Freitag, 28. März 2014

Reiner Ruf, Chef-Chauvinist der "Stuttgarter Zeitung"

Reiner Ruf mag keine Landmenschen. Das hat er zwar nicht explizit so formuliert. Sehr wohl geht es aber aus seinem heute in der Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung veröffentlichten Kommentar zur Lage der Landes-CDU hervor.

In diesem Kommentar erörtert Ruf das angebliche Dilemma der CDU Baden-Württembergs und derem Vorsitzenden, Thomas Strobl, in “urbanen Gefilden” (Ruf) nicht Fuß fassen zu können. Als Beleg für seine – sicher nicht falsche – Behauptung führt Ruf Konstanz als einzige größere Stadt an, die von einem “schwarzen” Oberbürgermeister regiert werde. Deshalb, so der Kommentator weiter, sei die Grundausrichtung Strobls falsch, den nächsten Landtagswahlkampf “vom Land her” zu konzipieren.

Im letzten Abschnitt dann ergeht sich Ruf in chauvinistischer Blasiertheit: Der Landes-CDU fehle es an Köpfen, die “liberale Weltläufigkeit mit einem intellektuell grundierten, aufgeklärten Konservatismus” verbinden könnten. Er schließt mit dem Satz: “Landeier werden in den Städten aber nur auf den Wochenmärkten geschätzt.”

Zunächst bleibt hier festzuhalten, dass gerade dieser letzte Satz wohl ein trauriger Gipfel an selbstgefälliger Borniertheit ist. So etwas kann vielleicht, wollte man böse sein,  wirklich nur einem eingefleischten Stuttgarter einfallen, also einem rechthaberischen Pietisten, der immer alles besser weiß und auf die Landbevölkerung von oben herab sieht. 

Darüber hinaus ist der letzte Satz dumm und verrät viel über Rufs Nichtkenntnis der Tatsachen. Denn Stuttgart selbst kann eigentlich schwer als Metropole und Großstadt im engeren Sinn bezeichnet werden und ist vielmehr eine Ansammlung von Dörfern. Der Stadtkern ist recht übersichtlich; die “liberale Weltläufigkeit”, die Ruf anmahnt und von der er sicherlich nicht sagen könnte, was sie eigentlich ist, wenn man ihn danach fragte, ist in Stuttgart nie zu Hause gewesen (was ich auch gar nicht schlimm finde). 

Letzteres sieht man eben auch daran, was für Redakteure in der meistgelesenen Stuttgarter Zeitung, der “Stuttgarter Zeitung” nämlich, Kommentare verfassen dürfen: geistesenge Chauvinisten, die sich ein gutes Gefühl verschaffen, indem sie ländlichen Wählern ans Bein pinkeln und ihnen Weitblick und Intellekt absprechen.

Es ist übrigens ein gut gehegtes Vorurteil, dass auf dem “Land” nur erzkonservativ gedacht wird. Dieses Vorurteil sagt natürlich, wie immer bei solchen Dingen, mehr über die Person aus, die das Vorurteil hegt, als über das Objekt des Vorurteils, nämlich die Landbevölkerung. 

Auch an der oberen Donau, meiner Heimat, gibt es Internet und Zeitungen, sogar, Reiner Ruf wird staunen, überregionale und internationale. Es gibt Kneipen, Studenten und Studierte, es gibt geistreichen Austausch, und die meisten Menschen gehen so wenig in die Kirche wie in der Stadt, was bedauerlich ist, aber eine Tatsache. Sigmaringen, die obere Donau und die Schwäbische Alb sind von Bürgern bewohnt, die an “liberaler Weltläufigkeit” den pietistischen Stuttgartern in nichts nachstehen. Vermutlich sogar im Gegenteil: Als ehemalige Hohenzollerische Lande Teil Preußens und als vormals souveränes hohenzollerisches Fürstentum ist in Sigmaringen traditionell mehr “Weltläufigkeit” vorhanden als in Württemberg, das über Jahrhunderte als biederes Herzogtum in der Bedeutungslosigkeit dümpelte und nur durch Napoleons Gnaden einen kurzen, gut hundertjährigen Auftritt als Königtum hatte. Und das, obwohl Sigmaringen nicht mal 20.000 Einwohner zählt. 

Tja, aber das interessiert Leute wie Herrn Ruf doch nicht: Vorurteile wollen gepflegt werden, und Fakten stören da natürlich nur.

Ich selbst bin kein CDU-Wähler, sehe aber dennoch klar das Erfolgspotenzial einer auf das Land zugeschnittenen Strategie der CDU. Baden-Württemberg ist nämlich, genau wie Bayern, ein ländlich geprägtes Bundesland. Das sieht man ja wiederum daran, dass die größte Stadt des 8 Millionen Einwohner umfassenden Landes gerade mal auf 650.000 Einwohner kommt: nämlich Stuttgart, die Weltmetropole, in der “liberale, weltläufige” Charaktere wie Reiner Ruf von der “Stuttgarter Zeitung” verkehren.

Baden-Württemberg ist ländlich, christlich und konservativ, was mir persönlich sehr gut gefällt. Dass bornierte, atheistische und linksliberale Zeitungskolumnisten diese drei Adjektive immer wieder despektierlich als Ausweis für eine gewisse geistige Unbeweglichkeit zitieren, fällt wiederum als Urteil auf die Zeitungskolumnisten zurück, nicht aber auf die Landbevölkerung, die Sonntags nach dem Gottesdienst die F.A.S. studiert und zu ausgewogenen Urteilen über Weltpolitik, Geisteswissenschaften und Ökomomie gelangt und über hemdsärmelige Württemberger Journalisten wie Reiner Ruf nur süffisant den Kopf schüttelt.

Strobls Strategie wird 2016 also aufgehen, und Reiner Ruf wird alles auf die “provinzielle” Landbevölkerung schieben, die ja so zurückgeblieben ist in seinen kurzsichtigen, protestantischen Württemberger Augen. Übrigens ist es belustigend, einer Landbevölkerung vorzuwerfen, sie sei “provinziell”. Man könnte auch einem Fisch vorwerfen, er sei nass, oder einem Eskimo, er wäre aber etwas dick angezogen. 

In der Provinz ist man nun mal provinziell, und das im besten Sinne des Wortes. Ein Problem ist einzig und allein, wenn Großstädter, die eigentlich “liberal und weltläufig” sein sollten, in provinzielle und geistesenge Chauvinismen abgleiten, so wie etwa Reiner Ruf von der “Stuttgarter Zeitung”. Deshalb ist mein Appell an Reiner Ruf: Werden Sie großstädtisch – zeigen Sie Größe! Stuttgart ist besser als sein “Ruf”!

Samstag, 15. März 2014

Stefan Kaufmann: Einsamer Rufer in der Wüste der schwulenfeindlichen Landes-CDU

Einen interessanten und erhellenden Artikel über die Hirnaktivitäten mancher Mitglieder der Baden-Württembergischen Landes-CDU ist heute in der Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung erschienen. Darin geht es um den Bildungsplan der Landesregierung, der ja hohe Wellen geschlagen hat und in dem es bekanntermaßen um den Umgang mit Homosexualität bzw. sexueller Vielfalt im Schulunterricht geht.
Zu Wort im Beitrag kommen unter anderem der offen homosexuelle Kreisvorsitzende (meines Wahlkreises Stuttgart-Süd) und Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann sowie – pikanterweise – sein Stellvertreter Karl-Christian Hausmann, der offenbar am Wochenende anlässlich einiger Demonstrationen gegen das Vorhaben in der Stuttgarter Innenstadt bei der Veranstaltung “Schützt unsere Kinder” teilnahm. Bei diesen Demonstrationen traten, so die StZ online, vorwiegend “erzkatholische” und “konservative” Redner auf sowie auch ein Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD), der ich im September meine Stimme bei der Bundestagswahl gab.
Wer sich ein Bild von den Demonstrationen machen will, sollte die äußerst lesenswerten Berichte in der StZ lesen; sie vermitteln ein sehr ausgewogenes Bild der Faktenlage und zeichnen zudem ein sehr interessantes Bild vom Zustand der Landes-CDU, die sich als Sammelbecken für homophobes Gedankengut entpuppt, während sie sich gleichermaßen, wie es auch bei fremdenfeindlichem Gedankengut oftmals Usus ist, hinter Phrasen wie “wertkonservativ” und “katholisch” versteckt. Dies ist ein schändlicher Gebrauch dieses Vokabulars, denn es beschmutzt und verfälscht den Ruf wahrer Wertkonservativer und Katholiken, die das Wort Jesu Christi ernst nehmen und mit der intoleranten Attitüde der Ewiggestrigen nichts zu tun haben wollen.
Zitiert wird im Artikel also Stefan Kaufmann, der offen schwul lebt und deshalb meinen höchsten Respekt verdient hat. Denn schwul sein bedeutet heutzutage immer noch: Anfeindungen, Klischees, Ausgrenzung etc., das ist zumindest mein Eindruck als Heterosexueller, der keinerlei Abwehrreflexe gegenüber Schwulen verspürt. Kaufmann sagt im Artikel: „Lesbisch oder schwul ist man; Sexualität lässt sich weder an- noch aberziehen. Das hat im Oktober erst der Weltärztebund auf Initiative der Bundesärztekammer festgestellt.“ Es ist bezeichnend, dass Kaufmann hier den Weltärztebund zitieren muss, um ein völlig banales Stück Allgemeinwissen auszusprechen. Es gibt nämlich immer noch zahlreiche Betonköpfe, die glauben (oder glauben wollen), Homosexualität sei ein selbst gewählter Lifestyle. Die eine (wissenschaftliche) Autorität brauchen, um davon überzeugt zu werden, dass dem nicht so ist. Es reicht ihnen, den Betonköpfen, nämlich keineswegs, dass Schwule es ihnen einfach sagen, denn sie sind ja schwul und somit nicht glaubwürdig.
Doch so viele Autoritäten auf wissenschaftlichem Gebiet man auch zitieren mag – Sozialwissenschaftler, Mediziner, Psychologen, Sozialpsychologen oder Pädagogen – wer Betonkopf ist und dogmatisch, oder wer einfach Menschen hasst, weil sie anders sind als das Rudel oder anders sind als man selbst, wird von wissenschaftlichen Fakten wohl genau so wenig überzeugt werden wie von dem Argument, dass man einfach tolerant um der Toleranz willen sein könnte und andere Menschen leben lassen könnte, wie sie es wollen.
Denn darum geht es eigentlich in der Initiative der Landesregierung. Es geht nicht darum, Männer zu Frauen umzuerziehen, genauso wenig wie es darum geht, die traditionelle Mutter-Vater-Kind-Familie aufzulösen. Es geht schlicht darum, Kindern zu zeigen, dass Sexualität vielfältig ist. Dieses Vorhaben ist an sich in etwa so gefährlich, als brächte man Kindern bei, dass es neben Deutschen auch Franzosen und Italiener gibt. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Das ist es aber leider nicht, und umso wichtiger ist es, dass diese Gesetzesvorlage schnellstmöglich verabschiedet wird.
Es gibt heterosexuelle, verheiratete Männer, die Angst vor Schwulen haben. Sie bekommen Erektionsprobleme, wenn sie Schwule sehen; sie fühlen sie körperlich bedroht. Sie haben Beklemmungen und Schwächeanfälle. Ihre Reaktion ist eine Abwehrhaltung und eine diffuse Feindseligkeit. Sie bezeichnen sich fälschlicherweise als “konservativ” und als “Katholiken”, dabei sind sie einfach ängstliche, geistesenge Spießbürger mit Gartenzwergern vor der Haustür und Tapete an der Wand. Solche Menschen gibt es nicht? Ich übertreibe? Nein, ich übertreibe nicht. Wer sich die Vehemenz der Demonstrationen vor Augen hält, die jedes Maß, jede Verhältnismäßigkeit vermissen lassen, kann nur zu dem Schluss kommen, dass der Hass auf Fremdartiges und von der Norm abweichendes Verhalten und der Hass auf die Menschen, die dieses Verhalten verkörpern, uferlos ist.

Dienstag, 11. März 2014

Der Mythos vom “Westen”: Wie lange buckelt die BRD noch vor Uncle Sam?

Was ist eigentlich “der Westen”? In diesen Tagen stelle ich immer wieder fest, dass im Zuge der Berichterstattung zu den Ereignissen in der Ukraine vom “Westen” gesprochen wird. Vor fast 25 Jahren ist die Mauer gefallen, und immer noch wird im Duktus des kalten Krieges argumentiert. Und zwar von allen. Frankenberger von der F.A.Z., dessen Kommentare an pudelhafter Unterwürfigkeit und Bravheit jeden Tag neue Maßstäbe setzen, ist so einer. Was müsse “der Westen” nun tun? Das Rudel deutscher Standard-Journalisten folgt ihm auf dem Fuß. Der Tenor ist kalter Kaffee: der “Westen” gegen den bösen Wladimir aus Russland.
Doch das Konstrukt “der Westen” gibt es nicht mehr. Ich wüsste zumindest nicht, warum die Bundesrepublik Deutschland ein Bündnis mit den Vereinigten Staatem einem mit Russland vorziehen sollte. Denn die totale Überwachung wird ja nicht von Moskau aus gesteuert, sondern von Washington, wie jeder weiß. Den Amerikanern ist Deutschland, wenn überhaupt, Mittel zum Zweck, während halbnaive, stromlinienförmige Berufspolitiker wie Außen- und Sicherheitsexperte Philipp Mißfelder immer noch treu zum großen Bruder USA aufsehen. Wann wachen diese Menschen eigentlich auf? Verstehen sie immer noch nicht, dass die Amerikaner kein großer Bruder mehr sind, der Schutz vor den Sowjets bietet, sondern zum großen Bruder à la George Orwell geworden sind, der seine Wirtschaftsinteressen mit dem Arsenal der IT durchsetzt?
Ich wüsste auch nicht, was an Deutschland “westlich” sein soll. Außer ein paar McDonald’s-Filialen und der Allgegenwart amerikanischer Spielfilme in deutschen Kinos hat dieses Land glücklicherweise seine dezidiert mitteleuropäische Identität bewahrt und ist nicht – wie die Amerikaner – zum Riesentrust verkommen, in dem der Wechsler mit seinem Geldsack (Friedell) den Marsch bläst. Doch unsere gut gekleideten Volksvertreter in Berlin sehen das anders. Für sie gibt es nichts größeres als die vielbeschworene transatlantische Allianz, wie demütigend diese auch sein mag für Deutschland. Jämmerliche Gestalten wie Hans-Jochen Friedrich, Joseph Fischer oder Frank-Walter Steinmeier stehen für ein immer noch weitgehend unsouveränes Deutschland, das vor den kulturlosen Amerikanern buckelt und sich dabei noch stolz auf die Schulter klopft. Masochismus in der Politik kann sehr weit gehen. “Spring”, ruft der größenwahnsinnige Onkel Sam, “wie hoch” entgegnen die unterwürfigen Pudel aus dem Regierungsbezirk unserer falschen Hauptstadt Berlin.
Wer aber gehört denn noch zum Westen? Frankreich sicher nicht. Denn die galloromanische Kultur hat mit der amerikanischen so viel zu tun wie ein Schwabe aus dem Naturpark Obere Donau mit einem Ostfriesen. Die kulturelle Kluft könnte größer kaum sein. Von Italienern, Dänen, Österreichern und Skandinaviern ganz zu schweigen. Europa ist kulturell sehr vielfältig. Alle Nationalstaaten unterscheiden sich sehr deutlich voneinander, auch wenn die gleichmachenden Eurokraten in Brüssel dies nicht wahrhaben wollen. Alle europäischen Staaten jedoch unterscheiden sich noch einmal stärker von den Rednecks, die das ehemalige Indianerland jenseits des Atlantiks mit ihren umweltverschmutzenden Pickups befahren. Man kann das eigentlich nicht oft genug betonen.
Die Krise in der Ukraine zeigt einmal mehr, welches deutsche Selbstbild Angela Merkel vertritt. Nach oben (USA) buckeln, nach unten (Russland) treten ist ihre Devise. Wenn George W. Bush völkerrechtswidrig im Irak ein Blutbad anrichtet, bleibt er unser Partner. Wenn Wladimir Putin in einer undurchsichtigen, instabilen Situation ein paar Truppen Richtung Krim in Bewegung setzt, verstößt er, so Mutti, gegen Völkerrecht. Kein Wort darüber, dass die EU sich an den illegalen Putschaktivitäten in Kiew beteiligt hat, die eine demokratisch legitimierte Regierung zu Fall brachten und somit die Instabilität in der Ukraine drastisch erhöhten.
Die Rolle der EU in dieser Angelegenheit übrigens ist mehr als zweifelhaft. Noch vor wenigen Monaten legte man der Janukowitsch-Regierung ein Assoziierungsabkommen nah, welches dieser zugunsten eines russischen Angebots verwarf. Nun wird Janukowitsch als kleptokratischer Diktator gebrandmarkt und sein Sturz gutgeheißen. Welche Logik steht dahinter? Wenn Janukowitsch so ein unvertretbarer Autokrat war: warum hatte man seiner Regierung nahegelegt, sich mit der EU zu assoziieren, was auch immer damit gemeint war? Außerdem sollte die Frage gestattet sein, warum die EU, bei all ihren Problemen, ihr Einflussgebiet schon wieder erweitern wollte, und wozu das gut sein könnte? Weiterhin stellt sich die Frage, wer hinter derlei Entscheidungen in Brüssel steht? Denn die EU ist wie ein Schloss in immerwährenden Nebelschwaden. Man erkennt es manchmal schwach, und man spürt seine große Macht von Zeit zu Zeit, wie sie sich willkürlich und scheinbar regellos entfaltet. Aber nie sieht man den Schlossherren, noch seine Diener. Mal hört man von einem Herrn Schulz, mal von einer Frau Reding. Auch ein Herr Olli Rehn lässt manchmal etwas über Sprecher mitteilen, und eine Frau Ashton reist viel herum. Doch wer trifft beispielsweise die Entscheidung, die EU zu erweitern? Und welche Gründe werden dafür angeführt?
Aus rechtskonservativen Kreisen wird oft die Legitimität des Grundgesetzes von 1949 angezweifelt. Deutschland sei immer noch eine Besatzungsmacht und unsouverän. Die Reichsverfassung müsse wieder eingeführt werden etc. Solche Meinungen kommen in der Öffentlichkeit fast nicht vor. Doch nach den Enthüllungen von Edward Snowden und der kollektiven Untätigkeit der versammelten Regierung muss man sich schon fragen, ob an der These nicht noch ein Funken Wahrheit dran ist. Denn wenn Schaden vom deutschen Volke abzuweden ist, dann jetzt. Doch nichts passiert. Ich jedenfalls sehe die Hauptaufgabe der deutschen Politik der nächsten zehn Jahre in der Emanzipation von den Amerikanern und in der Suche nach starken Bündnissen außerhalb des technokratischen Gebildes der Idiotie, das sich EU nennt. Deutschland könnte auch einen Alleingang wagen. Zu trauen ist momentan sowieso niemandem mehr. Doch Illusionen muss man auch nicht haben: Die Riege, die momentan im Bundestag sitzt, verfügt nicht ansatzweise über die intellektuellen und charakterlichen Fähigkeiten, die benötigt werden, um eine Neuausrichtung zu gewährleisten.

Samstag, 8. März 2014

Wulffs letzte Schlacht

Wie abzusehen war, ist der frühere Bundespräsident Wulff heute freigesprochen worden. Damals, als sein Verhalten skandalisiert wurde, musste man den Eindruck gewinnen, es mit einem der größten Schwerverbrecher in Deutschland zu tun zu haben. Als hätte es seit der Hinrichtung des Schinderhannes keinen übleren Kriminellen gegeben als Christian Wulff. Aber so war es natürlich nicht. Er hatte für sein biederes Backsteinhaus einen etwas günstigeren Kredit bekommen als gemeinhin üblich. Ihm wurde ein Essen auf der Wiesn bezahlt, sowie ein Hotel-Aufenthalt. Außerdem bekam sein Sohn ein Bobbycar geschenkt.
Das alles – und die paar anderen Vorwürfe, die man ihm noch machte – war unappetitlich. Wulff hatte nie das Format, Bundespräsident zu sein. Er wirkte immer wie ein braver, etwas verzagter Spießbürger, geisteseng, angepasst und unterwürfig. Obrigkeitshörig auch und unsicher. Wenn man so will, war er die perfekte Verkörperung des deutschen Durschnitts-Michels.
Die Causa Wulff sagt trotzdem mehr über die deutsche Öffentlichkeit aus als über Wulff selbst. Denn der völlige Verlust jeder Verhältnismäßigkeit zeichnete nicht nur diesen Fall aus, sondern wiederholte sich auch im Fall des Limburger Bishop of Bling Tebartz-van Elst. Die Gehässigkeit dieser Treibjagd auf einen Menschen war schäbig, zutiefst unchristlich und maßlos. Wulff hatte sich verdächtig gemacht, und er hätte die kleinen Geschenke und Gefälligkeiten korrekterweise ablehnen müssen, die man ihm zuteil werden ließ. Aber Menschen machen Fehler.
Wulff hatte keine Nackbilder unschuldiger Jünglinge bestellt. Er war ein bißchen korrupt, so wie es jeder Abgeordnete des Bundestags auch ist. Er konnte das Amt des Bundespräsidenten vom ersten Tag nicht ausfüllen; an allem mangelte es ihm. Das war sein eigentliches Problem, und das war das Problem, das die Medien größtenteils mit ihm hatten. Die Korruption war der willkommene Anlass, das gefundene Fressen, um die Chance am Schopf zu packen, den Menschen Wulff aus dem Amt zu jagen und zu zerstören. Diese Zerstörung, wie man seit heute weiß, ist nicht geglückt. Die vorerst letzte Schlacht hat Wulff gewonnen, und ich kann daran nichts Schlechtes finden.

Mittwoch, 5. März 2014

Neuntausend Euro für die Leistungselite: Hat die ethische Verkommenheit im Bundestag ihren Zenit erreicht?

Ich gehöre zwar ganz generell nicht zu den – immer häufiger zu hörenden – Stimmen, die recht radikal verlangen, fast alle Bundestagsabgeordneten sollten schnellstmöglich mit einem Strick an Berliner Straßenlaternen aufgehängt werden. Doch die Dreistigkeit, mit der “Volksvertreter” wie der CSU-Abgeordnete und Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer die Diätenerhöhung verteidigen, ist nichts als infam.
Noch nichts hatte der Bundestag an Gescheitem verabschiedet, schon waren die Diäten auf (mit Aufwandspauschale) weit über 9000 Euro erhöht, während Lohnerhöhungen in der freien Wirtschaft trotz der ach so tollen deutschen Exportwirtschaft weiterhin rar sind. Das deutsche Netto-Durchschnittseinkommen liegt übrigens bei 1700 Euro. Johannes Singhammer orientiert sich aber nicht (wie könnte er nur?) am Durchschnittsdeutschen. Er doch nicht. Das ist unter seinem Niveau. Er orientiert sich, wie er eingangs in der Münchner Runde im Bayrischen Fernsehen zum Besten gab, an Profifußballern wie Schweinsteiger, Lahm und Götze. Wie er diesen Vergleich rechtfertigt, ist ganz simpel: als Abgeordneter habe man ja so viel Verantwortung und müsse so komplexe und diffizile Entscheidungen über “Milliardenpakete nach Griechenland” treffen. Interessant, dass Singhammer gerade dieses Beispiel anführte. Diese Hilfspakete halfen bekanntlich ja nur der Großfinanz und waren eine der fatalsten Fehlentscheidungen deutscher Politiker seit der Wiedervereinigung. Aber Politiker werden ja nicht zur Rechenschaft gezogen.
Würden Bundestagsabgeordnete die Hose öffnen und ihren Wählern direkt ins Gesicht pinkeln, wäre das weniger unverschämt als es die Entscheidung zur Erhöhung der Diäten und die schäbige Art und Weise ist, wie diese durchgebracht wurde. Kein Bundestagsabgeordneter ist mehr als 9000 Euro wert. Nicht der begnadetste Rhetor; nicht der abgekartetste Strippenzieher. Aber schon gar nicht die Ansammlung von Mittelmäßigkeiten, die im Moment den Reichstag okkupieren und auf die Namen Kauder, Gutting, Dobrindt oder Lauterbach hören und sich heimlich ins Fäustchen lachen ob der Reichtümer, die sie anhäufen. Blasse Durchschnittsschnösel wie Olav Gutting oder der neue CSU-Generalsekretär mit seinem kleinen Doktortitel aus Prag wachen jeden Tag auf und kneifen sich erst mal in die Backen: sie können kaum glauben, dass sie mit ihrem mickrigen oder nicht vorhandenen Talent einen so lukrativen Job erklüngeln konnten.
Man könne, sagte Abraham Lincoln vor über 150 Jahren, einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, und das ganze Volk eine gewisse Zeit lang. Man könne aber nicht das ganze Volk die ganze Zeit lang täuschen. Das aber denkt unsere selbsternannte Leistungselite mit den dicken Brieftaschen. Ob sie damit auf lange Sicht durchkommen? Ich hoffe es nicht. In ihrem eigenen Interesse sollten sie sich überlegen, was ethisches Verhalten als Abgeordneter bedeutet und wie es umzusetzen sein könnte. Wenn nicht, ist irgendwann das Maß voll, und der deutsche Michel schickt seine Rechnung nach Berlin. Und sei es in Form von Stricken.

Samstag, 1. März 2014

Sarrazin, Held der neuen Rechten

Thilo Sarrazin scheint es langweilig zu sein. Schon wieder hat er ein Buch veröffentlicht. Diesmal nennt er es “Der neue Tugend-Terror”. Da mir sein Bestseller “Deutschland schafft sich ab” vor einigen Jahren geschenkt wurde, quälte ich mich damals pflichtbewusst durch das Buch (Pflichtbewusstsein ist übrigens eine Sarrazin zufolge äußerst wichtige “Sekundärtugend”). Denn die Lektüre war tatsächlich eine Qual. Seither musste ich zum Glück kein Buch mehr lesen, dessen Diktion dröger und knöcherner war als die von Sarrazins semi-rassistischem Pamphlet. Man kann für seine Leser nur hoffen, dass er für seine aktuelleren Schmöker einen Ghostwriter engagiert hat.

Dabei fände ich es eigentlich erfrischend, wenn auch mal eine gut geschriebene rechtskonservative Polemik das Medien-Establishment aufrüttelte. So wie Peter Hitchens es in England tut oder Eric Zemmour in Frankreich. Aber Sarrazin ist leider stilistisch und rhetorisch nicht viel begnadeter als Lothar Matthäus. Seine Thesen sind unterkomplex und somit massenkompatibel; leider verpasst er es, sie auch eingänglich und pointiert zu formulieren. 

Seine fremdenfeindlichen Meinungen fielen in Deutschland auf fruchtbaren Boden; sein hölzerner Duktus, der dem eines Schalterbeamten bei der Deutschen Bundesbahn gleicht, machte zumindest für mich jeden möglichen Lesegenuss zunichte.

Die schärfste Waffe des Polemikers ist nun mal die Sprache. Bei Sarrazin bleibt diese stumpf. Wenn ich mich schon mit dem Denken eines offenkundig von allerlei Ressentiments geplagten Pensionärs auseinandersetzen muss, dann würde ich doch schon gerne ein wenig Spaß beim Lesen haben. Leider kann mir Sarrazin diesen Spaß nicht bieten, weshalb ich ganz bestimmt kein Geld für seinen privaten Feldzug gegen eine von ihm imaginierte Gesellschaft ausgeben werde.