Donnerstag, 19. März 2015

Über Linksautonome und phallische Hochhäuser aus Glas

Vermummte werfen Steine auf Polizisten, beschädigen Autos, aus jeder Ecke steigt Rauch auf. Frankfurt glich gestern einer Stadt im Bürgerkrieg. Journalisten greifen routiniert zu einem bestimmten Begriff, wenn sie die Täter beschreiben. Sie bezeichnen sie als "Linksautonome". Was ist das aber, ein Linksautonomer?

Linksautonome treten immer dann auf, wenn es kracht. Sie randalieren, werfen Steine, rütteln an Polizeiautos, verletzen Polizisten und - falls zufällig am Ort des Geschehens zugegen - Zivilisten. Kurzum: Sie terrorisieren, statt zu demonstrieren. Als Terroristen bezeichnet sie trotzdem niemand. Sie kleiden sich schwarz, tragen Wollmützen und binden sich dunkle Tücher um den Mund. Linksautonome bleiben gerne anonym. Sie denken und handeln radikal. Zeigen wollen sie sich dabei nicht.

Darüber kommt man ins Grübeln: Monatelang diskutiert Deutschland über PEGIDA. Tausende Demonstranten spazieren Woche für Woche durch Dresden und andere deutsche Städte; dumpf, sicher, mitunter auch völkisch unterwandert. Aber friedlich. In Frankfurt hat eine Handvoll Linksautonomer eine deutsche Großstadt in Aufruhr versetzt - an einem Nachmittag.

Taten sagen eben nicht immer mehr als Worte. Zumindest nicht bei der Mehrheit deutscher Journalisten. Die Sprachregelung privilegiert die einen, benachteiligt die anderen. Linksautonome sind unangenehm, gelten aber doch irgendwie als Kämpfer für die gute Sache. PEGIDA-Demonstranten stehen unter dem Generalverdacht, rechts zu sein. Diese Einteilung ist genauso bequem und wie unfair. 

Auch friedliche Demonstranten taten gestern ihre Meinung kund. Sie hatten sich ebenfalls die Europäische Zentralbank als Gegenstand ihres Unmuts ausgesucht. Die EZB steht zwar zurecht am Pranger: Als Mitglieder der Troika betreibt sie eine brutale Sparpolitik, die Griechenland schon vor fünf Jahren das Genick gebrochen hat. Diese Politik half, das soziale Elend im Land zu vergrößern.

Es wundert mich trotzdem, dass sich die Wut sowohl von Krawallmachern als auch von friedlichen Demonstranten auf Frankfurt konzentriert. Die EZB ist nämlich zwar unabhängig, ihr Verhalten problematisch. Die schmerzhaftere Sparpeitsche schwingt man aber in Berlin. Angela Merkel und Wolfgang Schäuble verkündeten von Tag eins der griechischen Schuldenkrise an, es gäbe nur eine Wahl: Sparen, sparen, sparen - und zwar alternativlos!

Warum versammeln sich die Vermummten nicht vor Reichstag, Finanzministerium oder Kanzleramt? Stattdessen ziehen es vor, ein phallisches Glashochhaus anzuklagen. Ich warte auf den Tag, an dem die Wiese vor dem Reichstag voll ist von Demonstranten. Wer klagt Merkels alternativlose Politik dort an, wo sie gemacht wird? Sind die Preußendeutschen wieder zu kuschelig, wenn es ans Eingemachte geht? Oder erleben wir in Dresden und Frankfurt nur die Generalprobe einer aufgestauten Wut, die sich bei der großen Premiere in Berlin ihr großes Ventil sucht? 

  


Donnerstag, 12. März 2015

Griechische Totengräber: Ein Land im präfinalen Zustand

Die griechische Regierung hält an ihren Forderungen nach Reparationszahlungen für die Zeit der deutschen Besatzung fest. Das darf man getrost als Verzweiflungstat werten. Tsipras, Varoufakis & Co. sind vor sechs Wochen mit so einer breiten Brust ins Amt gestartet, dass man befürchtete, es platzten gleich drei Hemdknöpfe auf einmal.

Einige "Antrittsbesuche" in Brüssel später senkten sich die Häupter der Herren merklich. Erst drohten sie, kündigten an, forderten und riefen eine neue Ära aus. Der Ökonom Varoufakis schrieb Artikel, entwarf Konzepte, verkündete dies und das und war sichtlich stolz auf sein Werk.

Spätestens nach der neuerlichen Bitte nach Finanzhilfen Anfang dieser Woche ist klar, welche Luftschlösser sich die krawattenlosen Amtsträger gebaut hatten. Welche Hochstapler haben die Griechen da nur in hohe Ämter und Würden gebracht? Während das parteiinterne Syriza-Blatt Wolfgang Schäuble als KZ-Aufseher verhöhnte, versagten Tsipras und Varoufakis selbst bei den naheliegendsten Aufgaben: Nicht mal die vielgescholtenen Reeder nahmen sie bislang enger an die Kandare!

Die Hoffnung auf eine linksliberale, kooperative und konstruktive griechische Regierung ist zerstoben. Selbst die potenziellen Verbündeten in Portugal schafften es die Griechen zu vergraulen. Das Zampano-Gehabe der beiden führenden Köpfe war zwei Tage lang amüsant. Schon schnell stellte sich beim Beobachter aber ein Befremden ein, das bald Fassungslosigkeit wich. Wann würden Tsipras und Varoufakis das Theater einstellen, ernst machen und ihre wahren Pläne präsentieren?

Irgendwann nahmen auch die Letzten wahr, dass die beiden mit ihren anfänglichen Taschenspielertricks ihr gesamtes Pulver verschossen hatten. Danach kommt nichts mehr. Eine morbide Endzeitstimmung umweht nun jede Verlautbarung aus Athen. Die soziale Katastrophe ist nun unaufhaltbar. 

Die Totengräber der griechischen Gesellschaft sitzen in der griechischen Hauptstadt. Am Ende ist es wohl wirklich nur die Krawatte, die die aufmüpfigen Linkspopulisten von ihren Vorgängern, den Besitzstandswahrern und Spesenrittern der Nea Demokratia, unterscheidet. Griechenland hat seine Henker gewählt. Der Zustand des Landes ist präfinal. Wer kann es jetzt noch reanimieren?

 

Dienstag, 10. März 2015

Das Gruselkabinett frühreaktionärer Denker. Heute: Florentine Fritzen über Frauen, die Männer niederwalzen

"Frau Fritzen, wir bräuchten dann noch einen Artikel, der sich gegen die Frauenquote richtet. Darf gerne etwas überzogen sein. Sie wissen ja, wie das geht. Wenn Sie das als Frau machen, unterstreicht das natürlich die Glaubwürdigkeit, das muss ich Ihnen ja nicht extra erklären." 

So oder so ähnlich dürfte es in der F.A.Z.-Redaktion neulich geklungen haben, nachdem der deutsche Bundestag auf Initiative von Familienministerin Manuela Schwesig die Frauenquote zu Wege gebracht hatte. Florentine Fritzen ließ sich jedenfalls nicht lumpen und verfasste einen Kommentar, den sie "Die Quotenwalze" nannte.

In ihm unterstellt sie den Frauenquotenbefürwortern, sie verfolgten eine Taktik des "Niederwalzens" - eine Taktik, die sie, so Fritzen, eigentlich immer den Männern vorgeworfen hätten. 

„Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich gesagt: Das habe ich alles allein geschafft“ zitiert Fritzen die Familienministerin mit einer flapsigen Aussage, die man eigentlich nur ernst nehmen kann, wenn man gänzlich humorbefreit ist. So wie offenbar Florentine Fritzen: "Weil sie aber eine Frau ist, sagte sie ebendiesen Zickensatz, der alle Männer erst mal pauschal plattmachte. Dann lobte sie ihre Mitstreiterinnen - und natürlich Heiko Maas, aber der hat eben auch viele weibliche Eigenschaften."

Cry me a river, Frau Fritzen! Mit diesem - höchstwahrscheinlich scherzhaft gemeinten - Satz macht Manuela Schwesig "alle Männer erst mal pauschal platt"? Das kann doch nicht ihr Ernst sein. Wenn das so weitergeht, unterstellen Sie den Frauen noch, sie würden auf dem Arbeitsmarkt systematisch übervorteilt. Aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen - vielleicht hat Florentine Fritzen das tatsächlich schon behauptet?

Das Wort "Mitkämpferinnen" löst bei der Redakteurin das blanke Entsetzen aus. Mahnend hebt sie den Zeigefinger: "Wer jetzt meint, sollen sie doch alle ihr Gehabe pflegen, wie sie wollen, irrt. Denn er verkennt, dass sich darin genau das zeigt, was Frauenquotenbefürworter beiderlei Geschlechts „den Männern“ immer vorwerfen: eine Taktik des Niederwalzens. So dass alle, die die Sache anders oder differenzierter sehen, lieber die Klappe halten."

Natürlich, Frau Fritzen. Wenn manche Frauen sich als "Mitkämpferinnen" bezeichnen und auch mal einen männerfeindlichen Spruch absetzen, muss System dahinter stecken. Eine Frauenverschwörung um Manuela Schwesig ist im Anmarsch. Die Machtergreifung steht kurz bevor. Ehrlich? Ist das noch Larmoyanz oder schon Paranoia?

Auch außerhalb des Bundestages, weint Fritzen, gebe es kaum noch Stimmen, die dem "Mainstream" widersprechen wollten. Über allem liege eine Soße: Die Quote sei gut, wer sie hinterfrage, sei dumm oder böse, so resümiert Fritzen die Quotendebatte. 

Korrektur, Frau Fritzen: Quotengegner gibt es viele, sie sind lautstark, nicht zu überhören. Viele von ihnen lesen F.A.Z. Ihre Lieblingsautorin sind vermutlich Sie, Frau Fritzen. Mit der "Soße", die angeblich über allem liegt, meinen Sie höchstwahrscheinlich Meinungen, die von Ihrer abweichen. 

Die wehleidige Argumentation kenne ich noch gut von Thilo Sarrazin. Es ist die "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Attitüde. Sie funktioniert so: Man macht vom Recht gebrauch, etwas Dummes zu sagen. Man erhält Widerworte. Dann beschwert man sich, man würde "mundtot gemacht", als "dumm" oder "böse" bezeichnet. 

Zur Meinungsfreiheit gehört aber auch, sich Meinungen über die eigene Meinung bieten zu lassen. Das müsste selbst Frau Fritzen wissen. Die "Soße", die über allem liegt, ist aus meiner Sicht eher das unsägliche Gerede über eine "Flexi-Quote" oder sonstigen Hokuspokus, der nur darauf abzielt, Unternehmen frei schalten und walten zu lassen. Das läuft jetzt jedoch zum Glück nicht mehr. Die Chance haben die Herren nun mal verpasst.

Frau Fritzen und die konservative F.A.Z.-Redaktion dürfen sich aber freuen. Denn dreißig Prozent Frauenanteil heißt doch nur, dass es noch eine faktische Männerquote von 70% gibt. Machen Sie eine Flasche Champagner auf, Florentine Fritzen! Die deutsche Volkswirtschaft ist für Reaktionäre in den Führungsetagen und ihre Apologeten in konservativen Redaktionsstuben noch immer ein Schlaraffenland.

Montag, 9. März 2015

Zweimal F.A.Z. zur NSA-Affäre: Hier krude Apologetik, da faktenbasierter Common Sense

Nachdem Jasper von Altenbockum vor wenigen Tagen sich und seine Zeitung mit einem kruden Artikel blamiert hatte, in dem er die Tragweite der durch die NSA-Affäre gewonnenen Erkenntnisse herunterzuspielen versuchte, betreibt die F.A.Z. heute Schadensbegrenzung.

In einem lesenswerten Artikel fasst Constanze Kurz zusammen, was jede mit gesundem Menschenverstand ausgestattete Person aus der NSA-Affäre gelernt haben müsste: Die westlichen Geheimdienste sind außer Kontrolle geraten. Nicht, dass das nicht vorher schon klar gewesen wäre. Bei manch einem dauert es offensichtlich aber etwas länger, und manch anderer will die Erkenntnisse nicht wahrhaben, weil sie nicht in sein Weltbild passen.

Jasper von Altenbockum scheint ein solcher zu sein; denn die Argumentation, die er in seinem Artikel bemüht, war genau das: bemüht, und zwar so sehr, dass man schon Mitleid bekommen konnte. Auf der einen Seite der Apologet von Altenbockum, der alles gar nicht so schlimm findet oder zumindest nicht so schlimm finden will; auf der anderen Seite Snowden, Greenwald, der Guardian und ein Faktenberg, der seit Sommer 2013 nicht aufhört zu wachsen.

Der Artikel von Altenbockums war der F.A.Z. wohl selbst ein bißchen peinlich. Selten kommt es nämlich vor, dass ein Autor, wie Constanze Kurz im vorliegenden Fall, sich explizit kritisch auf einen Autor derselben Zeitung bezieht. Und das nicht gerade zimperlich: "Von einem Überwachungsstaat könne deswegen keine Rede sein, wurde jüngst auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung moniert - unter anderem mit der Begründung, dass das Wort „Überwachungsstaat“ nicht im Brockhaus stehe. Abgesehen davon, dass der Brockhaus möglicherweise für Phänomene der digitalen Welt das falsche Nachschlagewerk ist, drängt sich die Frage auf, mit welcher selektiven Ignoranz man an die Lektüre der Snowden-Dokumente gehen muss, um zu einer solchen Erkenntnis zu kommen".  Viel mehr ist dazu gar nicht zu sagen.

Die Snowden-Dokumente über die "aktive Zersetzungsarbeit", die etwa der britische Geheimdienst GCHQ beitreibe, sprächen, so Constanze Kurz, eine deutliche Sprache. Sie seien politische Machtmittel, an denen die Dienste die Regierungen nach Gutdünken partizipieren ließen. Für die Regierungen sei dieser undemokratische Zustand bequem. Ihre Strategie sei es deshalb, so zu tun, als gäbe es gar kein Profil. Sie machten "den Pofalla". 

"Aussitzen" hieß das bei Kohl und heißt es noch bei Merkel. „Wir können zwar alles und jeden überwachen, aber wir tun es nicht! Versprochen, großes Pionierehrenwort!", schreibt Kurz. Schön, dass wenigstens einer bei der F.A.Z. das in dieser Klarheit ausspricht. Schade, dass es zu dieser Replik überhaupt kommen musste. Denn das Politiker ihre Machtposition ausnutzen, ist nachvollziehbar. Dass renommierte Journalisten ihnen und den Machenschaften der Geheimdienste unverblümt das Wort reden, ist es nicht.