Mittwoch, 29. Januar 2014

Sotschi

Anlässlich der anstehenden Olympiade im russischen Ort Sotschi will ich hier ein paar Anmerkungen dazu loswerden. Erstens halte ich die modernen olympischen Spiele für eine fast beispiellose Idiotie. Oft hört man derzeit, und überhaupt immer, wenn wieder einmal olympische Spiele vor der Tür stehen, Phrasen wie: "Schade, dass die Politik x tut, denn eigentlich geht es ja um etwas ganz Tolles, nämlich die olympischen Spiele", oder aber "Der sportliche Wettkampf begeistert uns alle - es muss dafür gesorgt werden, dass die Spiele ohne Störungen vonstatten gehen können" und so weiter. Kurzum: Die Spiele seien, so der Tenor der Mainstream-Presse, eigentlich das Tollste, was es gibt; lediglich böse Diktatoren machten den Sportlern einen Strich durch die Rechnung.

Aber leider ist die Wahrheit ja wohl nicht so rosig. Die olympischen Spiele sind wie so vieles heutzutage vor allem ein großes Geschäft, von dem hauptsächlich eine kleine Elite und deren Vasallen profitieren, sei es Putin und seine Oligarchen, die sich alle ein fettes Stück des Steaks sichern wollen, oder sei es die mächtige Clique um Thomas Bach, den IOC-Präsidenten. Prestige und Geld - mehr ist Olympia heute nicht mehr. 

Olympia ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Und genau so wenig, wie unsere Gesellschaft von Sportlichkeit und Fairness geprägt ist, sind es die olympischen Spiele. Wie in unserer Gesellschaft dominieren bei den Spielen Leistungs- und Konformitätsdruck; schon der zweite Platz ist eine Niederlage. Hier wie da wird gedopt: Hier mit Alkohol und Zigaretten, dort mit Blutampullen und Spritzen. Wenn ich an die Olympiade in London zurückdenke, muss ich an die 14-jährige chinesische Schwimmerin denken, die all ihren Konkurrentinnen um eine halbe Beckenlänge davonschwamm. Mitgefühl und Beklommenheit macht sich in mir breit, wenn ich mir vorstelle, welche Substanzen sie verabreicht bekommen haben muss, um diesen gloriosen Sieg für die Volksrepublik davonzutragen.

Olympia macht die Seelen der Sportler kaputt, genau wie es die Heimat der in ärmlichen Verhältnissen lebenden südrussischen Bevölkerung von Sotschi zerstört. Es ist müßig zu erwähnen, dass diese natürlich nichts haben werden von der glitzernden Welt des Olympia-Zirkus, der in diesem Winter bei ihnen Station macht und ihre Heimat in ein Hochsicherheitsterritorium verwandelt hat.

Olympia ist Hochleistungsperformance unter Drogen und Psychostress. Es muss gesiegt werden, fürs Vaterland, für die Sponsoren, für sich selbst. Olympia ist ein krankes, dämliches Spektakel für Sadisten: Wer im alten Rom Gladiatorenkämpfe betrachtete, um seine primitiven Instinkte zu befriedigen, wird heute vor der Glotze hängen und sich junge Menschen in stählernen Körpern ansehen, die aus falsch verstandenem Wettbewerbsdenken und dem Druck ihrer nationalen Sportverbände so voll mit chemischen Substanzen sind, das sie vermutlich später nicht einmal mehr eine Erinnerung daran haben werden, was sie in Sotschi getan haben, dass sie überhaupt anwesend waren oder wer sie sind.

Die olympischen Spiele waren eine gute Idee in der Antike. Heute sind sie ein zynischer Geldapparat von Eliten für Eliten. Sie sind abstoßend und gruselig, und man muss Christus danken, dass die Bayern bei der Volksbefragung eine Olympia-Bewerbung abgelehnt haben. Alle Athleten verdienen Mitgefühl: das Hamsterrad, indem sie sich befinden, ist für Normalbürger eigentlich unvorstellbar.  

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