahnsinnigen Berlin sitzende Spesenritter-Regierung, angeführt vom Hosenanzug aus der Uckermark.

Mittwoch, 9. April 2014

Thomas Leif (SWR) denunziert die AfD

Ich weiß nicht, wer Thomas Leif genau ist. Ich weiß auch nicht, warum er eine Talkshow im SWR hat, und warum er langweilige Dokumentationen drehen darf, bei denen weniger die Sache als er, Thomas Leif, selbst die Hauptrolle spielt.
Eines aber weiß ich: Die gestern im SWR ausgestrahlte Sendung “Leif trifft…”, bei der die “Alternative für Deutschland” porträtiert werden sollte, war ein Schmierenstück erbärmlichen Niveaus, das jedem objektiven Journalisten die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste.
Tendenziös, populistisch, spröde: Das ist Leifs Stil. In den 45 Minuten ging es dem pausbäckigen Boulevardjournalisten unter dem Deckmäntelchen journalistischer Neugierde einzig und allein darum, die AfD durch die braune Sauße zu ziehen und die Rechtskeule zu schwingen. Mittels Anspielungen, Suggestivfragen und Interviews mit ausgemachten Gegnern der AfD bestritt Leif ein dreiviertelstündiges Hetzjournal, dass die anfängliche (natürlich unbegründete) Prämisse, die AfD sei “rechts von der Union” im Kopf der Zuschauer zementieren sollte.
Zur Erreichung seines Ziels war Leif nichts zu schade. Er scheute dabei weder ein Interview mit dumpfen, unaufgeklärten und gewaltbereiten “Autonomen”, die regelmäßig AfD-Veranstaltungen stören. Noch ein Interview mit Volker Wissing, einem ungehobelten Parteisoldaten der Splitterpartei FDP, der die AfD doch tatsächlich als “Schandfleck” bezeichnen durfte – natürlich gern gehört vom nickenden Leif, der selbstverständlich auch auf eine Nachfrage verzichtete, weswegen die AfD diese Beschimpfung denn verdient habe. Das Soundbyte Wissings passte Leif nur allzu gut in seine dröge Kampagne.
Wie steht die AfD zum Freihandelsabkommen? Will sie einen Mindestlohn? Wie steht die Partei zur Bankenunion? All das sind Sachfragen, die Thomas Leif gestern nicht gestellt hat. Daran hatte er auch kein Interesse – ganz offensichtlich. Finanziert von Geldern zwangsfinanzierter GEZ-Gebühren fuhr er kreuz und quer durch die Republik, um selektiv auch noch so kleine Anzeichen für sein Urteil “AfD ist rechts” zu finden, das von vornherein sowieso fest stand.
Geradezu lächerlich war dabei der krampfhafte Versuch, Thilo Sarrazin ein negatives Zitat über die junge Partei zu entlocken. Alles, was der Buchautor aber auf mehrfaches Nachhaken Leifs äußerte, war, dass die AfD ein etwas konfuser Haufen sei, bei dem noch Ordnung gemacht werden müsse – welch Wunder bei einer Partei, die erst gut ein Jahr existiert.
Bernd Lucke, den er mehrfach begleitete, blieb wie immer bewunderswert sachlich. Ein einziges Mal wies er den SWR-Mann darauf hin, dass seine Fragen doch etwas tendenziös seien. Das war wohl nach der fünfzigsten Frage des untersetzten Reporters nach rechten Tendenzen in der Partei. Andere wäre da schon längst an die Decke gegangen oder hätten ihn des Raumes verwiesen.
Beispielhaft für die Heuchelei Leifs war auch sein (angesichts der Persönlichkeit Luckes dämlicher) Vorwurf, Lucke sei eine “Führerpersönlichkeit”, die “eiskalt” durchgreife. Ein paar Minuten später traute ich meinen Ohren nicht: Da warf Leif Lucke plötzlich vor, einen thüringischen Landesvorsitzenden, der sich in einem Radiointerview im Ton vergriffen hatte, nicht aus der Partei auszuschließen. Einmal also Lucke als eiskalter Führer, der Tabula Rasa macht, ein anderes Mal der viel zu schwache Zauderer: Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn Kritiker nicht einmal wissen, was sie jemanden vorwerfen sollen.
Thomas Leif hat sich gestern Abend bis auf die Knochen blamiert. Seine mehr als tendenziöse Reportage war  offenkundig darum bemüht, die ältesten Vorurteile über die AfD aufzuwärmen. Sein Angriff auf die AfD hatte etwas von einem Scharfschützen, der im Gefecht plötzlich feststellt, dass er nur Platzpatronen hat, aber so tut, als würde er einen Treffer nach dem anderen landen. Eine Bankrotterklärung des SWR, und ein Sieg für die AfD nach technischem KO.

Freitag, 28. März 2014

Reiner Ruf, Chef-Chauvinist der "Stuttgarter Zeitung"

Reiner Ruf mag keine Landmenschen. Das hat er zwar nicht explizit so formuliert. Sehr wohl geht es aber aus seinem heute in der Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung veröffentlichten Kommentar zur Lage der Landes-CDU hervor.

In diesem Kommentar erörtert Ruf das angebliche Dilemma der CDU Baden-Württembergs und derem Vorsitzenden, Thomas Strobl, in “urbanen Gefilden” (Ruf) nicht Fuß fassen zu können. Als Beleg für seine – sicher nicht falsche – Behauptung führt Ruf Konstanz als einzige größere Stadt an, die von einem “schwarzen” Oberbürgermeister regiert werde. Deshalb, so der Kommentator weiter, sei die Grundausrichtung Strobls falsch, den nächsten Landtagswahlkampf “vom Land her” zu konzipieren.

Im letzten Abschnitt dann ergeht sich Ruf in chauvinistischer Blasiertheit: Der Landes-CDU fehle es an Köpfen, die “liberale Weltläufigkeit mit einem intellektuell grundierten, aufgeklärten Konservatismus” verbinden könnten. Er schließt mit dem Satz: “Landeier werden in den Städten aber nur auf den Wochenmärkten geschätzt.”

Zunächst bleibt hier festzuhalten, dass gerade dieser letzte Satz wohl ein trauriger Gipfel an selbstgefälliger Borniertheit ist. So etwas kann vielleicht, wollte man böse sein,  wirklich nur einem eingefleischten Stuttgarter einfallen, also einem rechthaberischen Pietisten, der immer alles besser weiß und auf die Landbevölkerung von oben herab sieht. 

Darüber hinaus ist der letzte Satz dumm und verrät viel über Rufs Nichtkenntnis der Tatsachen. Denn Stuttgart selbst kann eigentlich schwer als Metropole und Großstadt im engeren Sinn bezeichnet werden und ist vielmehr eine Ansammlung von Dörfern. Der Stadtkern ist recht übersichtlich; die “liberale Weltläufigkeit”, die Ruf anmahnt und von der er sicherlich nicht sagen könnte, was sie eigentlich ist, wenn man ihn danach fragte, ist in Stuttgart nie zu Hause gewesen (was ich auch gar nicht schlimm finde). 

Letzteres sieht man eben auch daran, was für Redakteure in der meistgelesenen Stuttgarter Zeitung, der “Stuttgarter Zeitung” nämlich, Kommentare verfassen dürfen: geistesenge Chauvinisten, die sich ein gutes Gefühl verschaffen, indem sie ländlichen Wählern ans Bein pinkeln und ihnen Weitblick und Intellekt absprechen.

Es ist übrigens ein gut gehegtes Vorurteil, dass auf dem “Land” nur erzkonservativ gedacht wird. Dieses Vorurteil sagt natürlich, wie immer bei solchen Dingen, mehr über die Person aus, die das Vorurteil hegt, als über das Objekt des Vorurteils, nämlich die Landbevölkerung. 

Auch an der oberen Donau, meiner Heimat, gibt es Internet und Zeitungen, sogar, Reiner Ruf wird staunen, überregionale und internationale. Es gibt Kneipen, Studenten und Studierte, es gibt geistreichen Austausch, und die meisten Menschen gehen so wenig in die Kirche wie in der Stadt, was bedauerlich ist, aber eine Tatsache. Sigmaringen, die obere Donau und die Schwäbische Alb sind von Bürgern bewohnt, die an “liberaler Weltläufigkeit” den pietistischen Stuttgartern in nichts nachstehen. Vermutlich sogar im Gegenteil: Als ehemalige Hohenzollerische Lande Teil Preußens und als vormals souveränes hohenzollerisches Fürstentum ist in Sigmaringen traditionell mehr “Weltläufigkeit” vorhanden als in Württemberg, das über Jahrhunderte als biederes Herzogtum in der Bedeutungslosigkeit dümpelte und nur durch Napoleons Gnaden einen kurzen, gut hundertjährigen Auftritt als Königtum hatte. Und das, obwohl Sigmaringen nicht mal 20.000 Einwohner zählt. 

Tja, aber das interessiert Leute wie Herrn Ruf doch nicht: Vorurteile wollen gepflegt werden, und Fakten stören da natürlich nur.

Ich selbst bin kein CDU-Wähler, sehe aber dennoch klar das Erfolgspotenzial einer auf das Land zugeschnittenen Strategie der CDU. Baden-Württemberg ist nämlich, genau wie Bayern, ein ländlich geprägtes Bundesland. Das sieht man ja wiederum daran, dass die größte Stadt des 8 Millionen Einwohner umfassenden Landes gerade mal auf 650.000 Einwohner kommt: nämlich Stuttgart, die Weltmetropole, in der “liberale, weltläufige” Charaktere wie Reiner Ruf von der “Stuttgarter Zeitung” verkehren.

Baden-Württemberg ist ländlich, christlich und konservativ, was mir persönlich sehr gut gefällt. Dass bornierte, atheistische und linksliberale Zeitungskolumnisten diese drei Adjektive immer wieder despektierlich als Ausweis für eine gewisse geistige Unbeweglichkeit zitieren, fällt wiederum als Urteil auf die Zeitungskolumnisten zurück, nicht aber auf die Landbevölkerung, die Sonntags nach dem Gottesdienst die F.A.S. studiert und zu ausgewogenen Urteilen über Weltpolitik, Geisteswissenschaften und Ökomomie gelangt und über hemdsärmelige Württemberger Journalisten wie Reiner Ruf nur süffisant den Kopf schüttelt.

Strobls Strategie wird 2016 also aufgehen, und Reiner Ruf wird alles auf die “provinzielle” Landbevölkerung schieben, die ja so zurückgeblieben ist in seinen kurzsichtigen, protestantischen Württemberger Augen. Übrigens ist es belustigend, einer Landbevölkerung vorzuwerfen, sie sei “provinziell”. Man könnte auch einem Fisch vorwerfen, er sei nass, oder einem Eskimo, er wäre aber etwas dick angezogen. 

In der Provinz ist man nun mal provinziell, und das im besten Sinne des Wortes. Ein Problem ist einzig und allein, wenn Großstädter, die eigentlich “liberal und weltläufig” sein sollten, in provinzielle und geistesenge Chauvinismen abgleiten, so wie etwa Reiner Ruf von der “Stuttgarter Zeitung”. Deshalb ist mein Appell an Reiner Ruf: Werden Sie großstädtisch – zeigen Sie Größe! Stuttgart ist besser als sein “Ruf”!

Samstag, 15. März 2014

Stefan Kaufmann: Einsamer Rufer in der Wüste der schwulenfeindlichen Landes-CDU

Einen interessanten und erhellenden Artikel über die Hirnaktivitäten mancher Mitglieder der Baden-Württembergischen Landes-CDU ist heute in der Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung erschienen. Darin geht es um den Bildungsplan der Landesregierung, der ja hohe Wellen geschlagen hat und in dem es bekanntermaßen um den Umgang mit Homosexualität bzw. sexueller Vielfalt im Schulunterricht geht.
Zu Wort im Beitrag kommen unter anderem der offen homosexuelle Kreisvorsitzende (meines Wahlkreises Stuttgart-Süd) und Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann sowie – pikanterweise – sein Stellvertreter Karl-Christian Hausmann, der offenbar am Wochenende anlässlich einiger Demonstrationen gegen das Vorhaben in der Stuttgarter Innenstadt bei der Veranstaltung “Schützt unsere Kinder” teilnahm. Bei diesen Demonstrationen traten, so die StZ online, vorwiegend “erzkatholische” und “konservative” Redner auf sowie auch ein Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD), der ich im September meine Stimme bei der Bundestagswahl gab.
Wer sich ein Bild von den Demonstrationen machen will, sollte die äußerst lesenswerten Berichte in der StZ lesen; sie vermitteln ein sehr ausgewogenes Bild der Faktenlage und zeichnen zudem ein sehr interessantes Bild vom Zustand der Landes-CDU, die sich als Sammelbecken für homophobes Gedankengut entpuppt, während sie sich gleichermaßen, wie es auch bei fremdenfeindlichem Gedankengut oftmals Usus ist, hinter Phrasen wie “wertkonservativ” und “katholisch” versteckt. Dies ist ein schändlicher Gebrauch dieses Vokabulars, denn es beschmutzt und verfälscht den Ruf wahrer Wertkonservativer und Katholiken, die das Wort Jesu Christi ernst nehmen und mit der intoleranten Attitüde der Ewiggestrigen nichts zu tun haben wollen.
Zitiert wird im Artikel also Stefan Kaufmann, der offen schwul lebt und deshalb meinen höchsten Respekt verdient hat. Denn schwul sein bedeutet heutzutage immer noch: Anfeindungen, Klischees, Ausgrenzung etc., das ist zumindest mein Eindruck als Heterosexueller, der keinerlei Abwehrreflexe gegenüber Schwulen verspürt. Kaufmann sagt im Artikel: „Lesbisch oder schwul ist man; Sexualität lässt sich weder an- noch aberziehen. Das hat im Oktober erst der Weltärztebund auf Initiative der Bundesärztekammer festgestellt.“ Es ist bezeichnend, dass Kaufmann hier den Weltärztebund zitieren muss, um ein völlig banales Stück Allgemeinwissen auszusprechen. Es gibt nämlich immer noch zahlreiche Betonköpfe, die glauben (oder glauben wollen), Homosexualität sei ein selbst gewählter Lifestyle. Die eine (wissenschaftliche) Autorität brauchen, um davon überzeugt zu werden, dass dem nicht so ist. Es reicht ihnen, den Betonköpfen, nämlich keineswegs, dass Schwule es ihnen einfach sagen, denn sie sind ja schwul und somit nicht glaubwürdig.
Doch so viele Autoritäten auf wissenschaftlichem Gebiet man auch zitieren mag – Sozialwissenschaftler, Mediziner, Psychologen, Sozialpsychologen oder Pädagogen – wer Betonkopf ist und dogmatisch, oder wer einfach Menschen hasst, weil sie anders sind als das Rudel oder anders sind als man selbst, wird von wissenschaftlichen Fakten wohl genau so wenig überzeugt werden wie von dem Argument, dass man einfach tolerant um der Toleranz willen sein könnte und andere Menschen leben lassen könnte, wie sie es wollen.
Denn darum geht es eigentlich in der Initiative der Landesregierung. Es geht nicht darum, Männer zu Frauen umzuerziehen, genauso wenig wie es darum geht, die traditionelle Mutter-Vater-Kind-Familie aufzulösen. Es geht schlicht darum, Kindern zu zeigen, dass Sexualität vielfältig ist. Dieses Vorhaben ist an sich in etwa so gefährlich, als brächte man Kindern bei, dass es neben Deutschen auch Franzosen und Italiener gibt. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Das ist es aber leider nicht, und umso wichtiger ist es, dass diese Gesetzesvorlage schnellstmöglich verabschiedet wird.
Es gibt heterosexuelle, verheiratete Männer, die Angst vor Schwulen haben. Sie bekommen Erektionsprobleme, wenn sie Schwule sehen; sie fühlen sie körperlich bedroht. Sie haben Beklemmungen und Schwächeanfälle. Ihre Reaktion ist eine Abwehrhaltung und eine diffuse Feindseligkeit. Sie bezeichnen sich fälschlicherweise als “konservativ” und als “Katholiken”, dabei sind sie einfach ängstliche, geistesenge Spießbürger mit Gartenzwergern vor der Haustür und Tapete an der Wand. Solche Menschen gibt es nicht? Ich übertreibe? Nein, ich übertreibe nicht. Wer sich die Vehemenz der Demonstrationen vor Augen hält, die jedes Maß, jede Verhältnismäßigkeit vermissen lassen, kann nur zu dem Schluss kommen, dass der Hass auf Fremdartiges und von der Norm abweichendes Verhalten und der Hass auf die Menschen, die dieses Verhalten verkörpern, uferlos ist.

Dienstag, 11. März 2014

Der Mythos vom “Westen”: Wie lange buckelt die BRD noch vor Uncle Sam?

Was ist eigentlich “der Westen”? In diesen Tagen stelle ich immer wieder fest, dass im Zuge der Berichterstattung zu den Ereignissen in der Ukraine vom “Westen” gesprochen wird. Vor fast 25 Jahren ist die Mauer gefallen, und immer noch wird im Duktus des kalten Krieges argumentiert. Und zwar von allen. Frankenberger von der F.A.Z., dessen Kommentare an pudelhafter Unterwürfigkeit und Bravheit jeden Tag neue Maßstäbe setzen, ist so einer. Was müsse “der Westen” nun tun? Das Rudel deutscher Standard-Journalisten folgt ihm auf dem Fuß. Der Tenor ist kalter Kaffee: der “Westen” gegen den bösen Wladimir aus Russland.
Doch das Konstrukt “der Westen” gibt es nicht mehr. Ich wüsste zumindest nicht, warum die Bundesrepublik Deutschland ein Bündnis mit den Vereinigten Staatem einem mit Russland vorziehen sollte. Denn die totale Überwachung wird ja nicht von Moskau aus gesteuert, sondern von Washington, wie jeder weiß. Den Amerikanern ist Deutschland, wenn überhaupt, Mittel zum Zweck, während halbnaive, stromlinienförmige Berufspolitiker wie Außen- und Sicherheitsexperte Philipp Mißfelder immer noch treu zum großen Bruder USA aufsehen. Wann wachen diese Menschen eigentlich auf? Verstehen sie immer noch nicht, dass die Amerikaner kein großer Bruder mehr sind, der Schutz vor den Sowjets bietet, sondern zum großen Bruder à la George Orwell geworden sind, der seine Wirtschaftsinteressen mit dem Arsenal der IT durchsetzt?
Ich wüsste auch nicht, was an Deutschland “westlich” sein soll. Außer ein paar McDonald’s-Filialen und der Allgegenwart amerikanischer Spielfilme in deutschen Kinos hat dieses Land glücklicherweise seine dezidiert mitteleuropäische Identität bewahrt und ist nicht – wie die Amerikaner – zum Riesentrust verkommen, in dem der Wechsler mit seinem Geldsack (Friedell) den Marsch bläst. Doch unsere gut gekleideten Volksvertreter in Berlin sehen das anders. Für sie gibt es nichts größeres als die vielbeschworene transatlantische Allianz, wie demütigend diese auch sein mag für Deutschland. Jämmerliche Gestalten wie Hans-Jochen Friedrich, Joseph Fischer oder Frank-Walter Steinmeier stehen für ein immer noch weitgehend unsouveränes Deutschland, das vor den kulturlosen Amerikanern buckelt und sich dabei noch stolz auf die Schulter klopft. Masochismus in der Politik kann sehr weit gehen. “Spring”, ruft der größenwahnsinnige Onkel Sam, “wie hoch” entgegnen die unterwürfigen Pudel aus dem Regierungsbezirk unserer falschen Hauptstadt Berlin.
Wer aber gehört denn noch zum Westen? Frankreich sicher nicht. Denn die galloromanische Kultur hat mit der amerikanischen so viel zu tun wie ein Schwabe aus dem Naturpark Obere Donau mit einem Ostfriesen. Die kulturelle Kluft könnte größer kaum sein. Von Italienern, Dänen, Österreichern und Skandinaviern ganz zu schweigen. Europa ist kulturell sehr vielfältig. Alle Nationalstaaten unterscheiden sich sehr deutlich voneinander, auch wenn die gleichmachenden Eurokraten in Brüssel dies nicht wahrhaben wollen. Alle europäischen Staaten jedoch unterscheiden sich noch einmal stärker von den Rednecks, die das ehemalige Indianerland jenseits des Atlantiks mit ihren umweltverschmutzenden Pickups befahren. Man kann das eigentlich nicht oft genug betonen.
Die Krise in der Ukraine zeigt einmal mehr, welches deutsche Selbstbild Angela Merkel vertritt. Nach oben (USA) buckeln, nach unten (Russland) treten ist ihre Devise. Wenn George W. Bush völkerrechtswidrig im Irak ein Blutbad anrichtet, bleibt er unser Partner. Wenn Wladimir Putin in einer undurchsichtigen, instabilen Situation ein paar Truppen Richtung Krim in Bewegung setzt, verstößt er, so Mutti, gegen Völkerrecht. Kein Wort darüber, dass die EU sich an den illegalen Putschaktivitäten in Kiew beteiligt hat, die eine demokratisch legitimierte Regierung zu Fall brachten und somit die Instabilität in der Ukraine drastisch erhöhten.
Die Rolle der EU in dieser Angelegenheit übrigens ist mehr als zweifelhaft. Noch vor wenigen Monaten legte man der Janukowitsch-Regierung ein Assoziierungsabkommen nah, welches dieser zugunsten eines russischen Angebots verwarf. Nun wird Janukowitsch als kleptokratischer Diktator gebrandmarkt und sein Sturz gutgeheißen. Welche Logik steht dahinter? Wenn Janukowitsch so ein unvertretbarer Autokrat war: warum hatte man seiner Regierung nahegelegt, sich mit der EU zu assoziieren, was auch immer damit gemeint war? Außerdem sollte die Frage gestattet sein, warum die EU, bei all ihren Problemen, ihr Einflussgebiet schon wieder erweitern wollte, und wozu das gut sein könnte? Weiterhin stellt sich die Frage, wer hinter derlei Entscheidungen in Brüssel steht? Denn die EU ist wie ein Schloss in immerwährenden Nebelschwaden. Man erkennt es manchmal schwach, und man spürt seine große Macht von Zeit zu Zeit, wie sie sich willkürlich und scheinbar regellos entfaltet. Aber nie sieht man den Schlossherren, noch seine Diener. Mal hört man von einem Herrn Schulz, mal von einer Frau Reding. Auch ein Herr Olli Rehn lässt manchmal etwas über Sprecher mitteilen, und eine Frau Ashton reist viel herum. Doch wer trifft beispielsweise die Entscheidung, die EU zu erweitern? Und welche Gründe werden dafür angeführt?
Aus rechtskonservativen Kreisen wird oft die Legitimität des Grundgesetzes von 1949 angezweifelt. Deutschland sei immer noch eine Besatzungsmacht und unsouverän. Die Reichsverfassung müsse wieder eingeführt werden etc. Solche Meinungen kommen in der Öffentlichkeit fast nicht vor. Doch nach den Enthüllungen von Edward Snowden und der kollektiven Untätigkeit der versammelten Regierung muss man sich schon fragen, ob an der These nicht noch ein Funken Wahrheit dran ist. Denn wenn Schaden vom deutschen Volke abzuweden ist, dann jetzt. Doch nichts passiert. Ich jedenfalls sehe die Hauptaufgabe der deutschen Politik der nächsten zehn Jahre in der Emanzipation von den Amerikanern und in der Suche nach starken Bündnissen außerhalb des technokratischen Gebildes der Idiotie, das sich EU nennt. Deutschland könnte auch einen Alleingang wagen. Zu trauen ist momentan sowieso niemandem mehr. Doch Illusionen muss man auch nicht haben: Die Riege, die momentan im Bundestag sitzt, verfügt nicht ansatzweise über die intellektuellen und charakterlichen Fähigkeiten, die benötigt werden, um eine Neuausrichtung zu gewährleisten.

Samstag, 8. März 2014

Wulffs letzte Schlacht

Wie abzusehen war, ist der frühere Bundespräsident Wulff heute freigesprochen worden. Damals, als sein Verhalten skandalisiert wurde, musste man den Eindruck gewinnen, es mit einem der größten Schwerverbrecher in Deutschland zu tun zu haben. Als hätte es seit der Hinrichtung des Schinderhannes keinen übleren Kriminellen gegeben als Christian Wulff. Aber so war es natürlich nicht. Er hatte für sein biederes Backsteinhaus einen etwas günstigeren Kredit bekommen als gemeinhin üblich. Ihm wurde ein Essen auf der Wiesn bezahlt, sowie ein Hotel-Aufenthalt. Außerdem bekam sein Sohn ein Bobbycar geschenkt.
Das alles – und die paar anderen Vorwürfe, die man ihm noch machte – war unappetitlich. Wulff hatte nie das Format, Bundespräsident zu sein. Er wirkte immer wie ein braver, etwas verzagter Spießbürger, geisteseng, angepasst und unterwürfig. Obrigkeitshörig auch und unsicher. Wenn man so will, war er die perfekte Verkörperung des deutschen Durschnitts-Michels.
Die Causa Wulff sagt trotzdem mehr über die deutsche Öffentlichkeit aus als über Wulff selbst. Denn der völlige Verlust jeder Verhältnismäßigkeit zeichnete nicht nur diesen Fall aus, sondern wiederholte sich auch im Fall des Limburger Bishop of Bling Tebartz-van Elst. Die Gehässigkeit dieser Treibjagd auf einen Menschen war schäbig, zutiefst unchristlich und maßlos. Wulff hatte sich verdächtig gemacht, und er hätte die kleinen Geschenke und Gefälligkeiten korrekterweise ablehnen müssen, die man ihm zuteil werden ließ. Aber Menschen machen Fehler.
Wulff hatte keine Nackbilder unschuldiger Jünglinge bestellt. Er war ein bißchen korrupt, so wie es jeder Abgeordnete des Bundestags auch ist. Er konnte das Amt des Bundespräsidenten vom ersten Tag nicht ausfüllen; an allem mangelte es ihm. Das war sein eigentliches Problem, und das war das Problem, das die Medien größtenteils mit ihm hatten. Die Korruption war der willkommene Anlass, das gefundene Fressen, um die Chance am Schopf zu packen, den Menschen Wulff aus dem Amt zu jagen und zu zerstören. Diese Zerstörung, wie man seit heute weiß, ist nicht geglückt. Die vorerst letzte Schlacht hat Wulff gewonnen, und ich kann daran nichts Schlechtes finden.

Mittwoch, 5. März 2014

Neuntausend Euro für die Leistungselite: Hat die ethische Verkommenheit im Bundestag ihren Zenit erreicht?

Ich gehöre zwar ganz generell nicht zu den – immer häufiger zu hörenden – Stimmen, die recht radikal verlangen, fast alle Bundestagsabgeordneten sollten schnellstmöglich mit einem Strick an Berliner Straßenlaternen aufgehängt werden. Doch die Dreistigkeit, mit der “Volksvertreter” wie der CSU-Abgeordnete und Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer die Diätenerhöhung verteidigen, ist nichts als infam.
Noch nichts hatte der Bundestag an Gescheitem verabschiedet, schon waren die Diäten auf (mit Aufwandspauschale) weit über 9000 Euro erhöht, während Lohnerhöhungen in der freien Wirtschaft trotz der ach so tollen deutschen Exportwirtschaft weiterhin rar sind. Das deutsche Netto-Durchschnittseinkommen liegt übrigens bei 1700 Euro. Johannes Singhammer orientiert sich aber nicht (wie könnte er nur?) am Durchschnittsdeutschen. Er doch nicht. Das ist unter seinem Niveau. Er orientiert sich, wie er eingangs in der Münchner Runde im Bayrischen Fernsehen zum Besten gab, an Profifußballern wie Schweinsteiger, Lahm und Götze. Wie er diesen Vergleich rechtfertigt, ist ganz simpel: als Abgeordneter habe man ja so viel Verantwortung und müsse so komplexe und diffizile Entscheidungen über “Milliardenpakete nach Griechenland” treffen. Interessant, dass Singhammer gerade dieses Beispiel anführte. Diese Hilfspakete halfen bekanntlich ja nur der Großfinanz und waren eine der fatalsten Fehlentscheidungen deutscher Politiker seit der Wiedervereinigung. Aber Politiker werden ja nicht zur Rechenschaft gezogen.
Würden Bundestagsabgeordnete die Hose öffnen und ihren Wählern direkt ins Gesicht pinkeln, wäre das weniger unverschämt als es die Entscheidung zur Erhöhung der Diäten und die schäbige Art und Weise ist, wie diese durchgebracht wurde. Kein Bundestagsabgeordneter ist mehr als 9000 Euro wert. Nicht der begnadetste Rhetor; nicht der abgekartetste Strippenzieher. Aber schon gar nicht die Ansammlung von Mittelmäßigkeiten, die im Moment den Reichstag okkupieren und auf die Namen Kauder, Gutting, Dobrindt oder Lauterbach hören und sich heimlich ins Fäustchen lachen ob der Reichtümer, die sie anhäufen. Blasse Durchschnittsschnösel wie Olav Gutting oder der neue CSU-Generalsekretär mit seinem kleinen Doktortitel aus Prag wachen jeden Tag auf und kneifen sich erst mal in die Backen: sie können kaum glauben, dass sie mit ihrem mickrigen oder nicht vorhandenen Talent einen so lukrativen Job erklüngeln konnten.
Man könne, sagte Abraham Lincoln vor über 150 Jahren, einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, und das ganze Volk eine gewisse Zeit lang. Man könne aber nicht das ganze Volk die ganze Zeit lang täuschen. Das aber denkt unsere selbsternannte Leistungselite mit den dicken Brieftaschen. Ob sie damit auf lange Sicht durchkommen? Ich hoffe es nicht. In ihrem eigenen Interesse sollten sie sich überlegen, was ethisches Verhalten als Abgeordneter bedeutet und wie es umzusetzen sein könnte. Wenn nicht, ist irgendwann das Maß voll, und der deutsche Michel schickt seine Rechnung nach Berlin. Und sei es in Form von Stricken.

Samstag, 1. März 2014

Sarrazin, Held der neuen Rechten

Thilo Sarrazin scheint es langweilig zu sein. Schon wieder hat er ein Buch veröffentlicht. Diesmal nennt er es “Der neue Tugend-Terror”. Da mir sein Bestseller “Deutschland schafft sich ab” vor einigen Jahren geschenkt wurde, quälte ich mich damals pflichtbewusst durch das Buch (Pflichtbewusstsein ist übrigens eine Sarrazin zufolge äußerst wichtige “Sekundärtugend”). Denn die Lektüre war tatsächlich eine Qual. Seither musste ich zum Glück kein Buch mehr lesen, dessen Diktion dröger und knöcherner war als die von Sarrazins semi-rassistischem Pamphlet. Man kann für seine Leser nur hoffen, dass er für seine aktuelleren Schmöker einen Ghostwriter engagiert hat.

Dabei fände ich es eigentlich erfrischend, wenn auch mal eine gut geschriebene rechtskonservative Polemik das Medien-Establishment aufrüttelte. So wie Peter Hitchens es in England tut oder Eric Zemmour in Frankreich. Aber Sarrazin ist leider stilistisch und rhetorisch nicht viel begnadeter als Lothar Matthäus. Seine Thesen sind unterkomplex und somit massenkompatibel; leider verpasst er es, sie auch eingänglich und pointiert zu formulieren. 

Seine fremdenfeindlichen Meinungen fielen in Deutschland auf fruchtbaren Boden; sein hölzerner Duktus, der dem eines Schalterbeamten bei der Deutschen Bundesbahn gleicht, machte zumindest für mich jeden möglichen Lesegenuss zunichte.

Die schärfste Waffe des Polemikers ist nun mal die Sprache. Bei Sarrazin bleibt diese stumpf. Wenn ich mich schon mit dem Denken eines offenkundig von allerlei Ressentiments geplagten Pensionärs auseinandersetzen muss, dann würde ich doch schon gerne ein wenig Spaß beim Lesen haben. Leider kann mir Sarrazin diesen Spaß nicht bieten, weshalb ich ganz bestimmt kein Geld für seinen privaten Feldzug gegen eine von ihm imaginierte Gesellschaft ausgeben werde.

Dienstag, 25. Februar 2014

Eurokratie oder: Neues aus Absurdistan

Wie eine Untote dackelte Catherine Ashton, “Außenbeauftragte der EU”, durch Kiew und versucht irgendwie, gute Stimmung zu machen. Als nicht gewählte Gesandte einer nicht demokratisch legitimierten, zentralistischen und technokratischen Behörde namens Europäische Union verfügt sie natürlich über die nötige Glaubwürdigkeit, die sie dazu befähigt, Bürger und Politiker der Ukraine mit wertvollen Ratschlägen zu Demokratie und Menschenrechten zu versorgen.
Es scheint sich abzuzeichnen, dass die Aktenschieber aus Brüssel mit dem Versprechen von Hilfsgeldern ernst machen und wieder einmal großzügig das Geld der EU-Bürger zu verteilen gedenken. Ein weiterer Untoter (diesmal wirklich Belgier), van Rompuy, deutete bereits an, es könnten wieder Gelder fliessen. Die Ukraine gehöre schließlich zu Europa (tut sie das?), und man könne ja nicht tatenlos zusehen. 35 Milliarden fehlen, so hört man, im ukrainischen Staatshaushalt. Der deutsche Michel springt ja, man hat es in Griechenland gesehen, gerne ein, wenn irgendwo kein Geld mehr vorhanden ist (tut er das?).
Wenn die Fähigkeit und Klarsicht der politischen Elite ein Indikator für den Zustand und die Zukunft eines politischen Gebildes ist, müssten die Bürger Europas jedenfalls in Depressionen ausbrechen. Die einzige Charaktereigenschaft, die bei allen Brüsselianern und Parlamentariern des deutschen Bundestags jedenfalls über die Maßen ausgeprägt ist, ist eine lähmende Mittelmäßigkeit.

Montag, 24. Februar 2014

Anmerkungen zur Ukraine & Noworussia

Ist es nicht toll, wie der Mob in der Ukraine regiert?
Faschistische Splittergruppen, Molotowcocktail schmeißende Terroristen und eine handvoll friedliche ukrainische Bürger haben es “geschafft”. Sie haben einen demokratisch gewählten Präsidenten aus dem Amt geputscht und erhalten dabei, wie gewohnt, Beifall von einem Großteil der deutschen Medien.

Niemand scheint sich dabei die Frage zu stellen, ob es eigentlich rechtmäßig ist, was passiert. Oder ob es wirklich die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung ist, die hinter dem Wechsel der Regierung steht, oder, wie es die Medien formulieren, dem Regime.

Eine legitim und demokratisch gewählte Regierung wird im Jargon der Presse nämlich immer recht schnell zum autokratischen Regime, wenn den Journalisten die Nase des Regierenden – in diesem Fall die von Präsident Janukowitsch – nicht mehr passt. So war es bei Gaddafi in Lybien, so war es bei Mubarak in Ägypten, und so ist es immer noch bei Baschar Al-Assad in Syrien. Warum den Journalisten plötzlich danach ist, diesen folgenreichen Wechsel der Termini herbeizuführen, steht in den Sternen. Meist reichen ein paar Demonstranten auf öffentlichen Plätzen aus, wie dem Maidan in Kiew oder dem Tahir-Platz in Kairo, seien die Ziele, Forderungen und Mitglieder der jeweiligen Protestler auch noch so heterogen, diffus und zweifelhaft.

Naive Nichtswisser wie Guido Westerwelle oder überzeugte EU-Ideologen wie Frank-Walter Steinmeier lieben Momente der Geschichte wie diesen. Sie klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und gratulieren sich paradoxerweise dazu, vorbildliche Demokraten zu sein. Dabei sind sie zu verblendet in ihrer Eitelkeit oder schlicht und ergreifend zu dumm zu sehen, dass sie gerade einen unrechtmäßigen Putsch gegen eine demokratisch gewählten Regierung aktiv unterstützt haben, so zwielichtig und korrupt diese auch gewesen sein mag.

In einem Jahr werden sie sich kollektiv verwundert die Augen reiben. Was? In der Ukraine ist eine faschistische, kommunistische oder – das Schlimmste in den Augen der Presse – eine pro-russische Regierung am Ruder? Das hatten wir so aber nicht geplant!

Die Geschichte wird Figuren wie Steinmeier und Westerwelle mit großer Sicherheit als das entpuppen, was sich wirklich sind: verblendete Opportunisten, billige Claquere für die falsche Sache und eitle Gockel, ohne Größe, ohne Charakter;  geborene Mitläufer, Ich-AGs des Politzirkus, denen billige, schnelle Eigen-PR immer wichtiger sein wird als das kühle Abwägen im Dienste des Gemeinwohls.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Edathy & Co.

Eigentlich konnte es niemanden mehr überraschen, dass auch Abgeordnete im Bundestag pervers sind und Hilfe benötigen. Schließlich gilt der Bundestag als Spiegel der Gesellschaft. Vermutlich ist die Quote der Perversen im Bundestag sogar noch höher als die der Gesamtgesellschaft. Psychopathen zeichnen sich ja bekanntlich vor allem durch einen eklatanten Mangel an Empathie aus. Wenn man sich beispielsweise vor Augen hält, dass vor einer Woche eine Mehrheit der Abgeordneten für eine erneute Erhöhung ihrer Bezüge gestimmt haben, könnte man dies sehr wohl als Zeichen eines Mangels an Empathie werten. Damit sind nicht automatisch alle Abgeordneten pervers oder psychopathisch; allerdings erfüllen sie, zumindest mehrheitlich, eine Grundvoraussetzung, es zu sein. Denn hätten Menschen mit Empathie, also der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, sich ihr üppiges Gehalt wirklich nochmal erhöht, wohl wissend, dass die Reallöhne in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr gestiegen sind?

Mittwoch, 29. Januar 2014

Ist Berlin wirklich so schlimm, wie alle sagen?

Ist Berlin wirklich so schlimm?

Immer wieder höre ich Negatives über unsere Hauptstadt von Freunden und Bekannten, unabhängig davon, ob sie selbst in Berlin leben oder ganz woanders. Die Stadt, so sagen sie, sei dreckig, nichts funktioniere. Ständig werde man angebettelt auf die penetranteste Art und Weise. Die echten Berliner seien nicht nur "schnodderig", sondern regelrecht plump und rüpelhaft, unverschämt und anmaßend und hätten nichts von der anständigen, bescheidenen süddeutschen Gastlichkeit. Die zugereisten Berliner seien fast noch schlimmer: chauvinistisch und überheblich, vor allem aber ignorant. So würden sie kaum ihren als Wahlheimat auserchorenen Kiez verlassen, maßten sich aber an, über alles Nicht-berlinerische zu urteilen und ins Lächerliche zu ziehen.

Es ist schockierend, was ich über Berlin höre. Zwar bin ich selbst ab und an in der Hauptstadt, doch meine Kontakte beschränken sich auf alte Freunde aus der Heimat; zudem halte ich mich meist nicht über längere Zeiträume in Berlin auf, um mir ein Urteil erlauben zu können. Was mir aber zugetragen wird, ist zutiefst deprimierend. Es bestünde, so gehen die Erzählungen weiter, ein regelrechter "Schwabenhass", wobei viele Berliner offenbar entweder nicht willens oder nicht fähig zu sein scheinen, eine Differenzierung vorzunehmen. So bezeichnete man jeden Bürger, der aus den alten Bundesländern kommt, ganz pauschal als Schwaben. Hass auf ethnische Minderheiten - ich kann diese Geschichte immer noch nicht ganz glauben. Ist Berlin nicht tolerant, links und Multikulti? Ganz offenkundig gibt es in Berlin ein neues ethnisches Feindbild: den Schwaben und alles, was man dafür hält. Nach dem Grund für den so genannten "Schwabenhass" gefragt, entgegneten mir meine Freunde, so ganz verstünden sie es selbst nicht. Es müsse mit den gestiegenen Mieten in Berlin zu tun haben. Obwohl allgemein bekannt ist, dass Investoren aus der ganzen Welt Immobilien in Berlin erwerben und so der Mietspiegel allgemein steige, würde dies aber ignoriert und allein den Schwaben die Schuld an diesen Erhöhungen in die Schuhe geschoben. 

Dieser "Schwabenhass" ließ mich sprachlos zurück: ist der Dumpfsinn in Deutschland tatsächlich wieder so weit salonfähig, dass einzelne Volksgruppen Ziel irrationaler Hetze werden? 

Des weiteren wird oft berichtet, in Berlin gebe es eine kaum erträgliche Mitnahmementalität, die sich mit einer falsch verstandenen Sozialromantik verbindet. Es sei unter Berlinern üblich anzunehmen, man hätte ein Anrecht auf staatlich finanzierte Wohnungen in bester Lage, auf kostenlose Kita-Plätze, usw. Auch hier hatte ich anfangs gedacht, ich würde veräppelt. Doch mittlerweile habe ich diese Geschichten schon so oft gehört, dass zumindest ein Funken Wahrheit wohl dran sein muss.

Im Grunde genommen muss man angesichts dieser Phänomene konstatieren, dass die Eigenschaften der Süddeutschen: Anstand, Heiterkeit, Fleiß und Familiensinn, Disziplin und Geistesweite, im modernen Berlin scheinbar nicht verbreitet sind. Und dass auch die durchaus positiven preußischen Eigenschaften: Tugendhaftigkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und verschrobener Humor - einer ganz abstoßenden, weit verbreiteten und durch linksgrüne Politiker noch verstärkten Mentalität des Jammerns, des leistungslosen Beziehens von Staatsgeldern Platz gemacht hat. Besonders schlimm finde ich dabei all die "Zugereisten", die offenbar umstandslos dazu bereit sind, ihrer alten Heimat nicht nur den Rücken zu kehren, sondern ihr noch ans Bein zu pinkeln und sich als spesenreitende Nestbeschmutzer hervorzutun, die die Berliner Mentalität in sich aufsaugen und ihre nord-, süd- oder westdeutschen Wurzeln verheimlichen.

Aber Berlin hat, wenn man ehrlich ist, Deutschland immer schon nur Unglück gebracht. Das 1871 gegründete Reich mit Berlin als deutscher Hauptstadt war der erste Fehlschlag, der mit der kompletten Zerstörung der Stadt 1945 endete. 1997 entschlossen sich größenwahnsinnige Spesenritter in Bonn, den Regierungssitz wieder ins Spree-Athen zu verlegen. Die Gründe sind bis heute schleierhaft. Bonn hatte sich als Hauptstadt bewährt und verdient gemacht. Im Jahr 2014 scheint Berlin alle schlechten Eigenschaften zu bestätigen, die der Stadt jemals zugerechnet worden sind: Größenwahn, Plumpheit, Lethargie, Anmaßung und Selbstgerechtigkeit, fehlender Arbeitssinn und betonköpfiger Atheismus.

Wenn es stimmt, was mir meine Berliner Freunde sagen, sieht die Stadt schweren Zeiten entgegen. Da schon jetzt wenig reibungslos funktioniert, müssen sich die Berliner Bürger auf eine kommende Insolvenz einstellen. Geld nämlich nehmen sie bislang noch gerne aus den von ihnen so gehassten "Schwabenländern" entgegen. Sollten diese "Schwaben" dazu einmal nicht mehr bereit sein, müssen sich die Berliner auf den Beistand ihres atheistischen Gottes verlassen, um nicht das Schicksal einer Stadt der Dritten Welt zu erfahren. 

Sotschi

Anlässlich der anstehenden Olympiade im russischen Ort Sotschi will ich hier ein paar Anmerkungen dazu loswerden. Erstens halte ich die modernen olympischen Spiele für eine fast beispiellose Idiotie. Oft hört man derzeit, und überhaupt immer, wenn wieder einmal olympische Spiele vor der Tür stehen, Phrasen wie: "Schade, dass die Politik x tut, denn eigentlich geht es ja um etwas ganz Tolles, nämlich die olympischen Spiele", oder aber "Der sportliche Wettkampf begeistert uns alle - es muss dafür gesorgt werden, dass die Spiele ohne Störungen vonstatten gehen können" und so weiter. Kurzum: Die Spiele seien, so der Tenor der Mainstream-Presse, eigentlich das Tollste, was es gibt; lediglich böse Diktatoren machten den Sportlern einen Strich durch die Rechnung.

Aber leider ist die Wahrheit ja wohl nicht so rosig. Die olympischen Spiele sind wie so vieles heutzutage vor allem ein großes Geschäft, von dem hauptsächlich eine kleine Elite und deren Vasallen profitieren, sei es Putin und seine Oligarchen, die sich alle ein fettes Stück des Steaks sichern wollen, oder sei es die mächtige Clique um Thomas Bach, den IOC-Präsidenten. Prestige und Geld - mehr ist Olympia heute nicht mehr. 

Olympia ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Und genau so wenig, wie unsere Gesellschaft von Sportlichkeit und Fairness geprägt ist, sind es die olympischen Spiele. Wie in unserer Gesellschaft dominieren bei den Spielen Leistungs- und Konformitätsdruck; schon der zweite Platz ist eine Niederlage. Hier wie da wird gedopt: Hier mit Alkohol und Zigaretten, dort mit Blutampullen und Spritzen. Wenn ich an die Olympiade in London zurückdenke, muss ich an die 14-jährige chinesische Schwimmerin denken, die all ihren Konkurrentinnen um eine halbe Beckenlänge davonschwamm. Mitgefühl und Beklommenheit macht sich in mir breit, wenn ich mir vorstelle, welche Substanzen sie verabreicht bekommen haben muss, um diesen gloriosen Sieg für die Volksrepublik davonzutragen.

Olympia macht die Seelen der Sportler kaputt, genau wie es die Heimat der in ärmlichen Verhältnissen lebenden südrussischen Bevölkerung von Sotschi zerstört. Es ist müßig zu erwähnen, dass diese natürlich nichts haben werden von der glitzernden Welt des Olympia-Zirkus, der in diesem Winter bei ihnen Station macht und ihre Heimat in ein Hochsicherheitsterritorium verwandelt hat.

Olympia ist Hochleistungsperformance unter Drogen und Psychostress. Es muss gesiegt werden, fürs Vaterland, für die Sponsoren, für sich selbst. Olympia ist ein krankes, dämliches Spektakel für Sadisten: Wer im alten Rom Gladiatorenkämpfe betrachtete, um seine primitiven Instinkte zu befriedigen, wird heute vor der Glotze hängen und sich junge Menschen in stählernen Körpern ansehen, die aus falsch verstandenem Wettbewerbsdenken und dem Druck ihrer nationalen Sportverbände so voll mit chemischen Substanzen sind, das sie vermutlich später nicht einmal mehr eine Erinnerung daran haben werden, was sie in Sotschi getan haben, dass sie überhaupt anwesend waren oder wer sie sind.

Die olympischen Spiele waren eine gute Idee in der Antike. Heute sind sie ein zynischer Geldapparat von Eliten für Eliten. Sie sind abstoßend und gruselig, und man muss Christus danken, dass die Bayern bei der Volksbefragung eine Olympia-Bewerbung abgelehnt haben. Alle Athleten verdienen Mitgefühl: das Hamsterrad, indem sie sich befinden, ist für Normalbürger eigentlich unvorstellbar.  

Camp David - die ultimative Prollo-Garderobe (continued)

Vor bald zwei Jahren ließ ich mich hier im Blog über Thomas Helmers Modegeschmack aus und verteilte bei der Gelegenheit noch eine Breitseite gegen die Modemarke Camp David, vor allem aber auch gegen deren Klientel.

Sei es Camp David, La Martina oder Polo Ralph Lauren: In den letzten zwei Jahren hat sich bestätigt, dass sonnenstudiogebräunte, gegelte, Ohrringe tragende Männer aus der bildungsfernen Schicht ganz gerne mal als Streifenhörnchen herumrennen und einen geschmacklosen Reiter auf der Brust tragen. Außerdem lieben sie Nummern und Zahlen und tragen diese deshalb - aufs Shirt geflockt - mit stolz geschwellter Hühnerbrust und angestrengt eingezogener Wampe durch Deutschlands triste Fußgängerzonen. Was das Camp-David-Klientel zudem noch eint ist eine Bewunderung für ihren Helden Dieter Bohlen, der die Papageienmode salonfähig und dem deutschen Durchschnittsmichel schmackhaft gemacht hat.

Ein anonymer Kommentar flatterte vor zwei Tagen herein, der mir nun Anlass für diesen Blogpost gibt. Er bestätigt auf seine sympathisch naive Art meinen Post von vor zwei Jahren und ist in seiner bemitleidenswerten Vorschulhaftigkeit schon beinahe so symptomatisch, dass man meinen könnte, ich hätte ihn selbst und absichtlich so verfasst. Habe ich aber nicht. Der Kommentar lautet:

"camp david ist die beste mode und dieter bohle ist der beste sänger und musicker von deutschland"

Case closed. Wer Camp David kaufen will, soll dies gerne tun. Er soll aber nicht behaupten, er wisse nicht, in welcher Gesellschaft er sich dabei befindet.

Dienstag, 28. Januar 2014

Wolf of Wall Street: Vulgär, plump und alter Käse - trotzdem sehenswert

Im erst vor kurzem neu eröffneten "Zoo-Palast" in Berlin, in einem schier wahnwitzig großen Saal, sah ich vor zwei Tagen den Film "The Wolf of Wall Street" von Martin Scorsese und Leonardo di Caprio in der Hauptrolle.

Der Film dauert drei Stunden, ist äußerst unterhaltsam, sehr frauenfeindlich, sehr übertrieben mit Hang zum Grotesken, und insgesamt ein erbärmliches Schmierentheater, das eigentlich vor allem zwei Dinge letztgültig beweist, nämlich dass 1.Martin Scorsese insgesamt als Regisseur überbewertet ist und immer ein und denselben Film dreht, in verschiedenen Varianten ("Goodfellas", "The Aviator", "Casino") und das 2. Leonardo di Caprios Fähigkeiten als Schauspieler ebenso beschränkt sind wie die seines Mentors Scorsese als Regisseur.

Wie man weiß, geht es in diesem Biopic um den skrupellosen Betrüger Jordan Belfort, der die Brokerfirma "Stratton Oakmond" gründet, nichtsahnende Kleinanleger und später auch große Haie über den Tisch zieht und sich durch Verkaufstalent und Charakterlosigkeit ein Millionenvermögen ergaunert, das er, zusammen mit seinem Kumpel Donny (gespielt von einem begnadeten Jonah Hill), hauptsächlich für Nutten, Drogen und Sportwagen ausgibt.

Wie immer also bei Filmen von Martin Scorsese erzählt der Protagonist die Geschichte aus dem Off und bricht so den Gang der Handlung. Was aber will uns Scorsese mit diesem Film vermitteln? Der Charakter Belfort macht keine Wandlung durch, ist von Anfang an ein deklarierter, ekelhafter Gernegroß, Werte spielen für ihn keine Rolle. Reich werden, das ist sein Traum - egal wie. Er wird reich, seine Betrügereien fliegen auf, er wird verhaftet - um dann wieder von vorne anzufangen, als Redner, der Verkaufsseminare veranstaltet.

Der Film macht beklommen in seiner Plumpheit. Sich zudröhnen, Sex haben, andere abzocken - das mag Belforts Lifestyle gewesen zu sein, und damit ist es wahrscheinlich auch berechtigt, diesen im Film in all seinen Exzessen und Schweinereien auszuleuchten (was irgendwann nervt). Doch nichts wird hier transzendiert, es gibt keine Botschaft im Film. Alles wird einfach heruntergespielt, rastlos und ohne Reflektion. Dabei böte das Thema Raffgier in Verbindung mit der Wallstreet geradezu unendlich viel Material, um eine geistreiche Satire zu drehen. Leider ist der "Wolf of Wall Street" weder geistreich noch bissig. Es fehlt eine übergeordnete Botschaft, die es wenn nicht rechtfertigen, so doch wenigstens begründen würde, warum der Kinozuschauer sich drei Stunden lang den megalomanischen Exzessen eines größenwahnsinnigen Idioten hingeben muss.

So bleibt ein fahler Beigeschmack zurück. Dem Film ist zugute zu halten, dass er enorm kurzweilig ist und oberflächliche Unterhaltung im besten Sinne bietet. Jonah Hill beweist, dass er zu Hollywoods größten Talenten gehört und stiehlt Leonardo diCaprio mit einer beinahe beschämenden Leichtigkeit und Virtuosität die Show. So schwer allerdings ist dies auch wieder nicht, stößt das Talent des Titanic-Helden von einst doch leider allzu schnell an seine naturgegebenen Grenzen. DiCaprio befindet sich im Dilemma aller mittelmäßig begabter Schauspieler: sie beherrschen nur eine einzige Rolle perferkt, nämlich die eigene. DiCaprios verzerrte Mimen, seine Gesten, seine Physis ist in jedem Film gleich, sein Spiel ist facettenlos, wirkt verkrampft und dumpf. Es fehlt ihm die Lockerheit, einen Charakter auch einmal anders auszuleuchten als immer nur mit der Energie eines manischen Demiurgen, der die Weltherrschaft anstrebt. Etwas mehr Witz und Esprit stünden dem ewig fünfundzwandzigjährigen Amerikaner gut zu Gesicht. Es ist allerdings nicht anzunehmen, dass er sich dieser Qualitäten noch wird bemächtigen können

Der Film, kurzum, lohnt sich nur, wenn man drei Stunden lang intensive Bilder in sich einsaugen will, ohne sein Oberstübchen dabei allzu sehr zu beanspruchen. Der unverhohlene Sexismus ist abstoßend und vulgär, der Protagonist ein Arschloch; wer sich an derlei Tatsachen nicht stört, wird seine 10 Euro nicht bereuen.

Montag, 20. Januar 2014

Die Deutsche Bahn - Exklusivtransportmittel für Großverdiener und Yuppies

Am Donnerstag fahre ich nach Berlin. Mit dem Fernbus, für 25 Euro. Ein Preis, den ich in Ordnung finde, nicht sagenhaft günstig, aber sicher fair. Wenn man wenig oder durchschnittlich viel Geld zur Verfügung hat und trotzdem mobil sein muss und will, kann man eben nicht viel mehr als das zahlen. 

Bei der Deutschen Bahn, dem halbstaatlichen Monopolbetrieb, würde mich dieses Reise ohne Bahncard 142 Euro kosten. Richtig, 142 Euro, einfache Fahrt. Weil es so schön ist, schreibe ich noch einmal auf, wieviel die Bahn für beide Wege berechnet (denn gewöhnlicherweise will man ja aus der Stadt, die man besucht, auch wieder heimkehren): 2 x 142 = 284 Euro. 284 Euro für eine Reise in die deutsche Hauptstadt. Nicht nach Nowosibirsk mit der transsibirischen Eisenbahn, und nicht nach New York mit Delta Airlines. 284 Euro, also fast 600 DM, für eine Reise nach Berlin.

Wer zahlt das, außer Managern, Vorständen und Yuppies, Privatiers oder Geschäftleuten, die die Kosten von der Steuer absetzen können, oder solchen, die sie vom Geschäft bezahlt bekommen? Die Bahn stellt sich ihr Klientel aber vermutlich so vor. Normalos unerwünscht. Geringverdiener gibt es nicht im Grube-Universum. Bahn-Fahrer sind immer smarte Key-Account-Manager, die auf hochtrabenden Magistralen von Paris nach Bratislava dampfen, um dort osteuropäischen Betriebsleitern auf die Finger zu klopfen. Auf dem Weg dorthin essen sie Wurst-Tramezzini von Johann Lafer für 24,95€, trinken Kaffee für 7,95€, zum Nachtisch ein Twix für 5 Euro. Dann lesen sie zum Entspannen das Bahnmagazin, wo Pappnasen wie Jörg Pilawa oder Nina Ruge leer vom Cover grinsen und über 8 Seiten im Innenteil so unverhohlen beschleimt werden, dass man sich schmutzig fühlt, wenn man das Magazin zur Seite legt.

Ich will die Bundesbahn zurück. Tranige Beamte im Provinzbahnhof, die mir mißmutig mein Ticket aushändigen und danach an ihrem Butterbrot weiterkauen, das sie temporär in der Tupperdose verstaut hatten. Dann einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne, und danach erstmal ein Nickerchen. Wenigstens war 1992 eine Zugfahrt nach Berlin noch erschwinglich, man zahlte 50 Mark, keine 300. Die Bundesbahn war eine Bahn für alle, für Hausmeister, Angestellte, Teilzeitarbeitende, Arbeitslose und Bauarbeiter, kurz: für das Volk. Heute ist "Die Bahn" eine neoliberale Geldmaschine, hoch effizient und höchst rentabel, alle Kosten zum Kunden outgesourct, das Geschäft brummt, schließlich hat man ein Monopol, die Schienen gehören ja der Bahn. So einfach ist es. Die Volksseele kocht ab und zu, nichts läuft, aber man kann sich darauf verlassen dass es irgendwo schon wieder einen Tsunami gibt oder eine Entführung. Dann ist man aus den Schlagzeilen und kann die Preise klammheimlich erhöhen, der internationale Energiemarkt sei Schuld, Rabarber Rabarber.

Oh wie bin ich froh, dass es Fernbusse gibt.


Die Bundeswehr auf dem Weg nach Afrika - lernen wir nichts aus Afghanistan?

Es wird allenthalben verlautbart, die EU wolle ihre Tentakel nun auch nach Zentralafrika ausfahren. Deutsche Soldaten sollen, so hört man, auch beteiligt werden. Es scheint fast überflüssig, auf die völlige Idiotie dieser Unternehmung hinzuweisen.

Mehr als zehn Jahre, nachdem zweifelhafte Bündnispflichten die Bundeswehr nach Afghanistan trieb, in einen Krieg, der mindestens so grotesk und peinlich war und immernoch ist wie das Desaster der Amerikaner in Vietnam, wollen mediokre Bürokraten in der belgischen Provinzstadt also wieder junge Soldaten in den Tod schicken, um sich auf schicken Dinnerparties gegenseitig für ihren vorbildlichen Einsatz für die Humanität auf die Schultern zu klopfen. Für jeden angestaubten Brüsseler Spesenritter und jeden aktenfressenden Schreibtischtäter muss es das Highlight des Jahres sein, sich im Bekanntenkreis und in aller Öffentlichkeit als Held aufzuspielen, der in einer unbedeutenden afrikanischen Bananenrepublik für Frieden sorgt und eine weitere Übungseinheit des postkolonialen europäischen Diplomatensports betreibt, der sich "Bevormundung des schwarzen Mannes" nennt.

Niemand in Brüssel und niemand in Berlin kann natürlich auch nur ansatzweise erklären, welche Interessen Deutschland in der zentralafrikanischen Republik hat. Die Bundeswehr ist dazu da, deutsche Landesgrenzen zu verteidigen, nicht mehr und nicht weniger. De facto wird sie leider als amerikanischer Pudel mißbraucht, der treudoof am Bein des Riesentrusts in ein Desaster nach dem anderen dackelt. Zentralafrika jedoch ist eine neue Dimension. Denn während man in Afghanistan noch Terrorismus als Kriegsgrund vorlügen konnte (wobei nach 2 Wochen Krieg klar war, dass bin Laden nach längst in Pakistan untergetaucht ist), handelt es sich in Zentralafrika um einen hausgemachten Konflikt.

Frankreich und sein bemitleidenswerter Präsident spielen sich in Afrika noch immer auf wie Feudalherren, die in ihren Ländereien nach dem Besten sehen. Offiziell wird "Verantwortung" vorgeschützt, in Wirklichkeit kommen Hollande derlei afrikanische Abenteuer gerade recht. Hier kann er sich in heroische Posen werfen und den starken Staatsmann markieren, der forsch und entschlossen einen Konflikt löst und von den Bürgern Zentralafrikas dafür mit Dankbarkeit überschüttet wird. Das lenkt von seinen eigenen privaten Eskapaden ab (so zumindest sein Kalkül) sowie von seiner jämmerlichen Bilanz nach zwei Jahren im Elysée-Palast.

Was kann man von Steinmeier erwarten? Leider nicht viel. Seinen staatstragenden Schröder-Bariton, den er regelmäßig zum summen bringt, um damit anzudeuten, wie schwer er mal wieder mit sich gerungen hat, um dann aber doch einmal mehr einzuknicken und alles zu tun, was Brüssel oder wahlweise Washington von ihm verlangen, kennen wir ja noch allzu gut aus den Jahren 05-09. Zwar kann ich mit Steinmeier insgesamt ein wenig besser leben als mit der "Ich bin in Sorge"-Marionette und Menschenattrappe Westerwelle. Doch auf internationalem Parkett ist Steinmeier sehr beliebt, und genau das ist das Problem. Denn man macht sich beliebt, wenn man das tut, was andere sagen. Wer eigene Interessen souverän und mit aller Härte vertritt, wird zum Buhmann: Schön kann man das bei Wladimir Putin sehen, der zu den absoluten Gewinnern des Jahres 2013 und vielleicht zu den talentiertesten, gewieftesten und gerissensten Machtpolitikern gehört, die die Welt in den letzten 50 Jahren gesehen hat. Übrigens kann man beim netten Herrn Obama genau das Gegenteil konstatieren: Beliebt, aber wirkungslos und schwach.