Donnerstag, 12. Februar 2015

Ein virtuoser Dampfplauderer schießt über's Ziel hinaus: Köhlmeiers "Die Abenteuer des Joel Spazierer"

Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer, Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juli 2014), 656 Seiten.

In Köhlmeiers Buch begegnet der Leser einem nur selten glaubwürdigen Protagonisten. "Joel Spazierer" ist dabei nur eine von vielen Identitäten, die dieser im Laufe des über 600-seitigen Romans annimmt. "Abenteuer" erlebt Spazierer tatsächlich einige. Bei der Flucht aus dem kommunistischen Ungarn nach Österreich, als Ausreißerkind auf der Reise von Oostende nach Wien oder in einer Gefängniszelle mit multikultureller Besetzung: Über zu wenig Handlung kann man sich in diesem Buch sicher nicht beschweren. Dass viele Erzählungen dabei nur Anekdoten sind und nur schwer in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang passen wollen, stört meistens nicht, da sich Michael Köhlmeier über weite Strecken als begnadeter, fantasievoller Dampfplauderer herausstellt, dessen Fähigkeit Details zu beobachten und zu beschreiben geradezu unheimlich ist.

Leider vertrödelt Köhlmeier das Buch streckenweise mit abstrusen Abhandlungen über Theologie und Philosophie. Diese sind zwar natürlich meistens schrulligen Nebenfiguren in den Mund gelegt; die Redundanz dieser Exkurse nervt den Leser irgendwann aber empfindlich. Ebenso wirkt die ständig breitgetretene Sprachbegabung Joel Spazierers irgendwann einfach wie eine Profilneurose des Autors, die er durch die Hintertür seiner Hauptfigur auslebt.

Spazierer geht indifferent durch die Welt, lässt alles passieren, wertet nicht, ist nie wütend, aber auch nie wirklich glücklich. Er ist eine Neuauflage von Forrest Gump, nicht böse, aber eben doch amoralisch und unbedarft genug, um Morde zu begehen, zu stehlen, seine Kinder im Stich zu lassen und seine Frau zu betrügen. Joel Spazierer ist ein vollendeter Opportunist ohne Skrupel, aber auch ohne wirklich böse Absichten. So abstrus viele Anekdoten auch sind, so muss man Köhlmeier lassen, dass er diese Figur konsequent gezeichnet hat. Spazierer hat genau so viel Persönlichkeit, um einigermaßen glaubwürdig zu sein und genau so wenig, um als Projektionsfläche des Lesers zu dienen.

Nach 400 Seiten hat Köhlmeier sein Pulver verschossen. Die letzten 250 Seiten sind ideenlos und uninspiriert. Das Kapitel über Spazierers seltsame DDR-Karriere, die er unter dem skurrilen Pseudonym Ernst-Thälmann Koch (als angeblicher Enkel Ernst Thälmanns) hinlegt, ist aufgesetzt und übertrieben. Völlig verworren ist auch die immer wieder eingestreute Episode über Janna, die Tochter der Frau, die Spazierer als junger Mann erschoss, mit der der Roman endet.

Fazit: Ein großer, oder gar "ungeheurer Wurf", wie ein "Zeit"-Redakteur fantasierte, ist das Buch sicher nicht. Es ist eine Sammlung von geistreichen, oft verschrobenen Anekdoten über einen unglaubwürdigen Protagonisten. Obwohl das Buch entschieden zu lang ist, manchmal nervt und um mindestens 3 Handlungsorte hätte entschlackt werden müssen, gebe ich ihm drei Sterne. Köhlmeiers Erzähltalent erzeugt oft genug einen Sog, ist manchmal erstaunend, manchmal grandios und überraschte mich immer wieder mit interessanten Sichtweisen und sprachlichen Manövern, die Spaß machen und den Horizont erweitern.

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