Montag, 2. Februar 2015

Wie könnt Ihr nur? Widerspenstige Deutsche verblüffen Klaus-Dieter Frankenberger

Klaus-Dieter Frankenberger versteht die Welt nicht mehr. Die Deutschen spuren nicht: "Was ist los mit den Deutschen? Das Freihandelsabkommen mit Amerika wird in fast allen europäischen Ländern mehrheitlich unterstützt. Aber hierzulande hat eine Dämonisierungskampagne voll durchgeschlagen." So beginnt der fürs Außenressort zuständige F.A.Z.-Journalist seinen jüngsten Artikel über TTIP, in  dem er den konformistischen, regierungstreuen Ruf der Frankfurter Tageszeitung bestätigt.

Schon die Wahl der Überschrift ist vielsagend: "Deutschland ist Schlusslicht" heißt es da. Schlusslicht? Worin? Und: Wie kann das sein? Deutschland führt doch! Deutschland muss führen! Wir sind doch Exportweltmeister! Schnell stellt sich heraus, in welchem Ranking Deutschland nicht führt. "Das Freihandelsabkommen mit Amerika wird in fast allen europäischen Ländern unterstützt. 73 Prozent der Polen sind dafür, 71 Prozent der Dänen, 65 Prozent der Briten, 63 Prozent der Spanier und sogar fünfzig Prozent der angeblich so protektionistisch gesinnten Franzosen halten das Abkommen für eine gute Sache; nur in Deutschland, Österreich und in Luxemburg sind die Befürworter eine Minderheit, gibt die Ablehnungsfront den Ton an." 

Der treue Atlantiker Klaus-Dieter Frankenberger ist verblüfft. Warum stellen die Deutschen sich so an? Warum wollen sie das Freihandelsabkommen mit dem treuen Bündnispartner USA nicht? Woher die Skepsis? "Nur 39 Prozent der Deutschen befürworten momentan ein Vorhaben, das den großen atlantischen Wirtschaftsraum noch stärker integrieren soll. Einer relativen Mehrheit ist der erwartete wirtschaftliche, politische sowie der strategische Nutzen gleichgültig. Im Gegenteil, sie wollen das nicht", empört sich Frankenberger. Dabei behauptet er, der von ihm behauptete Nutzen sei einer relativen Mehrheit "gleichgültig". Natürlich belegt er die Behauptung nicht. Die Schuldigen findet Frankenberger schnell: "Während Regierung und Wirtschaftsverbände erst jetzt langsam in die Gänge kommen, weil sie annahmen, die Sache sei ein Selbstläufer, starteten Nichtregierungsorganisationen ihre Dämonisierungskampagne. Das hat voll durchgeschlagen." Klaus-Dieter Frankenberger erklärt uns seine Weltsicht: Was Wirtschaftsverbände verkünden, soll geglaubt werden. Wer dagegen argumentiert, betreibt eine "Dämonisierungskampagne". Das Leben kann so einfach sein, vom Schreibtisch in der Hellershofer Straße aus betrachtet.

"Wir sollten von den Amis vergiftet werden und die Unternehmen sollten Rechte bekommen, welche unser demokratisches System faktisch aus den Angeln heben würde", belächelt Frankenberger die Bedenken der TTIP-Gegner. "Wie gesagt", führt er fort, "in 25 Ländern der EU hegen große Mehrheiten der Leute solche Befürchtungen nicht. Sie erhoffen sich eher Wohlstandsgewinne." Schön für diese Länder. Oder nicht. Sind die Menschen in diesen Ländern informiert, interessiert, gewarnt? Es steht zu befürchten, dass die transatlantische Lobby nicht nur in Deutschland Einfluss hat. Vor allem die Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts dürften für falsche Verlockungen von Uncle Sam anfällig sein. Wer lange unter russischer Knute stand, sucht sein Heil verständlicherweise eher im Westen. Das kann für aufgeklärte deutsche Bürger kein Grund sein, dem trojanischen Pferd der Großindustrie den roten Teppich auszurollen.

Frankenberger kann sich nicht vorstellen, dass Bürger berechtigte Einwände gegen das geplante Abkommen hegen. "Aber die Deutschen sind wieder im Modus der Hysterie und des Pessimismus. Aus den Profiteuren des Welthandels sind Globalisierungsskeptiker geworden. Und der Anti-Amerikanismus gehört ohnehin zur mentalen Grundausstattung vieler Zeitgenossen; zugenommen hat er obendrein (Stichwort NSA-Affäre)." Dass Frankenberger die NSA-Affäre, wenn auch nur als Stichwort in Klammern, überhaupt erwähnt, ist erstaunlich genug. Die größte transatlantische Vertrauenskrise der Nachkriegszeit wischt der Routinier als hysterische Flause nörgelnder Hysteriker beiseite und erteilt dem Leser eine schulbuchmäßige Lektion in Ignoranz.

"TTIP ist kein Selbstläufer. Diejenigen, die sich viel davon versprechen - vielleicht versprechen sie sich zu viel davon - sollten endlich die Auseinandersetzung mit den Gegnern und deren oftmals gar nicht so lauteren Argumenten suchen." Herablassend beschließt Frankenberger seinen Kommentar. Das Gespräch könne man ja suchen, auch wenn die Gegner mit faulen Tricks, "unlauteren Argumenten" also, arbeiteten. Der stramme Translatlantiker und Merkel-Jünger Frankenberger hat seine Arbeit getan. Routiniert, wirtschaftstreu und brav dogmatisch hat er das Gedicht der heilbringenden Marktwirtschaft aufgesagt und den wohlmeinenden Amerikanern den Treueeid geschworen. Schade für ihn, dass die Mehrheit der Deutschen dieses Märchen nicht mehr hören will.






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