Mittwoch, 6. Mai 2015

Gedanken zur Erinnerungskultur in Deutschland

"Jetzt reicht's aber auch mal", "irgendwann muss man abschließen" usw. Solche Äußerungen hört man nicht selten, wenn es um den Holocaust geht, der in diesen Tagen anlässlich der Befreiung vieler Konzentrations- und Vernichtungslager wieder vermehrt in den Schlagzeilen ist. Noch öfter liest man derlei Äußerungen in Internetforen oder im Kommentarbereich unter Youtube-Clips. Dabei geht es aber natürlich deutlich dumpfer zu. 

Aber nicht nur völkische Dumpfbacken denken so. Auch Intellektuelle. Prominentestes Beispiel: Martin Walser. In seiner berüchtigten Rede in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1998 prägte er den Begriff der "Auschwitz-Keule". Das Erinnern an Auschwitz sei zu einer ritualisierten Handlung verkommen, meinte Walser damals. Sie diene nur noch dazu, das gut gepflegte schlechte Gewissen der deutschen auf ewig zu konservieren.

Dieses Denkmuster kenne ich von mir selbst, und von nicht wenigen anderen, die ich grundsätzlich für intelligente Menschen halte. Tenor: Deutschland ist nicht so selbstbewusst, wie es sein könnte (was auch immer das heißt). Schuld daran sei unter anderem die Erinnerungskultur, die in Deutschland fetischistische Züge trage und eine Nation in Fesseln lege, die "ihre Schuld getan" habe. 

Diese Meinung habe ich bis vor ein paar Jahren geteilt. Wie ein leeres Ritual kamen mir Gedenkfeiern vor, das jährliche Mahnen, der gehobene Zeigefinger. Was, so dachte ich, soll ich als Kind der Achtzigerjahre damit anfangen? Ich dachte, ein anderes Deutschland zu kennen. Die Präsenz des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust in den Medien erschien mir fehl am Platz. Es war zur Zeit der Jahrtausendwende, als die mediale Berichterstattung zu diesen Themen ihren Höhepunkt erreicht hatte - so mein subjektiver Eindruck. Im Jahr 2000 legte Norman Finkelstein dann sein Buch "Die Holocaust-Industrie" vor, in dem er eben jene Umtriebe anprangerte. Das Buch fand in Deutschland größten Anklang.

Hätte Walser die Rede so gehalten, wenn er gewusst hätte, wer den Begriff heute benutzt? Wahrscheinlich nicht. Denn die "Auschwitz-Keule" begegnet einem heute an den schäbigsten Orten. Dokumentationen über Hitlers Russlandfeldzug etwa sind gespickt mit Kommentaren von Usern, deren Avatare aus Reichskriegsflaggen, höchstens leicht entstellten SS-Abzeichen oder anderer völkischer Symbolik bestehen. "Deutschland erwache!" gröhlt es auch aus dem Subtext von vielen Leserkommentaren großer Zeitungen. Zu nennen wären vor allem die Onlineausgaben der Frankfurter Allgemeinen oder der Welt.

Heute bin ich der Meinung, dass in Deutschland nie genug an Auschwitz erinnert werden kann. Diejenigen nämlich, die "genug haben" und nichts davon hören wollen, sind diejenigen, die sich am dringendsten mit ihrem Deutschsein auseinandersetzen sollten. Jeder Deutsche, der sagt, er habe genug, ist ein Grund, weiter zu erinnern. Vielleicht ist die Erinnerungskultur sogar zu schwach. Im Jahr 2015 reden viele Deutsche so völkisch wie seit 70 Jahren nicht mehr. Schließlich sind "wir" Weltmeister im Fußball, waren es lange im Export, "wir" müssen die "Pleite-Griechen" sanieren, für sie aufkommen. Im Jahr 2015 dominiert Deutschland in Europa - ein Horrorszenario für jeden, der die deutsche Mentalität kennt.

Außerdem: Ob das Erinnern ein leeres Ritual ist oder nicht kann jeder für sich entscheiden. Medien sind Medien - sie vermitteln. Denken und fühlen muss jeder für sich. Wer sich zehn Minuten Zeit nimmt und sich vor Augen hält, was Deutsche vor 70 Jahren angerichtet und geduldet haben, wird nicht mehr von einem "leeren Ritual" sprechen. Er wird irgendwann akzeptieren, dass dieser Teil der Geschichte kein Zufall war, sondern fest zur deutschen Identität gehört, ob es ihm passt oder nicht.






  

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