Montag, 23. Februar 2015

Der Jubeljournalismus der F.A.Z. Heute: Sebastian Balzter

Die F.A.Z. jubelt gerne. Sie liebt unsere Wirtschaftspolitik, sie verehrt unsere Kanzlerin und sie rollt - via Klaus-Dieter Frankenberger - den USA und TTIP den roten Teppich aus. Jubelperser wie Patrick Bernau verdrehen und mißinterpretieren Studien so lange, bis sie ins eigene Weltbild passen. Dann singen sie aus voller Kehle die offizielle Hymne des F.A.Z.-Wirtschaftsressorts. Der Refrain dieser Hymne geht so: "Uns geht es in Deutschland sehr sehr gut und immer besser." 

Liest man Artikel dieses Presseorgans, so wähnt man sich im Barock-Zeitalter, als Leibniz proklamierte, man lebe in der "besten aller Welten". Leibniz optimierte eine Grundtechnik, die jeder ideologische Jubelperser beherrschen sollte: Er war ein Meister darin, Fakten zu ignorieren. Ebenso meisterhaft ignoriert die F.A.Z. augenscheinliche Fakten, die den Zustand der deutschen Wirtschaft betreffen. 

Sebastian Balzter, Jahrgang 1978, ist einer der Lehrlinge, die das Handwerk des neoliberalen Hurra-Journalismus mit großem Eifer erlernt haben. Die Erkenntnisse des neuesten Armutsberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wischt Balzter kurz beiseite. Dieser sprach von einer nie dagewesenen Armut in Deutschland, Rekord, Höchststand. Kann doch nicht sein, denkt Sebastian Balzter und macht einen "statistischen Trick" als Grundlage des Berichts aus.

Passioniert singt Balzter gleich anfangs den F.A.Z.-Refrain: "Nie gab es in Deutschland so viele Erwerbstätige wie heute. Die Löhne steigen dank üppiger Tarifabschlüsse auf breiter Front. Die Unternehmen können sich das leisten, weil sie blendende Geschäfte machen. Der private Konsum kennt kaum noch Grenzen. Trotzdem behauptet der Bericht: 'Es gibt keinen Zweifel: Die Armut in Deutschland ist auf Rekordhoch.'“

Diese Kollision von Einbildung und Realität ist bezeichnend für die Berichterstattung der F.A.Z. Das passiert, wenn Redakteur Balzter seine "Fakten" von Redakteur Bernau bezieht. Tja, wie kann das sein, dass die eigene heile Welt von dem abweicht, was der Paritätische Wohlfahrtsverband nüchtern konstatiert? Selbstkritik ist nicht die Stärke der Frankfurter Wirtschaftsredaktion. Es muss also an "den anderen" liegen. Eine Erklärung ist schnell gefunden:

"Ein statistischer Trick macht es möglich, dass die Armut auf dem Papier zunimmt, obwohl sich die Lebensverhältnisse in Wirklichkeit seit Jahren günstig entwickeln. Denn als arm gilt für den Armutsbericht per Definition, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat. In Deutschland lag die auf diese Weise festgelegte Armutsgrenze für ein Ehepaar mit zwei Kindern im Jahr 2013 beispielsweise bei 1873 Euro im Monat. Ob das noch genug oder schon zu wenig ist für ein menschenwürdiges Leben, hängt von vielen Faktoren ab – vor allem von der je nach Wohnort unterschiedliche Höhe der Miete. Sicher dürfte aber sein, dass sich nicht jede vierköpfige Familie als arm bezeichnet, die mit 1873 Euro im Monat auskommt."

Sebastian Balzter ist vermutlich Gutverdiener und Single. Nur so lässt sich eine Aussage wie die erklären, dass sich nicht jede vierköpfige Familie als arm bezeichne, die mit 1873 Euro im Monat leben muss. Doch auch als gutverdienender Single-Journalist sollte man zumindest versuchen, einen Bezug zur Realität herzustellen. Balzter gelingt das nicht. 

Schlimmer ist jedoch seine Unkenntnis der Faktenlage. Doch was soll ich groß erklären. Lassen wir doch Foristen bei faz.net zu Wort kommen, die sich dieses abstrusen Machwerks bereits angenommen haben:

Andreas Maier: Verwegen -  Armut nun einen Einkommensunterschied zu nennen ist auch irgendwie verwegen. Klar, im Verhältnis zu Rumänien etc. ist die Armut bei uns Luxus ... nur mit einigen Hundert Euros im Monat auskommen, kann in Deutschland sehr hart sein. Warum ist der Aufschrei über den Mindestlohn so groß, wenn doch die Löhne so "üppig steigen" ? Wohlgemerkt 8 Euro die Stunde ! Wenn überhaupt, dann gilt das für Beschäftigung in einem Tarifbereich ... wissen Sie wie viele Bereiche gar nicht mehr in einem Tarif sind ? ---- Warum ist Deutschland inzwischen der Schlachthof Europas ? Nicht weil bei uns so gern Fleisch gegessen wird, sonder weil dort Menschen für einige Euros die Stunde arbeiten ... Werkverträge machen dies möglich. --- Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor Europas ... und Niedriglohn bedeutet, dass man z.B. nach Stück bezahlt wird, wie der Paketbote oder das Zimmermädchen ... wo man dann real auf 3 Euro die Stunde kommt. --- Sorry Herr Balzter, da fehlt mir das Realitätsbewußtsein. 

Anton Wolter: Und schon wieder -  Die Löhne steigen(Rekordgehälter), der private Konsum kennt kaum noch Grenzen(Deutscher Konsumrausch). Ein Artikel dessen Aussage auf dieser Grundlage aufbaut dient nur der Kampagne. Sehen Sie sich die realen Einzelhandelsumsätze an, sehen Sie sich die realen Lohnsteigerungen an, der letzten ZWANZIG JAHRE.Da ist eine Gerade flach wie ein Brett, das stört hier aber niemanden der etwas schreiben darf. Warum? 

Eckbert Reinhardt: Wer so argumentiert wie der Artikel hat eindeutige Absichten! -  Und das ist nicht Aufklärung! Eine seriöse Statistik ermittelt den Median, und nicht banal den Mittelwert von allen Einkommen. Also ist das Argument, das Durchschnitteinkommen wäre zu hoch berechnet, wegen der Einbeziehung von Millionären oder ähnliches Quatsch! Die 12 Millionen Menschen, die nicht von ihrer Arbeit leben können gehen nicht zum Spaß zusätzlich zu ihrer Arbeit auch noch zum Jobcenter und beantragen Aufstockung, oder zum Sozialamt und beantragen Wohngeld, Grundsicherung oder Hilfe zum Lebensunterhalt - sondern weil in Deutschland mittlerweile Millionen Menschen leben, die nicht mehr klar kommen, trotz Arbeit, trotz Rente. Und wer das mit einer falschen Erklärung von der Funktionsweise von Statistiken versucht wegzuargumentieren handelt unredlich und hat etwas ganz anderes im Sinne - der blöden Masse zu erklären, "uns geht es doch gut!" - Und das stimmt eben nicht mehr für viele! 

Erhard Koch:  Ein Bericht von einem anderen Planeten .Definitionen und Statistiken sind das Eine, die Realität das Andere. Was die monetäre Armut angeht, so dürfte dieser Artikel ein Schlag ins Gesicht alll derjenigen zu sein, die die eigentlichen Leistungsträger eines Volkes sind und somit die eigentlichen Grundlagen einer Gesellschaft legen: Nämlich die Familien. Warum werden Mütter nich auf Händen getragen und deren Lebensabend vergoldet? Die Allermeisten von ihnen werden mit erbärmlichen Renten abgespeist. So manche Rentner kommen finanziell nicht mehr klar. Tendenz steigend. Kinder sind im Stellenwert in einer der untersten Kategorien eingeordnet. Kindergärten, Schulen und Bildungssystem sind in fragwürdige Zustand. Die meisten Eltern sind auf zwei Einkommen angewiesen und sind dadurch genötigt, ihre Kinder in Verwahranstalten abzuliefern anstatt den Kindern die notwendige Ruhe und Nestwärme bieten zu können. Diese sind Voraussetzung für in sich ruhende und innerlich starke Kinder. Zur monetären Armut tritt somit noch die geistige Armut und immer größere Bildungsferne dieses Volkes hinzu... 

Peter Myer: Falsch!  man muß kein linker umverteiler sein um zu sehen, die armut nimmt natürlich zu, die vermögenpreise steigen auf breiter front - damit u.a. mieten. die mär, wir hätten kaum inflation ist so hanebüchen wie falsch. die lebenshaltungskosten sind massiv gestiegen - die löhne haben damit nicht schritt gehalten, der wohlstand geht massiv zurück. im übrigen auch das eine folge des euros und der damit einhergehenden schuldenunion.. die sozialdividende eine rstarken hartwährung wurde von der politik mutwillig zerstört. richtig lustig wird es erst, wenn die ganze altersvorsorge sich auflöst . auch hier sage ich "danke" zu den verantwortlihcen politikern und ihren ezbhelfern. 

Klaus Bering: Ich nehme den Autor gern auf eine Rundreise in Deutschland ...  ... durch die Suppenküchen mit.


Diese Leserkommentare sind zwar selektiv ausgewählt, geben jedoch den überwältigenden Grundtenor wieder, der von mehr als 80% der Kommentare geteilt wird. Bezeichnend ist, dass es hier nicht um Meinungsverschiedenheiten in der einen oder anderen Sachfrage geht. Auch die gibt es, vor allem zur Unterscheidung von Durchschnitt, arithmetischem Mittel und Median. Diese Dinge verblassen jedoch angesichts der Empörung und der Ungläubigkeit, die diese Art von Tendenz-Journalismus bei vielen Lesern zurücklässt.

Die Leser fühlen sich veräppelt. Glaubt Balzter, die Leser merkten nicht, wie tendenziös sein Artikel ist? Wie unzweideutig er die Fakten, die nicht in sein Weltbild passen, passend machen will? Es ist diese Art des Tendenzjournalismus, der die allgemeine Politikverdrossenheit um eine Presseverdrossenheit bereichert. Wohl gemerkt: Balzter agiert hier im Kleid des objektiven Journalisten. Er bemüht statistische Erklärungen, um seinen Standpunkt zu untermauern. Er verdreht Fakten und Tatsachen: Das kann niemand mehr objektiven Journalismus nennen!

Balzter könnte auch einfach schreiben, dass er persönlich nichts vom Paritätischen Wohlfahrtsverband hält. Oder dass er es so tragisch nicht findet, dass ein paar mehr Menschen arm sind. Er könnte aufrichtig die Ansicht vertreten, es sei in Ordnung, dass die Gesellschaft hierarisch organisiert ist und sich dies auch in den Einkommen niederschlägt. Doch das tut er nicht. Stattdessen unterstellt er dem Verband, er trickse mit Statistiken, um seine Wahrheit an den Mann zu bringen.

Das ist das Perfide an Balzters Berichterstattung. Sie ist unredlich, unseriös und folgt einem hässlichen Trend, den man bei der F.A.Z. offenbar (siehe Bernau) gezielt verfolgt. Angesichts dieser Entwicklungen darf man sich eigentlich nicht wundern, dass sich in der Bevölkerung der Eindruck verstärkt, man habe es mit einer "gesteuerten" oder gar, in Teilen,  mit einer "Lügenpresse" zu tun.

Wundern muss einen eher die Empörung über diesen Begriff, die die etablierten Medien (wie die F.A.Z.) wie eine Monstranz vor sich hertragen. Schnell macht man den Pegida-Pöbel verantwortlich, schiebt derlei Gebaren auf "bildungsferne Schichten" und diagnostiziert "diffuse Ängste". So macht man sich es in den Redaktionsstuben einfach. Doch das Misstrauen in etablierte Presseorgane ist viel weiter verbreitet. Davon zeugen Leserkommentare, Blogs und ein Dschungel an alternativen Medien, deren Popularität rasant wächst.

Leider scheint es so, als entwickelte sich die F.A.Z. zum Werkzeug einer Ideologie. Die Artikel von Patrick Bernau und Sebastian Balzter lassen wenig Gutes hoffen. Im Zeitalter der Transparenz, der Foren, Kommentare und Blogs wird es für sie jedoch immer schwerer, ihre als Nachrichten deklarierten Pamphlete unkommentiert unters Volk zu bringen.