Donnerstag, 9. Januar 2014

"Wer betrügt, der fliegt" - das rechte Gossenvokabular einer deutschen Regierungspartei

"Wer betrügt, der fliegt"

Wer betrügt,  der "fliegt" also "raus" aus Deutschland. So stellt sich das die CSU vor. Auf ihrer peinlichen "Klausurtagung", die so unnötig ist wie ein Kropf, positionierten sich die bayrischen Dumpfbacken von der CSU einmal mehr, wie man sie kennt: mit breiter Brust, breiten Beinen und ganz weit rechts draußen. Bei der Armutszuwanderung gibt's keine Kompromisse, so der polternd vorgetragene Beschluss der Idiotenpartei. Es kann ja wohl auch nicht angehen, dass Bulgaren und Rumänen einfach zu "uns" kommen und sich auf die faule Haut legen. Da sind wir doch alle beruhigt und froh, dass es die CSU gibt, die da mal auf den Tisch haut, die Maß ansetzt und kräftig drauf los trinkt. 

Dass die Debatte über Armutszuwanderung völlig hysterisch ist, steht auf einem anderen Blatt. Eigentlich wollen Rumänen sowieso nicht zu uns. Lieber nach Spanien und Italien. Dort ist es wärmer. Die, die doch kommen, arbeiten meistens hart, leider oft für wenig Geld, und gelten oft als die fleißigsten Mitarbeiter. Sie bereichern Deutschland. Man kann es ihnen aber auch gar nicht verdenken, wenn sie nicht kommen wollen. Zwar ist Deutschland ein herrliches Land. Aber es gibt kein Meer, es ist meistens zu kalt. Und, am allerwichtigsten: Es gibt so viele rechtsradikale und neoliberale Pissnelken, und viele davon sitzen in der CSU, und sogar in den obersten Etagen. 

Wie ich zu dieser Aussage komme? Das ist ganz einfach: Eine Formulierung wie "Wer betrügt, der fliegt" in Bezug auf Ausländer ist eine stilistische und geschmackliche Entgleisung, die mit nichts zu entschuldigen ist. Wenn eine deutsche Regierungspartei eine offizielle Erklärung abgibt mit einer solchen Formulierung, voll von widerlicher Derbheit, chauvinistischer Anmaßung und selbstgefälliger Hybris, muss sie damit rechnen, als rechtsradikal bezeichnet zu werden. Denn in Deutschland muss man eben doch die Worte noch genauer wägen als anderswo, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen. 

Die Aussage "Wer betrügt, der fliegt" ist überall geschmacklos. Aber in Frankreich, England, Italien und Spanien wäre sie trotzdem vertretbarer als in Deutschland. Wer sich fragt warum oder trotzig protestiert, kann ja nochmal bei Haffner oder Primo Levi nachschlagen, oder ein beliebiges Buch zur deutschen Geschichte zur Hand nehmen. 

Was mich an dieser Entgleisung, die von einer so dumpfbackigen Rabiatheit geprägt ist, besonders stört, ist, dass sie sich auf Bulgaren und Rumänen bezieht. Diese Nationen sind nämlich zwar unsere europäischen Nachbarn (wenn auch nicht direkte). Aber sie haben keine Lobby. Frankreich hat eine Lobby, als "Siegermacht" im zweiten Weltkrieg und EU-Gründungsmitglied, ebenso England als Siegermacht, Italien sowieso. Polen hat zurecht eine Lobby, dort hat Deutschland soviel Schaden angerichtet wie nirgends sonst im Krieg. Seltsamerweise aber setzt unser Verständnis bei den Rumänen und Bulgaren aus. Ich werde das Gefühl nicht los, dass in gewissen Teilen der deutschen Bevölkerung die Meinung vorherrscht, diese Nationen seien nicht so viel wert wie andere.

Das mache ich auch daran fest, dass Rumänen oft die Prügelknaben durchschnittlicher Parteisoldaten waren. Nur ein Beispiel: Als Jürgen Rüttgers, der längst vergessene ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der die "Diktatur der Mittelmäßigkeit" (John Stuart Mill) einer Demokratie so sehr verkörpert hat wie wohl nur wenige im Nachkriegsdeutschland, einmal in eine Umfragen- Bredouille vor einer Wahl kam, äußerte er sich bei einer Wahlkampfveranstaltung abschätzig über Rumänen. Genau weiß ich nicht mehr, was er sagte; der Tenor war jedenfalls, Rumänen kommen ja sowieso immer später zur Arbeit, seien nicht so fleißig wie Deutsche etc. 

Genau so äußerte sich unser ehemaliger Innenminister Friedrich abschätzig über Rumänen und Bulgaren. Hier im Blog habe ich darüber geschrieben. Seltsam: Es sind immer die Duckmäuser und Apparatschiks, die sich auf Kosten von lobbylosen Minderheiten beim Stammtisch beliebt machen. Ein Glück ist Rüttgers längst abgewählt und Friedrich in ein Loser-Ministerium abgeschoben, die Unfähigkeit trat am Ende doch zu offen zu Tage, vor allem, nachdem er sich bei Obama und Biden während der NSA-Affäre so erbärmlich hatte vorführen lassen.

Als AfD-Sympathisant finde ich es auf bedrückende und groteske Weise ironisch und amüsant, wie eine bayrische Regierungspartei offenkundig rechte Parolen in öffentlichen Erklärungen vor sich hinkotzt und ungestraft damit davon kommt, während einer unbescholtenen Professorenpartei der ökonomischen Vernunft bereits zu dem Zeitpunkt das Stigma "rechts" auf die Stirn gebrannt wurde, als diese noch in den Geburtswehen lag. 

Deutschland: Quo vadis?












Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich kann an dem Satz "Wer betrügt, der fliegt" weder rechtes Vokabular, noch Gossenvokabular erkennen. Während Strafen für Steuerhinterzieher für Menschen aus Ihrem linken Milieu niemals zu hoch sein können, sind Forderungen nach Strafen für kriminelle Ausländer grundsätzlich rechts. Quo vadis Deutschland?

T.Baur hat gesagt…

Liebe/r "Anonym",

schade, dass eine so offenkundig respektlose, unflätige und vor allem völlig unnötige Formulierung in Bezug auf Ausländer weder Ekel noch Abneigung oder wenigstens ein Gefühl des Beschämtseins bei Ihnen hervorruft. Sei's drum.

Jetzt zum Inhalt: Weder verkehre ich in einem "linken Milieu" (lesen Sie meinen Blog), noch ist für mich jemand "grundsätzlich rechts", der Haftstrafen für Ausländer fordert. Ich bin für drakonische Strafen für Steuerhinterzieher, und ich bin auch dafür, Sozialbetrug streng zu bestrafen. Das ist eine Selbstverständlichkeit, und sowohl deutsche als auch ausländische Bürger müssen zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie sich des Sozialbetrugs strafbar machen. So wird das auch gehandhabt.

Genau aus diesem Grund ist der CSU-Vorstoß ja so unnötig, und noch viel unnötiger ist das rechte Vokabular, das verwendet wird. Warum sollten Ausländer eigentlich abgeschoben werden, wenn sie sich strafbar machen? Sie arbeiten hier und zahlen dem deutschen Staat Steuern. Wenn sie straffällig werden, wandern sie in ein deutsches Gefängnis. So einfach ist das! Wo ist das Problem?

Zuletzt: Man kann ja die Meinung vertreten, straffällig gewordene Ausländer in ihr Herkunftsland abzuschieben. Das ist nicht meine Meinung, aber ich halte es auch nicht für völlig absurd. Aber bitte nicht mit Vokabular aus dem "Stürmer" oder dem "Völkischen Beobachter". Das ist peinlich, verletzend und einer vernünftigen Debatte nicht würdig.

Quo vadis, CSU?

Freundliche Grüße,
T.Baur

Anonym hat gesagt…

Lieber Herr Baur,

es ist sehr schade, dass wir in Deutschland selbst knapp 70 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkriegs selbstverständliche Dinge in Bezug auf Ausländer nicht diskutieren dürfen.
Warum sollen wir Gäste dulden, welche uns betrügen?
Es geht hier nicht um die anständige Mehrheit der Einwanderer, sondern um die Kriminellen !!



T.Baur hat gesagt…

Lieber "Anonym",

man darf diese Dinge diskutieren, man soll sogar. Das ist schon lange möglich. Ich weiß gar nicht, wie Sie darauf kommen, man dürfe dies nicht.

Eine zivilisierte Debatte ist ganz einfach. "Wer betrügt, der fliegt" ist keine zivilisierte Form der Debatte, sondern wüstes Pissrinnen-Vokabular, das schlicht darauf abzielt, Menschen zu diffamieren.

So kann man nicht diskutieren. Eine solche Sprache erwarte ich in verqualmten Hinterzimmern einer NPD-Dorfgruppe, nicht von einer Regierungspartei eines deutschen Staates.

Übrigens sollte man SO niemals über Ausländer diskutieren, nicht 70, nicht 100 und auch nicht 1000 Jahre nach dem 2.Weltkrieg.

Freundliche Grüße,
T.Baur