Donnerstag, 28. Mai 2015

Emmanuel Todd: Schon 2002 ein Prophet

Buchrezension:
Emmanuel Todd: Weltmacht USA, Piper, 2003.

Emmanuel Todd veröffentlichte sein Buch 2002. Rückblickend erstaunt die Präzision, mit der er damals viele Dinge vorausgesehen hat, die heute eingetreten sind. So etwa die Rückkehr Russlands auf die weltpolitische Bühne oder die zunehmende Radikalisierung der amerikanischen Gesellschaft wie sie etwa die Ausgrenzung der Schwarzen darstellt. Diese erlebt ja derzeit einen traurigen Höhepunkt. Die USA, so Todd, verlören ihren universalistischen Anspruch. Dieser habe früher darin bestanden, andere Völker als prinzipiell gleichwertig anzusehen. Heute jedoch dominiert der Trend zur Ausgrenzung: Was früher hauptsächlich Indianer und Schwarze waren, gelte heute zunehmend auch für Mexikaner und andere Hispanics. Todd behauptet, die amerikanische Gesellschaft müsse stets zwei oder drei Gruppen ausgrenzen, um andere integrieren zu können. Juden, Iren und Deutsche etwa hätten integriert werden können, weil gleichzeitig Schwarze, Indianer und Juden ausgegrenzt worden seien.

Todd thematisiert die korrupte und pathologisch auf Konsum ausgerichtete Wirtschaft der USA mit ihrem dauerhaften Handelsbilanzdefizit. Dabei greift der den Enron-Skandal auf, der vor dreizehn Jahren Schlagzeilen machte. Was Todd wohl erst angesichts der katastrophalen Finanzkrise von 2007 gesagt hätte?

Unbedingt muss ich erwähnen, dass Todd - er ist Anthropologe und Demograf - im Buch verschiedene Gesellschaften vor dem Hintergrund ihrer Familienstrukturen analysiert, was ich überaus interessant finde. Als Parameter zieht er dabei autoritär/liberal bzw. egalitär/inegalitär heran. Die Familienstrukturen, so Todd, prädestinieren auf entscheidenden Weise, wie eine Gesellschaft ausgestaltet ist. Deutschland wäre dieser Schablone zufolge zum Beispiel ein Land, in dem autoritäre und inegalitäre Strukturen vorherrschen, was auch das Aufkommen des Nationalsozialismus begünstigte. Inegalitär deshalb, weil früher nur der Erstgeborene Sohn den Hof des Vaters erbte, während die anderen Kinder leer ausgingen. In anderen Ländern, wie etwa Frankreich, ging das Erbe gleichermaßen auf alle Nachkommen über, was, so Todd, in Frankreich die Voraussetzungen schuf, eine liberale und egalitäre Gesellschaft zu werden. Ob ich dieser Analyse folgen will, weiß ich nicht. Sie bietet aber auf jeden Fall eine interessante Perspektive auf die Frage, was Völker voneinander unterscheidet.

Tenor des Buches: Die USA sind ein Scheinriese, weder militärisch noch politisch fähig, ein Imperium zu begründen, geschweige denn aufrechtzuerhalten. Der Zusammenbruch der Sowjetunion schuf für kurze Zeit die Illusion einer amerikanischen Weltmacht, die aber bereits 1990 zu scheitern begann. Heute wie schon vor 13 Jahren betreiben die USA Muskelspiele, indem sie sich militärisch klar unterlegene Gegner aussuchen, um diese dann "eindrucksvoll" zu überwältigen (Irak, Libyen). Todd legt dabei den Finger in eine klaffende Wunde der USA, die in der Schwäche seiner Bodentruppen besteht. Dieser Schwäche sind sich die Amerikaner schmerzlich bewusst, weshalb sie sich auch im Kampf gegen den IS scheuen, Bodentruppen einzusetzen. Vom Zweiten Weltkrieg über den Koreakrieg bis zum Desaster in Vietnam hätten die amerikanischen Streitkräfte immer wieder ihre relative Inkompetenz im Nahkampf unter Beweis gestellt, behauptet Todd. Deshalb verlege man sich mittlerweile auf möglichst sterile Luftangriffe wie etwa im Irakkrieg.

So lenkten die USA durch Machtdemonstrationen von der eigenen Ohnmacht ab, die zum einen aus dem fortschreitenden wirtschaftlichen Niedergang (Realwirtschaft), zum anderen aus dem offen zutage tretenden Machtverlust in einem zunehmend multipolaren internationalen Gefüge bestehe, schreibt Todd. An der Validität seiner Thesen hat sich seit der Veröffentlichung des Buchs wenig geändert; 13 Jahre sind aber natürlich auch keine lange Zeit, wenn es um gesellschaftliche und weltpolitische Prozesse geht, die sich ständig im Fluss befinden.

Trotz der wissenschaftlichen Herangehensweise schreibt Todd unterhaltsam. Einen Stern muss ich abziehen, denn die Übersetzung ist leider oft sehr sperrig, umständlich und insgesamt missraten.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Gedanken zur Erinnerungskultur in Deutschland

"Jetzt reicht's aber auch mal", "irgendwann muss man abschließen" usw. Solche Äußerungen hört man nicht selten, wenn es um den Holocaust geht, der in diesen Tagen anlässlich der Befreiung vieler Konzentrations- und Vernichtungslager wieder vermehrt in den Schlagzeilen ist. Noch öfter liest man derlei Äußerungen in Internetforen oder im Kommentarbereich unter Youtube-Clips. Dabei geht es aber natürlich deutlich dumpfer zu. 

Aber nicht nur völkische Dumpfbacken denken so. Auch Intellektuelle. Prominentestes Beispiel: Martin Walser. In seiner berüchtigten Rede in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1998 prägte er den Begriff der "Auschwitz-Keule". Das Erinnern an Auschwitz sei zu einer ritualisierten Handlung verkommen, meinte Walser damals. Sie diene nur noch dazu, das gut gepflegte schlechte Gewissen der deutschen auf ewig zu konservieren.

Dieses Denkmuster kenne ich von mir selbst, und von nicht wenigen anderen, die ich grundsätzlich für intelligente Menschen halte. Tenor: Deutschland ist nicht so selbstbewusst, wie es sein könnte (was auch immer das heißt). Schuld daran sei unter anderem die Erinnerungskultur, die in Deutschland fetischistische Züge trage und eine Nation in Fesseln lege, die "ihre Schuld getan" habe. 

Diese Meinung habe ich bis vor ein paar Jahren geteilt. Wie ein leeres Ritual kamen mir Gedenkfeiern vor, das jährliche Mahnen, der gehobene Zeigefinger. Was, so dachte ich, soll ich als Kind der Achtzigerjahre damit anfangen? Ich dachte, ein anderes Deutschland zu kennen. Die Präsenz des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust in den Medien erschien mir fehl am Platz. Es war zur Zeit der Jahrtausendwende, als die mediale Berichterstattung zu diesen Themen ihren Höhepunkt erreicht hatte - so mein subjektiver Eindruck. Im Jahr 2000 legte Norman Finkelstein dann sein Buch "Die Holocaust-Industrie" vor, in dem er eben jene Umtriebe anprangerte. Das Buch fand in Deutschland größten Anklang.

Hätte Walser die Rede so gehalten, wenn er gewusst hätte, wer den Begriff heute benutzt? Wahrscheinlich nicht. Denn die "Auschwitz-Keule" begegnet einem heute an den schäbigsten Orten. Dokumentationen über Hitlers Russlandfeldzug etwa sind gespickt mit Kommentaren von Usern, deren Avatare aus Reichskriegsflaggen, höchstens leicht entstellten SS-Abzeichen oder anderer völkischer Symbolik bestehen. "Deutschland erwache!" gröhlt es auch aus dem Subtext von vielen Leserkommentaren großer Zeitungen. Zu nennen wären vor allem die Onlineausgaben der Frankfurter Allgemeinen oder der Welt.

Heute bin ich der Meinung, dass in Deutschland nie genug an Auschwitz erinnert werden kann. Diejenigen nämlich, die "genug haben" und nichts davon hören wollen, sind diejenigen, die sich am dringendsten mit ihrem Deutschsein auseinandersetzen sollten. Jeder Deutsche, der sagt, er habe genug, ist ein Grund, weiter zu erinnern. Vielleicht ist die Erinnerungskultur sogar zu schwach. Im Jahr 2015 reden viele Deutsche so völkisch wie seit 70 Jahren nicht mehr. Schließlich sind "wir" Weltmeister im Fußball, waren es lange im Export, "wir" müssen die "Pleite-Griechen" sanieren, für sie aufkommen. Im Jahr 2015 dominiert Deutschland in Europa - ein Horrorszenario für jeden, der die deutsche Mentalität kennt.

Außerdem: Ob das Erinnern ein leeres Ritual ist oder nicht kann jeder für sich entscheiden. Medien sind Medien - sie vermitteln. Denken und fühlen muss jeder für sich. Wer sich zehn Minuten Zeit nimmt und sich vor Augen hält, was Deutsche vor 70 Jahren angerichtet und geduldet haben, wird nicht mehr von einem "leeren Ritual" sprechen. Er wird irgendwann akzeptieren, dass dieser Teil der Geschichte kein Zufall war, sondern fest zur deutschen Identität gehört, ob es ihm passt oder nicht.






  

Samstag, 2. Mai 2015

Gemischtes Eis mit fadem Beigeschmack

ALBUMKRITIK:
BLUR: THE MAGIC WHIP, WARNER BROTHERS, 2015 

 Blur: The Magic Whip

Welche Eissorten sind das, die Blur den Hörern auf Magic Whip servieren? Leider verstehe ich kein Japanisch und kann die Schriftzeichen (oder ist das Mandarin?) auf dem Albumcover nicht lesen. Soviel ist klar: Es schmeckt mir nicht. Blur langweilen sich. Und die Hörer gleich mit. Albarns traniger Gesang, Coxons lakonische Riffs und Rowntrees unbeteiligtes Getrommel inspirieren nicht mehr.

Dabei machen Blur die gleiche Musik wie in den Neunzigern. Und dann eben doch wieder nicht. Denn "Beetlebum", "Song 2" oder das ambitionierte "13" hatten "Magic Whip" eben einiges an Dynamik und Energie voraus. Man könnte es auch Inspiration nennen. Kombiniert mit der Albarn'schen Coolness und dem kongenialen Spiel Coxons ging das Rezept einwandfrei auf, bis Letztgenannter die Band verlies und Blur nur noch traurige, geistlose Elektronik produzierten.

"The Magic Whip" ist wie ein Abgesang auf alte Zeiten. Es ist ein jämmerliches Jaulen, ein Leierkasten. Nach "Ice Cream Man" brauchte ich erstmal ein Bier, solche Beklemmungen löste der Song in mir aus. Ein Song gleicht dem Nächsten, Albarn quäkt trostlos, Coxon lehnt sich noch manchmal gegen die stimmliche Klagemauer an, scheitert aber. Die Musik ist seltsam steril, hat etwas zombiehaftes, gleichzeitig wirkt sie teilweise wie ein Barbiturat. Die Lebendigkeit, die Coxons akustische Gitarren etwa "Blur" (1997) noch verliehen, fehlt hier restlos.

Die Rückkehr des begnadeten Gitarristen ändert nichts am Trend zur blutleeren, antiseptischen Musik, die mit "Think Tank" (2003) begann und an die sich "The Magic Whip" nahtlos anschließt. Schade!