Donnerstag, 26. Februar 2015

Der Abnickerverein im Reichstag betreibt Insolvenzverschleppung - einmal mehr

Vorgestern überraschte mich Olav Gutting (CDU) doch ein wenig. Auf meine Anfrage bei Twitter, ob er angesichts seiner wiederholt geäußerten Skepsis gegenüber den Hilfsgeldern für Griechenland denn am Freitag seinen Worten auch Taten folgen lasse und bei der Abstimmung gegen die Bewilligung stimme, antwortete der Abgeordnete tatsächlich mit "so wird es sein".

Es ist erst Donnerstag, und Gutting wäre nicht der erste Politiker, der sein Fähnlein noch kurz vor Toreschluß nach dem Wind ausrichtet und sich dem Fraktionszwang beugt. Vorsicht ist also geboten. Vielleicht hatte er schlicht nicht damit gerechnet, dass ihn jemand beim Wort nimmt. Seine Tweets bleiben in der Regel unkommentiert. 

Es ist auch denkbar, dass die Unionsfraktion Abweichler bewusst animiert. Merkel und Schäuble wissen um die Skepsis in der Bevölkerung. Eine allzu große Einstimmigkeit käme nicht gut an. Das Kalkül könnte also vorsehen, eine Anzahl an "Querköpfen" zu instruieren, gegen die Hilfen zu stimmen und ihr Rebellentum entsprechend medial in Szene zu setzen. 

Auf diese Weise könnte man die Pakete ungefährdet durchbringen, gleichzeitig das Profil einer heterogenen "Partei der Köpfe" kultivieren, die erst nach zähem Ringen und schwierigen Verhandlungen eine Entscheidung herbeiführt. Dem Image eines Abnickervereins, das der CDU zunehmend zu schaffen macht, könnte man so entgegentreten. Zynisch zwar, aber wirksam.

Unabhängig von solchen Überlegungen scheint den neuerlichen "Hilfsprogrammen für Griechenland", also der Bankenrettung durch europäische Steuerzahler, nichts mehr im Wege zu stehen. Die Duckmäuser von der Union sind immer mit von der Partie, die "Genossen" lieben das Kapital mittlerweile ebenso ungeniert. 

Neu ist die Zustimmung der Linkspartei, die sich zwischen Kritik am Rettungskonzept und  Solidarität mit Syriza entscheiden musste. Sie opferte schließlich die Kritik. Man hatte Tsipras zu offen unerstützt. Würde die Linke ihn jetzt schon fallen lassen, stünde sie schlecht da.

Die Entwicklung jedenfalls ist für alle schlecht. Das griechische Volk leidet weiter. Europäische Steuerzahler alimentieren deutsche und französische Großbanken. Syriza wird seine vagen Ankündigungen allenfalls zaghaft durchsetzen. Die Schulden werden steigen, die griechische Wirtschaft nicht wachsen, im Juni das gleiche Spiel von vorn beginnen. 

Am Freitag wird sich ein Großteil der Abgeordneten des deutschen Bundestages erneut an einer Insolvenzverschleppung epochalen Ausmaßes beteiligen - wider besseren Wissens. Es ist gewählt, um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Statt dessen aber vergrößert es den Schaden um einige Milliarden mehr. Ob ein Fisch namens Olav Gutting diesmal ausnahmsweise gegen den Strom schwimmt, spielt dabei keine Rolle.

Dienstag, 24. Februar 2015

Olav Gutting, MdB (CDU): Aus dem Alltag eines Parteisoldaten

Olav Gutting ist Mitglied des Bundestages. Er vertritt seit dem Jahr 2002 den Wahlkreis Bruchsal-Schwetzingen. Bei der Bundestagswahl 2005 erzielte er ein für den deutschen Südwesten typisches, traumhaftes Wahlergebnis von 48,7%. 



Das ist Gutting. Das Bild prangt auf seiner Webseite www.olav-gutting.de. Sie sehen: Gutting ist ein Kümmerer. Er nimmt sich der Belange der Bevölkerung an. Ist ganz dicht dran. Hört zu. Ist ganz Ohr. Ob alleinerziehende Mutter oder Rentner mit Anglerweste: Gutting "horcht rein", schaut dem Wahlvolk aufs Maul. Mal ist er offiziell und staatstragend, gerne aber auch volkstümlich. Er passt sich an. Das kann er. Kritiker sagen, Gutting sei ein "Fisch".

Olav Gutting hinterfragt Dinge. Vor drei Tagen, am 21. Februar, stellte er sich und seinen Followern bei Twitter folgende Frage:

Eine Antwort erhielt Gutting bislang nicht. Warum sollte er? Die Frage ist wohl rhetorisch gemeint. Zwischen den Zeilen liest man: Schreddern ist okay. Ganz schön pfiffig, dieser Herr Gutting. Auf Nachfrage würde er bestimmt sagen, er wolle eine "Diskussion in Gang bringen". Einfach mal provozieren, "zum Nachdenken anregen". Sprechblasen produzieren. Gutting ist ein Meister darin. 

Ein Beispiel gefällig?


Grinsend, links, MdB (CDU) Olav Gutting. Süffisant, rechts, Ilcham Alijew, Präsident Aserbaidschans. Das „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) adelte ihn im Jahr 2012 mit dem Titel des "korruptesten Mann des Jahres". Alijew manipulierte Wahlen und setzt Familienmitglieder auf die Chefsessel staatlicher Schlüsselindustrien. US-Diplomaten nennen ihn "Mafia Gangsterboss". 

Gut also, dass es Olav Gutting gibt. Wie er berichtet (siehe Tweet), kam "auch das Thema Menschenrechte beim Gespräch mit Präsident Ilcham Alijew zur Sprache". Das wird Alijew eine Lehre sein. Man kann es sich gut vorstellen: Protzige Riesenvilla in Baku, Marmorböden, goldene Bilderrahmen, Herr Alijew umringt von leichten Mädchen, eine Zigarre paffend: "Jetzt mal über Menschenrechte nachdenken. Herr Gutting hat es ja angeregt".

Um seiner Botschaft Nachdruck zu verleihen, knipste der langhaarige CDU-Mann gleich noch ein Selfie von sich und dem ehrwürdigen Präsidenten. Stimmung: locker, fast ausgelassen. Auch diese Rolle beherrscht der agile Politprofi.



Was macht man nicht alles als heimatverbundener Parteisoldat? Man bindet sich einen "modischen" Schal um, "talkt" bei "Jüttners zuhause",




freut sich über volle Turnhallen und auf Auftritte des Einpeitschers und CDU-Generalsekretärs Peter Tauber,






besucht regionale Unternehmen, tut interessiert, versteht nichts, 

 
und - Achtung, Schlüsselqualifikation - teilt gegen europäische Nachbarn aus, die wieder mal irgendwelche Regeln nicht einhalten. Als hätte Deutschland nie gegen EU-Regeln verstoßen. Als braver Schäuble-Jünger kennt Olav Gutting die CDU-interne Bedeutung der "schwarzen Null" natürlich nur allzu gut. 

Deutschlands Verantwortung in der Eurokrise würde Gutting freilich nicht anerkennen. Hauptsache, der "deutsche Staat" schafft einen "Milliardenüberschuss". Für Gutting scheint nicht nur Elektrolyse "kompliziertes Zeug" zu sein. Auch das Einmaleins der Volkswirtschaftslehre überfordert ihn.  

Ein Seitenhieb gegen unfähige Südeuropäer gehört bei CDU-Mitläufern zum guten Ton. Auch Gutting ist da keine Ausnahme. Natürlich wird er auch das nächste Hilfspaket im Bundestag bewilligen. Der Fraktionszwang will es so, und auf Nachfrage stünde sicher auch der feminine Jurist Gutting mit der locker sitzenden Haarpracht "voll dahinter".  Laut bellen, dann einknicken: Was Markus Söder kann, kann Olav Gutting schon lange.



Ich gebe gerne zu: Der "Fisch" Gutting entgleitet mir. Ich bekomme ihn nicht zu fassen. Er ist glatt, gewandt, auf jedem Parkett bewegt er sich mühelos, als wäre es sein natürliches Habitat. Er verkleidet sich beim Fasching, stimmt bei schwierigen Entscheidungen immer "richtig" ab und "talkt" mit einflussreichen badischen Großbürgern bei Hefeweizen und Kalbsschnitzel. 

Der Mann ist ein Parteisoldat mit Zukunft. 












Montag, 23. Februar 2015

Der Jubeljournalismus der F.A.Z. Heute: Sebastian Balzter

Die F.A.Z. jubelt gerne. Sie liebt unsere Wirtschaftspolitik, sie verehrt unsere Kanzlerin und sie rollt - via Klaus-Dieter Frankenberger - den USA und TTIP den roten Teppich aus. Jubelperser wie Patrick Bernau verdrehen und mißinterpretieren Studien so lange, bis sie ins eigene Weltbild passen. Dann singen sie aus voller Kehle die offizielle Hymne des F.A.Z.-Wirtschaftsressorts. Der Refrain dieser Hymne geht so: "Uns geht es in Deutschland sehr sehr gut und immer besser." 

Liest man Artikel dieses Presseorgans, so wähnt man sich im Barock-Zeitalter, als Leibniz proklamierte, man lebe in der "besten aller Welten". Leibniz optimierte eine Grundtechnik, die jeder ideologische Jubelperser beherrschen sollte: Er war ein Meister darin, Fakten zu ignorieren. Ebenso meisterhaft ignoriert die F.A.Z. augenscheinliche Fakten, die den Zustand der deutschen Wirtschaft betreffen. 

Sebastian Balzter, Jahrgang 1978, ist einer der Lehrlinge, die das Handwerk des neoliberalen Hurra-Journalismus mit großem Eifer erlernt haben. Die Erkenntnisse des neuesten Armutsberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wischt Balzter kurz beiseite. Dieser sprach von einer nie dagewesenen Armut in Deutschland, Rekord, Höchststand. Kann doch nicht sein, denkt Sebastian Balzter und macht einen "statistischen Trick" als Grundlage des Berichts aus.

Passioniert singt Balzter gleich anfangs den F.A.Z.-Refrain: "Nie gab es in Deutschland so viele Erwerbstätige wie heute. Die Löhne steigen dank üppiger Tarifabschlüsse auf breiter Front. Die Unternehmen können sich das leisten, weil sie blendende Geschäfte machen. Der private Konsum kennt kaum noch Grenzen. Trotzdem behauptet der Bericht: 'Es gibt keinen Zweifel: Die Armut in Deutschland ist auf Rekordhoch.'“

Diese Kollision von Einbildung und Realität ist bezeichnend für die Berichterstattung der F.A.Z. Das passiert, wenn Redakteur Balzter seine "Fakten" von Redakteur Bernau bezieht. Tja, wie kann das sein, dass die eigene heile Welt von dem abweicht, was der Paritätische Wohlfahrtsverband nüchtern konstatiert? Selbstkritik ist nicht die Stärke der Frankfurter Wirtschaftsredaktion. Es muss also an "den anderen" liegen. Eine Erklärung ist schnell gefunden:

"Ein statistischer Trick macht es möglich, dass die Armut auf dem Papier zunimmt, obwohl sich die Lebensverhältnisse in Wirklichkeit seit Jahren günstig entwickeln. Denn als arm gilt für den Armutsbericht per Definition, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat. In Deutschland lag die auf diese Weise festgelegte Armutsgrenze für ein Ehepaar mit zwei Kindern im Jahr 2013 beispielsweise bei 1873 Euro im Monat. Ob das noch genug oder schon zu wenig ist für ein menschenwürdiges Leben, hängt von vielen Faktoren ab – vor allem von der je nach Wohnort unterschiedliche Höhe der Miete. Sicher dürfte aber sein, dass sich nicht jede vierköpfige Familie als arm bezeichnet, die mit 1873 Euro im Monat auskommt."

Sebastian Balzter ist vermutlich Gutverdiener und Single. Nur so lässt sich eine Aussage wie die erklären, dass sich nicht jede vierköpfige Familie als arm bezeichne, die mit 1873 Euro im Monat leben muss. Doch auch als gutverdienender Single-Journalist sollte man zumindest versuchen, einen Bezug zur Realität herzustellen. Balzter gelingt das nicht. 

Schlimmer ist jedoch seine Unkenntnis der Faktenlage. Doch was soll ich groß erklären. Lassen wir doch Foristen bei faz.net zu Wort kommen, die sich dieses abstrusen Machwerks bereits angenommen haben:

Andreas Maier: Verwegen -  Armut nun einen Einkommensunterschied zu nennen ist auch irgendwie verwegen. Klar, im Verhältnis zu Rumänien etc. ist die Armut bei uns Luxus ... nur mit einigen Hundert Euros im Monat auskommen, kann in Deutschland sehr hart sein. Warum ist der Aufschrei über den Mindestlohn so groß, wenn doch die Löhne so "üppig steigen" ? Wohlgemerkt 8 Euro die Stunde ! Wenn überhaupt, dann gilt das für Beschäftigung in einem Tarifbereich ... wissen Sie wie viele Bereiche gar nicht mehr in einem Tarif sind ? ---- Warum ist Deutschland inzwischen der Schlachthof Europas ? Nicht weil bei uns so gern Fleisch gegessen wird, sonder weil dort Menschen für einige Euros die Stunde arbeiten ... Werkverträge machen dies möglich. --- Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor Europas ... und Niedriglohn bedeutet, dass man z.B. nach Stück bezahlt wird, wie der Paketbote oder das Zimmermädchen ... wo man dann real auf 3 Euro die Stunde kommt. --- Sorry Herr Balzter, da fehlt mir das Realitätsbewußtsein. 

Anton Wolter: Und schon wieder -  Die Löhne steigen(Rekordgehälter), der private Konsum kennt kaum noch Grenzen(Deutscher Konsumrausch). Ein Artikel dessen Aussage auf dieser Grundlage aufbaut dient nur der Kampagne. Sehen Sie sich die realen Einzelhandelsumsätze an, sehen Sie sich die realen Lohnsteigerungen an, der letzten ZWANZIG JAHRE.Da ist eine Gerade flach wie ein Brett, das stört hier aber niemanden der etwas schreiben darf. Warum? 

Eckbert Reinhardt: Wer so argumentiert wie der Artikel hat eindeutige Absichten! -  Und das ist nicht Aufklärung! Eine seriöse Statistik ermittelt den Median, und nicht banal den Mittelwert von allen Einkommen. Also ist das Argument, das Durchschnitteinkommen wäre zu hoch berechnet, wegen der Einbeziehung von Millionären oder ähnliches Quatsch! Die 12 Millionen Menschen, die nicht von ihrer Arbeit leben können gehen nicht zum Spaß zusätzlich zu ihrer Arbeit auch noch zum Jobcenter und beantragen Aufstockung, oder zum Sozialamt und beantragen Wohngeld, Grundsicherung oder Hilfe zum Lebensunterhalt - sondern weil in Deutschland mittlerweile Millionen Menschen leben, die nicht mehr klar kommen, trotz Arbeit, trotz Rente. Und wer das mit einer falschen Erklärung von der Funktionsweise von Statistiken versucht wegzuargumentieren handelt unredlich und hat etwas ganz anderes im Sinne - der blöden Masse zu erklären, "uns geht es doch gut!" - Und das stimmt eben nicht mehr für viele! 

Erhard Koch:  Ein Bericht von einem anderen Planeten .Definitionen und Statistiken sind das Eine, die Realität das Andere. Was die monetäre Armut angeht, so dürfte dieser Artikel ein Schlag ins Gesicht alll derjenigen zu sein, die die eigentlichen Leistungsträger eines Volkes sind und somit die eigentlichen Grundlagen einer Gesellschaft legen: Nämlich die Familien. Warum werden Mütter nich auf Händen getragen und deren Lebensabend vergoldet? Die Allermeisten von ihnen werden mit erbärmlichen Renten abgespeist. So manche Rentner kommen finanziell nicht mehr klar. Tendenz steigend. Kinder sind im Stellenwert in einer der untersten Kategorien eingeordnet. Kindergärten, Schulen und Bildungssystem sind in fragwürdige Zustand. Die meisten Eltern sind auf zwei Einkommen angewiesen und sind dadurch genötigt, ihre Kinder in Verwahranstalten abzuliefern anstatt den Kindern die notwendige Ruhe und Nestwärme bieten zu können. Diese sind Voraussetzung für in sich ruhende und innerlich starke Kinder. Zur monetären Armut tritt somit noch die geistige Armut und immer größere Bildungsferne dieses Volkes hinzu... 

Peter Myer: Falsch!  man muß kein linker umverteiler sein um zu sehen, die armut nimmt natürlich zu, die vermögenpreise steigen auf breiter front - damit u.a. mieten. die mär, wir hätten kaum inflation ist so hanebüchen wie falsch. die lebenshaltungskosten sind massiv gestiegen - die löhne haben damit nicht schritt gehalten, der wohlstand geht massiv zurück. im übrigen auch das eine folge des euros und der damit einhergehenden schuldenunion.. die sozialdividende eine rstarken hartwährung wurde von der politik mutwillig zerstört. richtig lustig wird es erst, wenn die ganze altersvorsorge sich auflöst . auch hier sage ich "danke" zu den verantwortlihcen politikern und ihren ezbhelfern. 

Klaus Bering: Ich nehme den Autor gern auf eine Rundreise in Deutschland ...  ... durch die Suppenküchen mit.


Diese Leserkommentare sind zwar selektiv ausgewählt, geben jedoch den überwältigenden Grundtenor wieder, der von mehr als 80% der Kommentare geteilt wird. Bezeichnend ist, dass es hier nicht um Meinungsverschiedenheiten in der einen oder anderen Sachfrage geht. Auch die gibt es, vor allem zur Unterscheidung von Durchschnitt, arithmetischem Mittel und Median. Diese Dinge verblassen jedoch angesichts der Empörung und der Ungläubigkeit, die diese Art von Tendenz-Journalismus bei vielen Lesern zurücklässt.

Die Leser fühlen sich veräppelt. Glaubt Balzter, die Leser merkten nicht, wie tendenziös sein Artikel ist? Wie unzweideutig er die Fakten, die nicht in sein Weltbild passen, passend machen will? Es ist diese Art des Tendenzjournalismus, der die allgemeine Politikverdrossenheit um eine Presseverdrossenheit bereichert. Wohl gemerkt: Balzter agiert hier im Kleid des objektiven Journalisten. Er bemüht statistische Erklärungen, um seinen Standpunkt zu untermauern. Er verdreht Fakten und Tatsachen: Das kann niemand mehr objektiven Journalismus nennen!

Balzter könnte auch einfach schreiben, dass er persönlich nichts vom Paritätischen Wohlfahrtsverband hält. Oder dass er es so tragisch nicht findet, dass ein paar mehr Menschen arm sind. Er könnte aufrichtig die Ansicht vertreten, es sei in Ordnung, dass die Gesellschaft hierarisch organisiert ist und sich dies auch in den Einkommen niederschlägt. Doch das tut er nicht. Stattdessen unterstellt er dem Verband, er trickse mit Statistiken, um seine Wahrheit an den Mann zu bringen.

Das ist das Perfide an Balzters Berichterstattung. Sie ist unredlich, unseriös und folgt einem hässlichen Trend, den man bei der F.A.Z. offenbar (siehe Bernau) gezielt verfolgt. Angesichts dieser Entwicklungen darf man sich eigentlich nicht wundern, dass sich in der Bevölkerung der Eindruck verstärkt, man habe es mit einer "gesteuerten" oder gar, in Teilen,  mit einer "Lügenpresse" zu tun.

Wundern muss einen eher die Empörung über diesen Begriff, die die etablierten Medien (wie die F.A.Z.) wie eine Monstranz vor sich hertragen. Schnell macht man den Pegida-Pöbel verantwortlich, schiebt derlei Gebaren auf "bildungsferne Schichten" und diagnostiziert "diffuse Ängste". So macht man sich es in den Redaktionsstuben einfach. Doch das Misstrauen in etablierte Presseorgane ist viel weiter verbreitet. Davon zeugen Leserkommentare, Blogs und ein Dschungel an alternativen Medien, deren Popularität rasant wächst.

Leider scheint es so, als entwickelte sich die F.A.Z. zum Werkzeug einer Ideologie. Die Artikel von Patrick Bernau und Sebastian Balzter lassen wenig Gutes hoffen. Im Zeitalter der Transparenz, der Foren, Kommentare und Blogs wird es für sie jedoch immer schwerer, ihre als Nachrichten deklarierten Pamphlete unkommentiert unters Volk zu bringen.









Donnerstag, 19. Februar 2015

Der Neoliberalismus und sein Jubelperser: Patrick Bernau von der F.A.Z.

Der Hurra-Journalist Patrick Bernau von der F.A.Z. jubelt wieder. "Rekord-Gehälter für die Deutschen" krakeelt der Wirtschaftsredakteur halb völkisch, halb siegestrunken in der Überschrift seines neuesten Artikels auf faz.net, in dem er eine angeblich positive Entwicklung der Reallöhne seit dem Jahr 2000 eher beschwört als konstatiert.

"Die Deutschen verdienen immer mehr. Jetzt haben die Arbeitnehmer das alte Hoch zur Jahrtausendwende übertroffen" schwärmt Bernau selig. Mit den "Deutschen" meint der Autor dabei wohl Arbeitnehmer, die in Deutschland arbeiten. Davon sind natürlich nicht alle Deutsche. Bernau differenziert freilich nicht. Sein Mantra, das Markenzeichen jedes Bernau'schen Artikels, lautet unverkennbar: "Den Deutschen geht es so gut wie nie zuvor". 

Damit betätigt sich Patrick Bernau als eines von unzählbaren gut geölten Zahnrädchen, die die neoliberale Propaganda unters Volk bringen. Bernau ist weniger objektiver Journalist als Meinungsmacher. Seine Artikel sind fast immer tendenziös und pädagogisch angehaucht, als wolle er den Lesern Ökonomie schmackhaft machen: Schaut doch, liebe Leser, die Wirtschaft ist etwas ganz Tolles, Ihr müsst es nur erkennen!

Gegen Meinungen im Journalismus ist nichts zu sagen. Problematisch ist nur, wenn man sie nicht kennzeichnet. Bernaus Artikel erscheinen meistens als Meldungen, nicht als Kommentare, sind jedoch überwiegend wirtschafts-, noch überwiegender unternehmerfreundlich. "Seit 2009 konnten sich Arbeitnehmer von Jahr zu Jahr mehr leisten, wenn man Lohnsteigerungen und Preiserhöhungen ins Verhältnis setzt" schreibt Bernau im zweiten Absatz. Beim kritischen Leser regen sich Zweifel: Hatte man nicht erst vor einer Woche eine Meldung gelesen, derzufolge immer weniger Menschen von ihrem Einkommen leben können?

"In den 2000er Jahren hätten schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Deregulierung am Arbeitsmarkt sowie der wachsende Niedriglohnsektor die Entwicklung der Arbeitseinkommen gebremst" zitiert Bernau einen Tarifexperten. Was Bernau nicht erwähnt: Die F.A.Z. und er persönlich begrüßten damals die Arbeitsmarktreformen. Unvergessen bleibt mir ein Auftritt Bernaus im "Presseclub", bei dem er die hohlste Phrase aller Hartz-IV-Apologeten wiederkäute und behauptete, Hartz IV habe "die Menschen doch erstmal wieder in Arbeit gebracht". 

Patrick Bernau ist kein objektiver Journalist. Er schreibt Suggestiv-Artikel, die unter dem Deckmäntelchen seriösen Wirtschaftsjournalismus daherkommen und sich so distanziert und objektiv wie möglich geben. Gerne zitiert er Studien wie im aktuellen Artikel, um sich den Anstrich des Aktenfressers zu geben, der wissenschaftliche Daten "durcharbeitet", um ihre Essenz zu destillieren und dem Leser mitzuteilen. Die Essenz, nach Bernaus Lesart, lautet dann meist: "Uns geht es gut, die deutsche Wirtschaft läuft super, Angela Merkel macht alles richtig."

Die F.A.Z. platziert solche Artikel in schöner Regelmäßigkeit. Patrick Bernau darf sie schreiben. Wenn man sie liest, klingt es so, als mache ihm das großen Spaß. So verbreitet die Zeitung subtil und pseudo-wissenschaftlich ihr Weltbild, das im Grunde unternehmensfreundlich, großbürgerlich und neoliberal ist. Patrick Bernau dient sich dabei als Adlatus an, der an Studien, Expertenmeinungen und Fakten so lange feilt, bis sie in sein "Deutschland ist super!"-Weltbild passen.

Zum Schluss lasse ich einen Leserkommentar für sich sprechen, der auf faz.net unter Bernaus Artikel veröffentlicht wurde: "Reallohnsenkungen! 14 Jahre lang! Und da wird im Artikel nebenan getönt: "Rekordanstieg der Reallöhne". Da kann man leicht Rekorde herbeifabulieren, wenn es vorher 14 Jahr bergab ging!" Dem ist nichts hinzuzufügen.

Mittwoch, 18. Februar 2015

Matthew D.Rose über Griechenland

Matthew D. Rose hat einen erhellenden Beitrag für die Nachdenkseiten geschrieben. Er handelt von der deutschen Hegemonie in Europa, aufkeimendem Nationalismus, Sparpolitik und der Diskrepanz zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung in Deutschland: 

"Was gegenwärtig in Griechenland geschieht ist wahrhaftig eine Revolution, auch wenn die Medien diesen Begriff peinlichst vermeiden. In Griechenland fand ein politischer und sozialer Umsturz statt. Die alte politische Kaste wurde aus dem Amt geworfen und die neue griechische Regierung wird von einer Partei mit einem wahren linken Programm geführt – zum ersten Mal in der Geschichte der EU. Die neue Regierung will nun nicht nur gegen die mächtige Klasse der Oligarchen und ihre politischen Handlangern, sondern auch gegen das aufgezwungene Austeritätsprogramm und die neoliberalistischen Kräfte, die das Land bestimmen, vorgehen. Wir beobachten vor allem auch Revolution gegen die deutsche Hegemonie und Deutschlands reaktionäre Politik gegen linke Parteien in Europa. Auch wenn gerne versucht wird, der Troika, der Euro-Gruppe oder kleineren EU-Staaten die Verantwortung in die Schuhe zu schieben, kann es keinen Zweifel daran geben, dass dies ein frontaler Angriff auf Deutschlands Rolle in Europa ist.
Das wird sicherlich viele Deutsche überraschen, die glauben, dass “wir die Guten sind” und überall Demokratie und Gerechtigkeit fördern. Es gibt aber einen wachsenden Groll in vielen EU-Ländern, die unter den Konsequenzen der deutschen Politik der Austerität leiden; eine Politik, die außerhalb Deutschlands als diskreditiert gilt und als pathologische Besessenheit der Deutschen angesehen wird.

[...]


Der Mythos, dass Griechenland von der EU „gerettet“ wurde,  ist genau das: Ein Mythos. Das meiste Geld kam  nie in Athen an, sondern floss an deutsche und französische Banken, deren Existenz durch ihr Griechenland-Abenteuer bedroht war. Sie wurden gerettet. Das einzige, was die Griechen erhielten, waren neue Schulden.        

[...]
Deutschland will diesen Diskurs jedoch nicht führen. Hier werden die Banken zumindest von der Politik mit Ehrfurcht wahrgenommen und die Regierungspolitik wird zum größten Teil durch die Wirtschaft diktiert. Auf der anderen Seite erheben die Deutschen jedoch auch einen sehr hohen moralischen Anspruch an sich selbst und andere. Doch was hat die politische Klasse Deutschlands getan? Assistiert von den Medien, griff sie auf wohlbekannte Hilfsmitteln zurück: Nationalismus und Rassismus. Es ging nicht mehr um gierige, fahrlässige, lügende, korrupte Banken, sondern gierige, fahrlässige, lügende, korrupte Südeuropäer.

[...]
Tragisch ist, wie erfolgreich diese populistische Strategie in allen Klassen der deutschen Gesellschaft ist. Dass Deutschland der große Profiteur dieser Krise ist, will in Deutschland niemand sehen."


 






Hitchens über Libyen, Mussler über Griechenland und Rath über das Russland des Alexander Dugin

Der Journalist Peter Hitchens, Kolumnist bei der "Mail on Sunday", gibt sein Urteil zur Situation in Libyen ab:

"Of course, we are perfectly right to pursue those who got us into the Iraq war, an action of incalculable stupidity which was much like the opening of Pandora’s Box, except there seems to be no hope lying at the bottom. The consequences of that ill-considered, ignorant and half-witted action will continue to plague the world for decades to come. It may turn out, in the end, to have been the action which finally brings down the proud civilisation which we rebuilt after the Second World War, and hands the remnants over to the Chinese.

But it seems to me to be time for a Chilcot-type inquiry into the Libyan war, likewise sold to us as an urgent and morally good intervention, but which has been disastrous for Libya itself, now a cauldron of murder, fanaticism and gangsterism, and for Europe as a whole, as the Libyan coast, uncontrolled by anyone,  provides a point of departure for an incalculable number of desperate migrants wrongly convinced that a better life awaits them in Europe."

Werner Mussler spricht in der Online-Ausgabe der F.A.Z. aus, was viele denken: Das Selbstmitleid der griechischen Regierung ist unerträglich geworden:

"Noch nie in der über fünfjährigen Geschichte der Dauerhilfe für Athen war in der Eurogruppe der Überdruss am griechischen Selbstmitleid so groß wie jetzt. Und noch nie waren sich die Eurostaaten so einig. Zugegeben: Das Selbstmitleid ist keine Erfindung der neuen Regierung, schon die Vorgängerinnen haben sich in der Opferrolle gefallen. Aber das Verständnis für Athen ist einfach aufgebraucht, und zwar nicht nur aus dem formalen Grund, dass Abmachungen einzuhalten sind."

Der hervorragende Blogger Krzysztof W. Rath beschreibt den Aufstieg des versponnenen russischen Mystikers Alexander Dugin. Als sektiererische Randfigur stieg er im Zuge des Ukraine-Konflikts zum einflussreichen Vordenker einer verschrobenen Ideologie auf, die Wladimir Putin als Grundlage einer geistigen Neuausrichtung Russlands dient:

"Dabei ist Dugin selbst ein Vertreter der Postmoderne, die er so sehr ablehnt. Er dekonstruiert diverse  antiliberale Ideologien des Westens und importiert ihre Fragmente in die russischen Diskurse, in denen er sich bewegt. Allerdings wagt er sich in dieser Dekonstruktion nur bis zur Ebene bestimmter, abstrakter Grundannahmen vor, die er dann als absolute Wahrheiten ausgibt. So schreibt er etwa Nationalstaaten und Kulturen bestimmte essentielle Eigenschaften zu."



Dienstag, 17. Februar 2015

Glenn Greenwald über Libyen: Wie die USA ihren endlosen Krieg nähren

Glenn Greenwald seziert in seinem neuesten Artikel für The Intercept die Ergebnisse der militärischen Intervention in Libyen des Jahres 2011. Hierzulande hörte man lange Zeit nichts mehr über Libyen, bis Nachrichtenagenturen vor einigen Tagen meldeten, die ägyptische Luftwaffe fliege Angriffe auf Stellungen der ISIS in dem nordafrikanischen Staat. ISIS ist in Libyen angekommen und somit so nah wie noch nie an Europa herangerückt. Wie konnte es dazu kommen?

Greenwald zieht Parallelen zur Intervention im Irak 2003. Damals propagierten Journalisten einflussreicher Medien wie der New York Times eine Intervention aus humanitären Gründen. Auch in Libyen dienten humanitäre Beweggründe als Vorwand für ein militärisches Eingreifen. "Leading war advocates such as Anne-Marie Slaughter and Nick Kristof celebrated themselves as humanitarian visionaries and chided war opponents for being blinkered and overly cynical about the virtues of American force."

Was ist aus Libyen seit 2011 geworden? Greenwald lässt daran keinen Zweifel. Seit 2011, so der Journalist, sei Libyen in Windeseile auseinandergefallen, "swamped by militia rule, factional warfare, economic devastation, and complete lawlessness". Die "humanitarians", die damals mit stolz geschwellter Brust aufgetreten seien, verstummten, als die Situation in Libyen sich nach und nach, aber unübersehbar verschlechterte.

Vier Jahre später ist ISIS in das Machtvakuum vorgedrungen, das der Sturz Gaddafis hinterließ. Libyen ist so instabil wie nie zuvor. Es ist auf dem besten Weg, ein failed state zu sein. Das Muster ist hinlänglich bekannt. Greenwald legt den Finger in die Wunde des kriegslüsternen Westens: Libyen sei nur einer in einer ganzen Reihe von Fällen, in denen der Westen (sprich: die USA) einen endlosen Vorrat an Feinden produziert habe. 

Es sei der Irakkrieg gewesen, der zu "Al-Qaida im Irak" und schließlich zu ISIS geführt habe. Es seien die Dronenangriffe auf Zivilisten im Jemen gewesen, die Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel stark gemacht hätten. Hillary Clinton habe selbst zugegeben, dass die USA Al-Qaida erst erschufen, indem sie die afghanischen Mudschaheddin in den Achtziger Jahren im Kampf gegen die Sowjetunion mit Waffen unterstützten. Nun sei es die NATO, die mit ihren unsinnigen Interventionen den fruchtbaren Boden für weitere Kriege bereite.

Auf diese Weise, so Greenwald, entstehe ein Kreislauf, der den USA immer neue Gründe liefert, im Ausland zu intervenieren. Geht die amerikanische Regierung dabei geplant vor oder macht sie immer wieder "aus Versehen" den gleichen Fehler? Wenn schon normale Zeitungsleser diesen Zusammenhang kennen würden, so Greenwald, müssten Mitglieder der amerikanischen Regierung diesen logischerweise ebenso kennen. "Aus Versehen" könne deshalb keine Ausrede sein. Wie lange, so Greenwald, könne eine Regierung nach dem Motto vorgehen: "Na sowas! Unsere Bomben-Strategie tötet immer wieder eine große Anzahl an Zivilisten, aber wir machen trotzdem weiter" und behaupten, es passiere nur 'aus Versehen'?

Was auch immer das genaue Motiv hinter der verfehlten Interventionspolitik ist - Fakt, so Greenwald, sei, dass der amerikanische Militarismus genau jene Kräfte stärke, die er zu bekämpfen vorgebe, und somit den niemals endenden Krieg nähre, den die USA betrieben. Diesen Krieg übrigens betreiben die USA nicht erst seit 2003, sondern seit dem "D-Day" im Sommer 1944.

Humanitäre Gründe seien immer vorgeschoben, führt Greenwald aus. Sie seien die hübsche Verpackung, in der der Öffentlichkeit das Kriegsgeschenk präsentiert werde. Staaten führten nie aus humanitären Gründen Krieg.

Die damalige Bundesregierung - Westerwelle amtierte als Außenminister - enthielt sich in der Libyen-Frage. Befürworter einer Intervention gab es auch hierzulande genug. Meinem Eindruck nach nehmen sie zu, genauso wie Joachim Gaucks Forderungen nach "mehr Verantwortung" (vulgo: mehr Krieg) lauter und mit größerer Frequenz vorgetragen werden.

Ist der Non-Interventionismus der BRD nur ein bröseliges Feigenblatt, hinter dem bald das alte, kriegslüsterne und militaristische deutsche Gemächt hervortritt? Oder steht er auf festen Füßen? Ersteres steht zu befürchten, letzteres zu hoffen. 







Montag, 16. Februar 2015

Der sehr intelligente Journalist Dietmar Dath

"Wiederholungen sind der Fluch der Bilderwelt, spätestens seit man weiß, was eine Spiegelung ist". So beginnt Dietmar Dath seinen Artikel "Alba geht spazieren", der in der Online-Ausgabe der F.A.Z. am 13. Februar erschien. Zwar wissen wir alle, was eine Spiegelung ist. Den zitierten Satz aber versteht nur Dietmar Dath. 

Doch davon sollte man sich nicht beunruhigen lassen. Denn F.A.Z.-Leser wissen schon länger, dass Dietmar Dath nicht schreiben kann. "Ich bin viel intelligenter als Ihr, liebe Leser!" Das ist der Subtext aller Dath'schen Artikel, die oberflächlich von komplizierten kulturwissenschaftlichen, ökonomischen oder Science-Fiction-Themen handeln, tatsächlich aber lediglich das Ejakulat der geistigen Masturbation sind, die Dath gut bezahlt auf Kosten der Frankfurter Allgemeinen betreiben darf. 

"Auf der Berlinale ballen sich die visuellen Echos zwischen Projektionswänden im Lichtspielhaus, sprechenden Wandzeitungen auf dem Vorplatz, Computerschirmen und Smartphones bald zur ausweglosen Visagenpanik: In jedem zweiten Film und jeder dritten Pressekonferenz zeigt sich James Franco, aus jeder Gratiszeitung schaut Cate Blanchett in die weite Ferne, und in der Schlange für die nächste Vorführung stehen schon wieder die zwei breitgesichtigen Unholde, die in irgendeinem gottlosen keltischen Dialekt Meinungen über soeben Gesehenes brüllen, deren Inhalt den Wunsch nach Bezahlschranken für mündliche Kommunikation wachruft": Diesen Satz serviert Dietmar Dath seinen Lesern gleich zu Beginn des ersten Abschnitts. Moment, ich korrigiere: Dieser Satz, bestehend aus 82 Wörtern, ist der erste Abschnitt.

Es gibt Journalisten, die sich um Verständlichkeit bemühen. Es soll gar solche geben, die für die Leser schreiben. Bei dieser Spezies hat sich herumgesprochen, dass ein Satz idealerweise zwischen 9 und 15, nur selten aber über 25 Wörter lang sein sollte. Viel mehr nimmt das Gehirn nicht auf, wissenschaftliche Studien belegen das. Nun spielt niemand gern die Wortpolizei, und auch lange Sätze können schön und verständlich sein. Nicht so bei Dietmar Dath. Sein 82-Wörter-Ungetüm ist nicht elegant, nicht schön und schon gar nicht verständlich.

Denn wenn "visuelle Echos" sich bald  "zur ausweglosen Visagenpanik ballen" weiß wirklich niemand, was Sache ist. Vermutlich weiß das auch Dietmar Dath nicht. Er ist zu intelligent, um sich in die Niederungen sprachlicher Feinheiten zu begeben. Er denkt schneller als er schreibt. Oft denkt er leider auch nur gequirlten Quark. 

"Nach spätestens drei Tagen solcher Tortur denkt man bei jeder Veränderung – das Licht geht an, das Licht geht aus, die Herde setzt sich in Bewegung oder kommt zum Stillstand – nur noch: Bitte nicht schon wieder der, bitte nicht schon wieder die, bitte nicht schon wieder das! Und dann die Rettung: Alba Rohrwacher" hechelt Dath weiter im Takt. Beim Wort "Tortur" allerdings denkt der Leser nicht mehr an die Berlinale, über die Dath übrigens zu schreiben versucht, sondern wirklich nur noch an seinen Text. Was bezweckt Dath zum Beispiel mit dem eingeschobenen Nebensatz "das Licht geht an, das Licht geht aus..."? Er ist sinnlos und verwirrt den Leser. Der folgende innere Monolog - ebenfalls typisch Dath - ist schludrig, wirr und unnötig. 

Dath verliert seine Leser nach spätestens zwei Absätzen, auch das ist typisch. Das liegt an der Satzlänge, der verschwurbelten Sprache, die Intellektualität imitiert, dabei aber nur bemüht ist, sowie an Daths Stilbrüchen, die zu seinen gefürchteten Markenzeichen gehören.

Wir sind im zweiten Absatz von Daths Text, der gerade eben erst begonnen hat. Dath beendet ihn jedoch sogleich mit folgendem Satz-Monstrum: "Am Donnerstagmittag, als das Betrachterhirn kaum noch etwas aufnehmen will, stapft sie durch den Schnee, fasst einen Bock bei den Hörnern, dann steht sie auf einem Berg, dann fährt sie auf einem Schiff, dann redet sie mit einer Gegensprechanlage – immer ist das Spiel dieser Frau kontrolliert, zurückgenommen, dabei von einem Magnetfeld der emotionalen Rollentreue und einer Korona der klaren Darstellung umgeben, die unweigerlich alle Mitspielenden zwei Stufen besser agieren lassen, als sie das sonst tun."

Wissen Sie, was eine "Korona der Darstellung" ist? Nicht? Dann sind Sie nicht so intelligent wie Dietmar Dath. Diese Satzkarawane übrigens schafft Dath diesmal in 76 Wörtern. Soll man ihm zu dieser Verbesserung gratulieren? Nicht, dass er übermütig wird. Achso: Wer Alba Rohrwacher ist, woher sie stammt und was sie tut, wissen wir nicht. Dath informiert seine Leser nicht, das muss man wissen. Er arbeitet sich am Stoff ab. Man wird seinen Artikeln vielleicht gerecht, wenn man sie als Therapiehandlung vor Publikum versteht.

Dietmar Dath kann nicht schreiben, seine Science-Fiction-Bücher gelten in der Szene als stümperhaft. Warum also wird er von der F.A.Z. bezahlt? Vermutlich liegt es daran, dass er eine Nische besetzt. Die "Kulturflanke" der Frankfurter Allgemeinen, nicht erst seit Schirrmacher, funktionert über die maximale Vernebelung. Es gibt das Klientel, das solche Texte lesen will. Es liest einen Text, den es nicht versteht, fühlt sich danach aber "gebildet". Grotesk, aber möglich. 

Vielleicht ist Dath aber auch einfach ein blinder Passagier. Mal angeheuert, geistert er wie ein Geduldeter durch die Redaktionsstuben der Hellershofer Straße in Frankfurt. Den Vertrag will man nicht kündigen, man ist ja kein Unmensch. Zwar sieht man etwas beschämt, was der aufs Kulturgleis gesetzte "Kommunist" Dath wieder fabriziert hat, direkte Kritik verbietet sich aber. Denn vielleicht, so die Redaktion, ist man ja einfach nicht intelligent genug, nicht so schlau wie der tolle Dietmar Dath, der diesen Mythos irgendwann begründet hat und ihn täglich mit neuer Verschwurbelungsmasse neu entfacht.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Kruder Konformismus in Vorschuldeutsch: Mourlanes "Resilienz"

Denis Mourlane: Resilienz. Business Village Verlag (2014), 228 Seiten.

Die erste Kritik richtet sich an den Verlag "Business Village", bei dem "Resilienz" veröffentlicht wurde. Offensichtlich beschäftigt dieser Verlag keine Lektoren. Das Buch von Dr.Mourlane wimmelt von Kommafehlern, ist grammatikalisch - gelinde gesagt - holprig und stilistisch eine Zumutung. Schachtelsätze winden sich über mehrere Zeilen, Rechtschreibfehler finden sich auf jeder Seite. Als Leser kann man kaum glauben, das Buch eines promovierten Diplom-Psychologen in der Hand zu halten. Mourlane schreibt leider nicht geistreich und anregend. Das kann man ihm nicht vorwerfen. Schlampigkeit aber schon.

Kostproben für Mourlanes Stil bieten folgende Sätze:

* S.35: "Der Unterschied ist gewaltig und kann auch ein gravierender sein."
* S.56: "Wie bei keinem anderen Resilienzfaktor ist also beim Optimismus Vorsicht geboten und dies hat zwei Gründe."
* S.92: "...sich bewusst machen, wie wir als Menschen funktionieren, unsere Thinking Styles mal genauer unter die Lupe zu nehmen, und zu schauen, wo uns diese unterstützen..."

Schauderliche Alltagsformulierungen wie "massivst" (sic!) oder "in keinster Weise" finden leider auch Einzug in den Text von Dr. Mourlane, was jedem Leser, dem die deutsche Sprache am Herzen liegt, Bauchschmerzen bereiten muss.

Wenn Mourlane jemanden zitiert heißt es stets, dieser habe sich "eindrucksvoll ausgedrückt" oder aber "er drückte dies wunderbar aus." Anglizismen gibt es wie Sand am Meer. Die Mühe, Konzepte und Ideen der Resilienzforschung zu übersetzen, macht sich Mourlane nicht. Der Leser stolpert also über "Thinking Styles" (Großschreibung von Mourlane übernommen), wird aufgefordert, seinen "Influenceradar" anzuschalten und Probleme - ganz dem Zeitgeist entsprechend - nach dem Prinzip "love it, change it or leave it" anzugehen. Faktische Fehler gibt es leider auch. So wird Barack Obamas Sieg bei den Präsidentschaftswahlen aufs Jahr 2007 datiert (die Wahl war 2008). Das ist nicht wichtig für den Inhalt des Buches, zeigt aber wie schlampig der Autor arbeitet. Mit einem kurzen Faktencheck bei Wikipedia hätte er diesen Fehler vermeiden können.

Problematisch habe ich die nicht ganz subtile Werbung für eine amerikanische Unternehmensberatung empfunden, mit der Mourlane seit Jahren kooperiert. Diese wird im Laufe des Textes mehrfach erwähnt, wobei der Zusammenhang zum Thema Resilienz hier und da etwas konstruiert wirkt.

Ein weiteres Problem sehe ich in der unternehmensfreundlichen Haltung des Autors. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass das Buch weniger als populärwissenschaftliches Sachbuch, sonder vielmehr als Leitfaden für ein Business-Seminar konzpiert wurde. Effektiver sein, besser mit Stress umgehen können, funktionieren: Das scheinen mir die Leitfragen des Buches zu sein. Ein sehr enger Blickwinkel.

Inhaltlich ist das Buch enttäuschend. Leser, die wenig Zeit für Bücher haben und sich noch nie mit Psychologie beschäftigt haben, erhalten möglicherweise neue Impulse. Alle anderen nicht. Allgemeinplätze wie die Weisheit, dass nicht die Dinge an sich ausschlaggebend sind, sondern unsere Sicht auf die Dinge, etikettiert Mourlane als neue Erkenntnis und wälzt dies auf mehreren Seiten aus. Der sperrige Begriff "Resilienzfaktor Kausalanalyse" entpuppt sich bei aufmerksamer Lektüre als verklausulierte Beschreibung der Binsenweisheit, dass man zunächst den Grund für schlechte Gefühle herausfinden muss, bevor man sie ändern kann. Menschliche Grundbedürfnisse etikettiert Mourlane als "5needs". Grundbedürfnisse mit Copyright-Zeichen versehen - das kennt man sonst nur von amerikanischen Self-Help-Scharlatanen.

Ich habe das Buch als anbiedernd empfunden. Zum einen beim sogenannten "Durschnittsbürger." Das macht Mourlane durch Beispiele aus der Sportwelt, meist aus dem Fußball. So wird Thomas Müller vom FC Bayern wird als Musterbeispiel eines resilienten Menschen vorgestellt. An anderer Stelle wird Zinedine Zidane zitiert. Ein Abschlusskapitel über den Gott der Business-Community, Steve Jobs, darf auch nicht fehlen.

Zum Schluss will ich noch anmerken, dass mich die überaus positiven Rezensionen bei Amazon zu diesem Buch stutzig machen. Ich finde die Rezensionen hier sehr verlässlich und lese selbst meist die 1- oder 2-Stern-Rezensionen, um einen ausgewogenen Eindruck von einem Buch zu erhalten. Bei diesem Buch war das nicht der Fall. Auf Denis Mourlanes Facebook-Profil habe ich gesehen, dass Dr. Mourlane Fans und Leser, die sein Buch (sei es auch nur mit einem Satz) positiv kommentieren dazu auffordert, eine Rezension bei Amazon zu verfassen.

Ich unterstelle keineswegs, dass die Rezensionen manipuliert sind. Ich erachte dieses Vorgehen eines Diplompsychologen jedoch als - vorsichtig ausgedrückt - zweifelhaft. Als Schwabe würde ich sagen, dass es ein Gschmäckle hat. Es bestätigt nach der Lektüre des Buches aber auch meinen Eindruck von einem sehr geschäftstüchtigen Autor. Eine klare Trennung von populärwissenschaftlichem Dienst am Leser und eigenem Profitstreben würde einen seriöseren Eindruck machen.

Ein virtuoser Dampfplauderer schießt über's Ziel hinaus: Köhlmeiers "Die Abenteuer des Joel Spazierer"

Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer, Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juli 2014), 656 Seiten.

In Köhlmeiers Buch begegnet der Leser einem nur selten glaubwürdigen Protagonisten. "Joel Spazierer" ist dabei nur eine von vielen Identitäten, die dieser im Laufe des über 600-seitigen Romans annimmt. "Abenteuer" erlebt Spazierer tatsächlich einige. Bei der Flucht aus dem kommunistischen Ungarn nach Österreich, als Ausreißerkind auf der Reise von Oostende nach Wien oder in einer Gefängniszelle mit multikultureller Besetzung: Über zu wenig Handlung kann man sich in diesem Buch sicher nicht beschweren. Dass viele Erzählungen dabei nur Anekdoten sind und nur schwer in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang passen wollen, stört meistens nicht, da sich Michael Köhlmeier über weite Strecken als begnadeter, fantasievoller Dampfplauderer herausstellt, dessen Fähigkeit Details zu beobachten und zu beschreiben geradezu unheimlich ist.

Leider vertrödelt Köhlmeier das Buch streckenweise mit abstrusen Abhandlungen über Theologie und Philosophie. Diese sind zwar natürlich meistens schrulligen Nebenfiguren in den Mund gelegt; die Redundanz dieser Exkurse nervt den Leser irgendwann aber empfindlich. Ebenso wirkt die ständig breitgetretene Sprachbegabung Joel Spazierers irgendwann einfach wie eine Profilneurose des Autors, die er durch die Hintertür seiner Hauptfigur auslebt.

Spazierer geht indifferent durch die Welt, lässt alles passieren, wertet nicht, ist nie wütend, aber auch nie wirklich glücklich. Er ist eine Neuauflage von Forrest Gump, nicht böse, aber eben doch amoralisch und unbedarft genug, um Morde zu begehen, zu stehlen, seine Kinder im Stich zu lassen und seine Frau zu betrügen. Joel Spazierer ist ein vollendeter Opportunist ohne Skrupel, aber auch ohne wirklich böse Absichten. So abstrus viele Anekdoten auch sind, so muss man Köhlmeier lassen, dass er diese Figur konsequent gezeichnet hat. Spazierer hat genau so viel Persönlichkeit, um einigermaßen glaubwürdig zu sein und genau so wenig, um als Projektionsfläche des Lesers zu dienen.

Nach 400 Seiten hat Köhlmeier sein Pulver verschossen. Die letzten 250 Seiten sind ideenlos und uninspiriert. Das Kapitel über Spazierers seltsame DDR-Karriere, die er unter dem skurrilen Pseudonym Ernst-Thälmann Koch (als angeblicher Enkel Ernst Thälmanns) hinlegt, ist aufgesetzt und übertrieben. Völlig verworren ist auch die immer wieder eingestreute Episode über Janna, die Tochter der Frau, die Spazierer als junger Mann erschoss, mit der der Roman endet.

Fazit: Ein großer, oder gar "ungeheurer Wurf", wie ein "Zeit"-Redakteur fantasierte, ist das Buch sicher nicht. Es ist eine Sammlung von geistreichen, oft verschrobenen Anekdoten über einen unglaubwürdigen Protagonisten. Obwohl das Buch entschieden zu lang ist, manchmal nervt und um mindestens 3 Handlungsorte hätte entschlackt werden müssen, gebe ich ihm drei Sterne. Köhlmeiers Erzähltalent erzeugt oft genug einen Sog, ist manchmal erstaunend, manchmal grandios und überraschte mich immer wieder mit interessanten Sichtweisen und sprachlichen Manövern, die Spaß machen und den Horizont erweitern.

Ist die Ukraine verloren?

Wie die F.A.Z. in ihrer Online-Ausgabe berichtet, steht das Gipfeltreffen kurz vor dem Scheitern, das in Minsk auf eine Waffenruhe zwischen den pro-russischen Rebellen und der ukrainischen Armee hinwirken sollte: "Die prorussischen Separatistenführer Alexander Sachartschenko und Igor Plotnizki hätten die Unterschrift eines Abschlussdokuments des Krisengipfels in der weißrussischen Hauptstadt Minsk verweigert, meldete die Staatsagentur Tass am Donnerstagmorgen."

Im Artikel wird außerdem der betont pessimistische ukrainische Staatspräsident Poroschenko mit den Worten zitiert, er könne keine guten Nachrichten verkünden, außerdem stelle Russland inakzeptable Bedingungen. Damit bestätigt sich der Eindruck, der von Beginn der Krise an bestand und sich während der letzten Monate immer weiter erhärtete: Russland ist an keiner friedlichen Lösung des Konflikts interessiert.

Schon der Auftritt Sergej Lawrows, des Außenministers der russischen Föderation, auf der Münchner Sicherheitskonferenz musste die Hoffnung auf einen Erfolg der momentan stattfindenden Gespräche erheblich schmälern. Er zeigte, wie sehr die russische Regierung Opfer ihrer eigenen pathologischen Ideologie geworden und wie wenig empfänglich sie für Kompromisse ist.

Die Ironie dieser unerbittlichen Härte besteht in einem Teilsieg, vielleicht einem Pyrrhus-Sieg Russlands, der sich jetzt deutlich abzeichnet. Weder die USA unter Obama noch die EU unter Merkel sind bereit, für die Ukraine in den Krieg zu ziehen und den wieder aufgebrandeten kalten in einen heißen Krieg zu verwandeln. Diese geopolitische Tatsache ist gleichzeitig die historische Tragödie des ukrainischen Volkes, die sich im Jahr 2015 wiederholt. 

Sowohl für die russische Föderation (respektive die Sowjetunion) als auch für Deutschland als Führungsmacht der EU (respektive das deutsche Kaiserreich und das nationalsozialistische Deutschland) war das Gebiet der heutigen (noch) unabhängigen Ukraine immer eine um ihre natürlichen Ressourcen begehrenswerte Einflusssphäre. Für die Sowjets diente es als Kornkammer, die deutschen sahen es als östlichen Ausläufer eines von Deutschland dominierten Mitteleuropa (Friedrich Naumann schrieb 1915 sogar ein Buch mit genau diesem Titel, der ein Mitteleuropa unter deutscher Hegemonie skizzierte, das der heutigen EU verblüffend ähnelt).

Die Ukraine als Parvenu im europäischen Staatenkonzert (sie ist erst 24 Jahre alt) ist den Europäern jedenfalls keinen Krieg wert. Putin wusste das immer und nutzte es schamlos aus. Er hat hoch gepokert und wird wohl gewinnen. Er hat Fakten geschaffen und darauf vertraut, dass keine europäische Regierung ihren Wählern schmackhaft würde machen können, dass europäische Soldaten 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder in den Osten marschieren sollten. 

Das bemerkenswert emsige und ehrenwerte Bestreben Merkels und Steinmeiers, auf dem Verhandlungsweg erfolgreich zu sein, ist auch diesem Wissen geschuldet. Beiden ist klar, dass es nicht zum Krieg kommen darf: Deshalb muss die Diplomatie gewinnen. Sie wird aber verlieren. Merkel und Hollande sind dafür nicht verantwortlich. Ein Sieg der Diplomatie kam für Putin nie in Frage. Die Verhandlungen sind für ihn nichts als ein Feigenblatt, mit dem er seine brutalen realpolitischen Absichten leidlich verdeckt.  

Putin zahlt einen hohen Preis für sein Spiel. Der Preis besteht im Einbruch der russischen Wirtschaft, in Kapitalflucht und Armut. Ganz zu schweigen davon, dass er auf unabsehbare Zeit das Vertrauen in ihn und in die russische Diplomatie zerstört hat. Vor allem aber hat er durch sein Vorgehen bei einem großen Teil des ukrainischen Volkes die Sehnsucht zementiert, zu Europa zu gehören und Russland mit seiner mehrheitlich reaktionären, homophoben und gleichgeschalteten Gesellschaft für immer den Rücken zuzukehren. 



  

Mittwoch, 11. Februar 2015

Tsipras: Elitärer Wolf im sozialistischen Schafspelz

Auf der World Socialist Website (wsws.org) veröffentlichte Peter Schwarz vor einigen Tagen einen Artikel, der anschaulich bestätigt, was ich gestern geschrieben habe: Dass Alexis Tsipras und seine Syriza eine Mogelpackung sind. Schwarz titelt treffend: "Syrizas Unterwerfung unter die EU".

Tsipras enttäuscht vor allem die Linke. Es war vorhersehbar, dass die überwiegend konservative deutsche Presse ihn als linkes Schreckgespenst überzeichnen würde, und es überraschte niemanden, als es genau so kam. Dabei ist Tsipras das Gegenteil eines echten Sozialrevolutionärs. Syriza, so Schwarz, spreche für Teile der wohlhabenden Mittelschichten und des Bürgertums, die die enorme Vermögenskonzentration an der Spitze der Gesellschaft ablehnten. In Griechenland sei dabei lediglich ein internationales Phänomen zu beobachten, das dort besonders ausgeprägt sei. 600 Multimillionäre und ein knappes Dutzend Familien beherrschten das Land.

Was will Syriza erreichen? Eine echte Umverteilung zugunsten der sozial Benachteiligten keineswegs, so Schwarz:  "Sie will den Kapitalismus und die Europäische Union in einer Weise reformieren, die den von ihr vertretenen Mittelschichten den Zugang zu den Fleischtöpfen der Macht ebnet und den Reichtum unter den oberen zehn Prozent der Gesellschaft 'gerechter' verteilt. Syriza hat nur an die Unzufriedenheit breiterer Gesellschaftsschichten appelliert, um die erforderlichen Wählerstimmen zu erhalten. An der Macht tritt sie der Arbeiterklasse mit derselben Feindschaft entgegen, wie ihre Vorgängerregierungen."

Schwarz zeigt eine Parallele auf zum Amtsantritt Barack Obamas vor 6 Jahren. Auch der Hawaiianer sicherte sich seinen Wahlerfolg mit dem Versprechen, kostspielige Kriege beenden und für mehr Gerechtigkeit sorgen zu wollen. Sechs Jahre später ist sein Retter-Image restlos verbraucht, seine Wähler desillusioniert. Schnell, wenn auch nicht so schnell wie seine griechischen Pendants, entpuppte sich Obama als bereitwilliger Vollstrecker der routinierten Anweisungen, die ihm Wall Street, Militär und der aufgeblähte Sicherheitsapparat diktierten. Nur die verwässerte Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung könnte Obamas Eintrag in den Geschichtsbüchern aufwerten.

Tsipras führt keinen Totentanz auf. Er schauspielert. Er will in der Eurozone bleiben, aber zu den günstigsten Konditionen für die griechische Oberschicht. Er unterscheidet sich von seinen Vorgängern nur dadurch, dass er lauter redet und keine Krawatten trägt. Alter Wein in neuen Schläuchen. Für das griechische Volk ist das bitter. Es dachte, das Establishment entmachtet zu haben und wählte stattdessen seinen gewieftesten Azubi. 

 

















Dienstag, 10. Februar 2015

Tsipras, die Mogelpackung

Die griechische Linke hat sich diskreditiert. Nachdem sie mit großen Hoffnungen gestartet war, hat sie die Zeit nach ihrem Regierungsantritt dazu genutzt, den Vertrauensvorschuss zu verspielen, den ihr viele europäische Bürger gerne gewährt hatten.

Denn das Europa der sparwütigen preußischen Pickelhauben bräuchte nichts dringender als eine starke Linke. Eine Linke, die dem Wahnsinn des staatlich geförderten Bankenrettungsprogramms ein Ende bereitet. Eine Linke, die Investitionen in die Realwirtschaft massiv fördert. Eine Linke, die sich gegen die häßliche deutsche Fratze wendet, die Europa nach bald 70 Friedensjahren wieder in ihren stiernackigen, dumpfen Dunstkreis zieht.
  
Tsipras und Varoufakis sind keine Repräsentaten einer solchen Linken. Zuerst koalierten sie mit Rechtsradikalen. Dann warfen sie die Troika in einem symbolischen Akt aus dem Land - inhaltlich zwar richtig, doch in seiner überheblichen Theatralik unerträglich. Schließlich forderten sie Reparationszahlungen in Höhe von elf Milliarden Euro vom deutschen Staat - "Besatzungskosten" sozusagen.

Diese Forderung ist besonders verwerflich. Zeigt sie doch, wie wenig es der Regierung um das griechische Volk oder um noch lebende Opfer der Nazis geht. Vielmehr werden diese instrumentalisiert, um Staatsschulden abzubauen und Defizite zu verringern. Mit dieser Forderung beschreitet Tsipras eine neue Ebene der ethischen Verkommenheit, die selbst das äußerst unappetitliche Bündnis mit den Rechtsradikalen von Anel in den Schatten stellt. Die klare Absage, die die Bundesregierung diesen abstrusen Forderungen erteilt hat, ist die einzig richtige Antwort auf diesen Erpressungsversuch auf dem Rücken eines historischen Verbrechens.

Ähnlich schlimm wiegt das laute Schweigen Tsipras', wenn es um die steuerbefreiten griechischen Reeder und Bonzen geht. Die Online-Ausgabe von Focus zeichnet in einem Artikel zu dem Thema ein düsteres Bild von der Verstrickung beider Regierungsparteien in die Machenschaften der griechischen Superreichen. Bedrückender Tenor: Auch Tsipras wird aller Voraussicht nach nichts an der schreienden Ungerechtigkeit ändern. Die griechische Linke reist seit der Wahl mit großen Ankündigungen und markigen Parolen durch Europa. Sie fordert dies, sie propagiert jenes. Varoufakis' Biker-Stiefel sind zum Symbol eines unorthodoxen, anti-elitären Regierungsstils geworden. 

Doch auch der hemdsärmelige Varoufakis scheint eine Mogelpackung zu sein. Warum kein Wort zu den Reedern und den Milliardären? Wechselt der Finanzminister das Schuhwerk, sobald die griechische Elite ihm Audienz gewährt? Er wäre nicht der erste Linke, der seine Straßenschuhe über Nacht gegen ein Paar gut gewichste Budapester eintauscht. In Deutschland kennt man viele dieser Sorte. 

Die griechische Links-Rechts-Regierung ist gescheitert, bevor sie angetreten ist. Sie hat sich in jeder Hinsicht blamiert. Jetzt geht es um Schadensbegrenzung und darum, den Austritt aus dem Euro möglichst weich zu gestalten. Dem griechischen Volk ist es zu gönnen. Seinen inkompetenten Führern nicht.   







Dienstag, 3. Februar 2015

Patrick Bernau: Merkels fanatischster Groupie

Patrick Bernau ist verliebt in seine Kanzlerin. Das hat er oft bewiesen. Am Samstag schrieb er ihr einen neuen Liebesbrief in der F.A.Z. Darin deutet Bernau die allgemein beklagte Dauertaktik des Aussitzens der Kanzlerin zur strategischen Meisterleistung um: "Erstmal kommen lassen" feiert Bernau sein Idol bereits in der Überschrift.

Worum geht es eigentlich? Es geht um Griechenland. "Griechenland macht sich in halb Europa unbeliebt", tönt Bernau gleich zu Beginn und steckt routiniert das Weltbild der F.A.Z. ab, demzufolge der Grieche zu spuren hat. Wird er ungezogen und sträubt sich durch demokratische Wahlen gegen das Spardiktat, mache er sich, so Bernau, "in halb Europa unbeliebt" - mit halb Europa meint er hier freilich die Redaktion der F.A.Z. 

"(...) Angela Merkel wartet ab. Das ist die richtige Strategie: Griechenland darf sich auch mal mit anderen Ländern zerstreiten", freut sich Lausbub Bernau und kommt ins Schwärmen: "Einfach mal die Position halten, einfach mal nichts tun. Dabei könnte das genau die richtige Antwort sein auf Griechenlands Crash-Kurs." Brav führt der Redakteur ins Feld, was als Ausweis der Unberechenbarkeit der griechischen Regierung gelten soll: Der neue Verteidigungsminister provoziert die Türkei, der neue Außenminister geht auf Schmusekurs mit Russland und Finanzminister Varoufakis kündigt der Troika die Zusammenarbeit auf. "Und was macht Angela Merkel?" schwärmt Bernau in seliger Selbstvergessenheit; "Sie trifft sich am Freitag zum Abendessen mit dem französischen Präsidenten. Am Montag fährt sie erst mal nach Ungarn. Gut so." Der linientreue Musterschüler lobt sein Vorbild. Eine anrührende Szene der Loyalität - eine Meisterleistung des kritischen Journalismus, wie man ihn von Patrick Bernau kennt.

Bernau ist ein gläubiger Mensch. Zumindest politisch. Er glaubt so fest an die heilige Dreifaltigkeit aus freiem Markt, CDU und "schwarzer Null", dass sein Aufstieg in der neoliberalen Pressehierarchie nur noch Formsache ist. Denn jemand, der im Presseclub im Brustton der Überzeugung äußert, Hartz IV sei eine hervorragende Maßnahme gewesen, die Menschen "doch erstmal in Arbeit gebracht" habe, der glaubt nun wirklich alles. Bernau hat den Merkel-Katechismus fein gelernt. Er ist ein braver Mutti-Zögling.

Montag, 2. Februar 2015

Wie könnt Ihr nur? Widerspenstige Deutsche verblüffen Klaus-Dieter Frankenberger

Klaus-Dieter Frankenberger versteht die Welt nicht mehr. Die Deutschen spuren nicht: "Was ist los mit den Deutschen? Das Freihandelsabkommen mit Amerika wird in fast allen europäischen Ländern mehrheitlich unterstützt. Aber hierzulande hat eine Dämonisierungskampagne voll durchgeschlagen." So beginnt der fürs Außenressort zuständige F.A.Z.-Journalist seinen jüngsten Artikel über TTIP, in  dem er den konformistischen, regierungstreuen Ruf der Frankfurter Tageszeitung bestätigt.

Schon die Wahl der Überschrift ist vielsagend: "Deutschland ist Schlusslicht" heißt es da. Schlusslicht? Worin? Und: Wie kann das sein? Deutschland führt doch! Deutschland muss führen! Wir sind doch Exportweltmeister! Schnell stellt sich heraus, in welchem Ranking Deutschland nicht führt. "Das Freihandelsabkommen mit Amerika wird in fast allen europäischen Ländern unterstützt. 73 Prozent der Polen sind dafür, 71 Prozent der Dänen, 65 Prozent der Briten, 63 Prozent der Spanier und sogar fünfzig Prozent der angeblich so protektionistisch gesinnten Franzosen halten das Abkommen für eine gute Sache; nur in Deutschland, Österreich und in Luxemburg sind die Befürworter eine Minderheit, gibt die Ablehnungsfront den Ton an." 

Der treue Atlantiker Klaus-Dieter Frankenberger ist verblüfft. Warum stellen die Deutschen sich so an? Warum wollen sie das Freihandelsabkommen mit dem treuen Bündnispartner USA nicht? Woher die Skepsis? "Nur 39 Prozent der Deutschen befürworten momentan ein Vorhaben, das den großen atlantischen Wirtschaftsraum noch stärker integrieren soll. Einer relativen Mehrheit ist der erwartete wirtschaftliche, politische sowie der strategische Nutzen gleichgültig. Im Gegenteil, sie wollen das nicht", empört sich Frankenberger. Dabei behauptet er, der von ihm behauptete Nutzen sei einer relativen Mehrheit "gleichgültig". Natürlich belegt er die Behauptung nicht. Die Schuldigen findet Frankenberger schnell: "Während Regierung und Wirtschaftsverbände erst jetzt langsam in die Gänge kommen, weil sie annahmen, die Sache sei ein Selbstläufer, starteten Nichtregierungsorganisationen ihre Dämonisierungskampagne. Das hat voll durchgeschlagen." Klaus-Dieter Frankenberger erklärt uns seine Weltsicht: Was Wirtschaftsverbände verkünden, soll geglaubt werden. Wer dagegen argumentiert, betreibt eine "Dämonisierungskampagne". Das Leben kann so einfach sein, vom Schreibtisch in der Hellershofer Straße aus betrachtet.

"Wir sollten von den Amis vergiftet werden und die Unternehmen sollten Rechte bekommen, welche unser demokratisches System faktisch aus den Angeln heben würde", belächelt Frankenberger die Bedenken der TTIP-Gegner. "Wie gesagt", führt er fort, "in 25 Ländern der EU hegen große Mehrheiten der Leute solche Befürchtungen nicht. Sie erhoffen sich eher Wohlstandsgewinne." Schön für diese Länder. Oder nicht. Sind die Menschen in diesen Ländern informiert, interessiert, gewarnt? Es steht zu befürchten, dass die transatlantische Lobby nicht nur in Deutschland Einfluss hat. Vor allem die Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts dürften für falsche Verlockungen von Uncle Sam anfällig sein. Wer lange unter russischer Knute stand, sucht sein Heil verständlicherweise eher im Westen. Das kann für aufgeklärte deutsche Bürger kein Grund sein, dem trojanischen Pferd der Großindustrie den roten Teppich auszurollen.

Frankenberger kann sich nicht vorstellen, dass Bürger berechtigte Einwände gegen das geplante Abkommen hegen. "Aber die Deutschen sind wieder im Modus der Hysterie und des Pessimismus. Aus den Profiteuren des Welthandels sind Globalisierungsskeptiker geworden. Und der Anti-Amerikanismus gehört ohnehin zur mentalen Grundausstattung vieler Zeitgenossen; zugenommen hat er obendrein (Stichwort NSA-Affäre)." Dass Frankenberger die NSA-Affäre, wenn auch nur als Stichwort in Klammern, überhaupt erwähnt, ist erstaunlich genug. Die größte transatlantische Vertrauenskrise der Nachkriegszeit wischt der Routinier als hysterische Flause nörgelnder Hysteriker beiseite und erteilt dem Leser eine schulbuchmäßige Lektion in Ignoranz.

"TTIP ist kein Selbstläufer. Diejenigen, die sich viel davon versprechen - vielleicht versprechen sie sich zu viel davon - sollten endlich die Auseinandersetzung mit den Gegnern und deren oftmals gar nicht so lauteren Argumenten suchen." Herablassend beschließt Frankenberger seinen Kommentar. Das Gespräch könne man ja suchen, auch wenn die Gegner mit faulen Tricks, "unlauteren Argumenten" also, arbeiteten. Der stramme Translatlantiker und Merkel-Jünger Frankenberger hat seine Arbeit getan. Routiniert, wirtschaftstreu und brav dogmatisch hat er das Gedicht der heilbringenden Marktwirtschaft aufgesagt und den wohlmeinenden Amerikanern den Treueeid geschworen. Schade für ihn, dass die Mehrheit der Deutschen dieses Märchen nicht mehr hören will.